Nr. 34/2021 vom 26.08.2021

Piratenjäger in Kabul

Über die Armee-Eliteeinheit AAD 10 ist kaum etwas bekannt. Wozu braucht die Schweiz diese Truppe?

Von Natalia Widla

«AAD 10, das ist das Kürzel, auf das Sie Ihre Hoffnung setzen werden, sollten Sie am Horn von Afrika Scherereien mit Piraten haben.» So eröffnete SRF-Moderator Stefan Klapproth im Mai 2009 einen «10 vor 10»-Beitrag zur Eliteeinheit AAD 10 der Schweizer Armee. Jetzt stehen die «Piratenjäger» von damals wieder in den Schlagzeilen.

Gemäss diverser Medienberichte seien sechs Angehörige der «geheimen» Elitetruppe am 17. August in einem Charterflugzeug über das usbekische Taschkent in die afghanische Hauptstadt Kabul entsandt worden. Der Auftrag der «Elite-Soldaten» (Nau.ch) und «Schweizer Rambos» («Berner Zeitung») besteht laut Bundesrat darin, etwa 280 Menschen aus Afghanistan zu evakuieren. Neben SchweizerInnen sind das AfghanInnen, die im Dienst der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit standen, sowie deren enge Familienangehörige. Gemäss dem Aussendepartement arbeitet die Einheit in Kabul mit der Schweizer Botschaft und Partnern vor Ort zusammen. Sie operiere auf dem von der amerikanischen Armee gesicherten Teil des Flughafens.

Spärliche Informationen

Doch wer sind die «super Grenadiere» («Tages-Anzeiger») der AAD 10? Genaues weiss die Öffentlichkeit nicht über die aus Berufssoldaten bestehende Einheit, die nur Einsätze im Ausland ausführt. Das 2004 mit rund vierzig Männern gegründete Armee-Aufklärungsdetachement wurde Ende 2018 um elf Mann aufgestockt. Als Grund gab die Armee gegenüber SRF die «verschärfte Lage» im Ausland an. ExpertInnen gehen mittlerweile von rund neunzig Mitgliedern aus. Die Soldaten hätten unterschiedliche militärische Grade und seien zwischen 22 und 42 Jahre alt, heisst es auf der Website des Verteidigungsdepartements. Es ist weder bekannt, wer dem Detachement angehört, noch, wer es befehligt und was diese Eliteeinheit die SteuerzahlerInnen kostet.

«Eine Prise Abenteuer»

Während des libyschen Bürgerkriegs schützte die AAD 10 die Schweizer Botschaft in Tripolis, auch Einsätze im Kosovo sind bestätigt, viel mehr gesicherte Informationen zu Auslandseinsätzen gibt es nicht. Am meisten Aufsehen erregte die AAD 10 durch einen geplanten Einsatz während der Libyenkrise, als die Schweiz eine militärische Befreiung von zwei in Tripolis festgehaltenen Schweizer Geiseln erwog, es dann aber bleiben liess.

Mehr bekannt ist hingegen über den Rekrutierungsprozess. Die Bewerber durchlaufen psychische, physische, intellektuelle und motivationsprüfende Tests. Schon in der Vorselektion müssten die Bewerber «unter anderem mindestens 10 Klimmzüge, 50 Liegestütze sowie 60 Rumpfbeugen ohne Unterbruch schaffen und 5 km Geländelauf in unter 24 Minuten meistern». Die Ausbildung dauert rund achtzehn Monate.

Daniel Stoll, ehemaliger Kommandant der AAD 10, sagte 2009 gegenüber SRF, dass die meisten der Mitglieder «aus ideologischen Gründen» einen «speziellen Dienst am Land leisten wollen». Auch eine «Prise Abenteuer» spiele eine Rolle. Dieses Abenteuer findet nun in Kabul statt: Gemäss Hans-Peter Lenz vom Krisenmanagement-Zentrum des Aussendepartements sollen sich die Grenadiere ein «Bild der Lage verschaffen». Und sie sind «selbstverständlich bewaffnet», wie Militärexperte Bruno Lezzi gegenüber dem «Blick» verlauten liess.

Wie viel die sechs Rambos in Kabul in einem «mysteriösen Einsatz» (Nau.ch) ausrichten können, bleibt genauso offen wie alles andere. Nach aktuellem Stand sind bisher rund 300 Personen mit Schweizer Pass oder Schweizbezug evakuiert worden. Man mag von der AAD 10 halten, was man will – aber mit humanitärer und finanzieller Hilfe vor Ort, vor allem aber mit der grosszügigen Aufnahme von Geflüchteten und Hilfesuchenden in der Schweiz wäre den Menschen in Kabul sicherlich mehr geholfen. Auch im Fall von Afghanistan zeichnet sich ab: Die viel zitierte humanitäre Tradition der Schweiz bleibt genauso sagenumwoben wie die AAD 10.

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