Nr. 08/2006 vom 23.02.2006

Marcos Superstar

Von Armin Köhli

Der Aufstand kam scheinbar aus dem Nichts. Vor zwölf Jahren, am 1. Januar 1994, überfiel die indigene Zapatistische Befreiungsarmee EZLN im mexikanischen Bundesstaat Chiapas fünf Städte, darunter San Cristóbal de las Casas. Die Welt schaute in die mexikanische Provinz, und der Sprecher der EZLN, «Subcomandante Insurgente Marcos», der nur mit Gewehr und Roger-Staub-Mütze auftrat und dessen Identität unbekannt blieb, machte Schlagzeilen. Mit seinen flotten Sprüchen sei er der Politstar Nummer eins in Mexiko, schrieb Anne Huffschmid in der WOZ Nr. 8 vom 25. Februar 1994, und: «Er verkörpert und aktiviert auch die subversiven Phantasien einer ganzen Generation von Ex- oder MöchtegernrebellInnen - auch in erotischer Hinsicht.» Huffschmid, offensichtlich selber von Marcos fasziniert, behielt dennoch kritische Distanz: «Angesichts der Fülle von erfrischenden und überaus lesbaren Texten übersieht die geneigte Leserin allerdings leicht die weniger verdaulichen Brocken in Marcos’ Diskurs: Beim freien Assoziieren mit der ‹Jornada›-Reporterin fällt dem EZLN-Sprecher zu ‹Liebe› dann doch zuallererst die ‹Vaterlandsliebe› ein; die Früchte des ‹Sieges› würden wohl ‹spätere Generationen› ernten, und momentan bedeute Sieg noch ‹Opfer bringen›.»

Subcomandante Marcos bezieht sich in seinen Reden, Texten und Interviews immer auf soziale Bewegungen und Kämpfe in anderen Ländern und Kontinenten. Nicht zuletzt die beiden «intergalaktischen Treffen gegen Neoliberalismus und für Menschlichkeit» zogen AktivistInnen aus aller Welt an. «Eine im Wortsinn moderne Guerilla», befand Anne Huffschmid schon zuvor. Sie sah aber auch potenzielle Konflikte zwischen dem gewieften Medienstar Marcos und der Basis der EZLN, den Indigenen in Chiapas: «Offensichtlich ist, dass Marcos nicht dieselbe Sprache spricht wie die indianischen Comandantes Ramona, David, Felipe, Javier, Isaac und Moisés, die ebenfalls im lakandonischen Regenwald von der ‹Jornada› interviewt wurden - ob sie dasselbe meinen, lässt sich nur vermuten. Wo der Subcomandante mit Vorliebe von ‹ziviler Gesellschaft› spricht, beziehen sich die indianischen Mitglieder des Klandestinen Revolutionären Indianerkomitees einfach auf ‹das Volk›; ihre Rede in gebrochenem Spanisch ist weit weniger geschmeidig - und dadurch unversöhnlicher - als die ihres akademisch geschulten Sprechers.»

Der «Che der neunziger Jahre» hat auch im 21. Jahrhundert seine Ausstrahlung behalten, auch wenn es jahrelang ruhig um ihn war. Am 1. Januar 2006 begannen der «Sub» und mehrere indigene Comandantes eine sechsmonatige Rundreise durch Mexiko. Bis zu 20 000 Menschen kamen zum Auftakt dieser Reise nach San Cristóbal. «Die andere Kampagne» nennen die ZapatistInnen diese Karawane, die die EZLN mit den anderen linken Kräften verbinden soll.

Die WOZ analysierte Marcos und die Bewegung der ZapatistInnen genau. Noch 1994, im ersten Jahr des Aufstandes, erschien ein WOZ-Buch dazu: «Mexico. Der Aufstand in Chiapas - die Hintergründe, die Folgen» (immer noch erhältlich). Sie liess die ZapatistInnen auch selber zu Wort kommen: In der gleichen Nummer 8/94, im «Dossier zapatistische Revolte», erschien ein Artikel unter dem Titel «Der Südosten in zwei Winden, einem Sturm, einer Prophezeiung». Diesen «Text aus dem lakandonischen Regenwald» dokumentierte die WOZ als Erste ausserhalb des spanischen Sprachraums. Autor: Sc. I. Marcos, Subcomandante Insurgente Marcos.

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