16.12.2004

Die Waffe und das Wort

Zwei Bücher untersuchen Sprache und Kampf der zapatistischen Bewegung im Süden Mexikos.

Von Wolf-Dieter Vogel

Dem bewaffneten Aufstand des Zapatistischen Befreiungsheers (EZLN) im Januar 1994 folgte der Krieg der Worte. GlobalisierungskritikerInnen fuhren ins südmexikanische Chiapas, um sich mit der indianischen Bürgerrechtsbewegung und ihrem Sprecher, Subcomandante Marcos, zu solidarisieren. Vor allem die Beiträge des «Sub» verhalfen der EZLN zu nationaler und internationaler Bedeutung und zügelten Hardliner und Militärs im mexikanischen Regime.

WOZ-Autorin Anne Huffschmid hat nun diesem Phänomen mit «Diskursguerilla: Wortergreifung und Widersinn» ein Buch gewidmet. «Statt Identifizierung bietet der Zapatismo die Möglichkeit zur Identifikation», sagt die Autorin und verweist so auf einen wesentlichen Teil des internationalen Erfolgs der EZLN. Der Bezug auf den mexikanischen Revolutions- und Nationalhelden Emiliano Zapata böte der Bewegung eine grosse Interpretationsmöglichkeit. Die verhüllten Gesichter hinter den Masken spielen mit dem Chic einer Untergrundbewegung, die tatsächlich zu den Waffen greift, aber dies nicht bei jeder Gelegenheit militaristisch zelebrieren muss. «Wenn ihr wissen wollt, wer hinter der Maske steckt, dann schaut in einen Spiegel», hat Marcos in einem seiner Texte geschrieben.

Die Indigenas dienen der internationalen Linken wegen ihrer Unbestimmtheit auch als Projektionsfläche, resümiert Huffschmid – eine Erkenntnis, die nicht gerade aussergewöhnlich ist. Die Autorin prophezeit: «Je mehr das politisch-programmatische Antlitz der Aufständischen an Konturen gewinnt, desto weniger werden sich schliesslich in ihm spiegeln oder wiedererkennen.» Tja nun, und dann?

Eher distanzlos beschäftigt sich die mexikanische Journalistin Gloria Muñoz Ramírez mit dem Zapatismus. Sie hat sieben Jahre in zapatistischen Gemeinden im Bundesstaat Chiapas gelebt. Für ihr Buch «EZLN: 20 und 10» hat der «Sub» Vorwort und Resümee geliefert. Muñoz Ramírez selbst konzentriert sich auf eine Zusammenfassung der Geschichte des Zapatismus von den Anfängen im Dschungel, der spektakulären Erhebung von 1994 zu den Mühen des Alltags von heute. Sie stellt die Politik der EZLN nicht prinzipiell zur Debatte, kritische Einwände zielen auf unmittelbare Probleme der indigenen Bewegung. So wird beispielsweise die schwache Präsenz von Frauen in Führungspositionen und die hervorgehobene Rolle von Subcomandante Marco angesprochen. Dafür lässt Muñoz Ramírez AkteurInnen zu Wort kommen, die oft untergehen: «Leutnant Insurgente im Sanitätsdienst Gabriela» oder «Compañero Gerardo aus den ersten zapatistischen Dörfern», die über Landverteilung oder Gesundheitsversorgung sprechen. «Es ist unsere Art», so erklären sie, «zuerst an die Praxis und dann an die Theorie zu gehen.»

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