Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Ein deutscher Fernsehabend

Von Anna JikharevaMail an Autor:in

Wer am Sonntag in den deutschen Wahlkampf schaltete, konnte meinen, der kommunistische Umsturz stünde kurz bevor. Zuerst warnte CSU-Chef und Fast-Kanzlerkandidat Markus Söder im ARD-«Sommerinterview» eindringlich vor einem «Linksrutsch» und den damit verbundenen «massiven Steuererhöhungen», Instabilität und einem Austritt aus der Nato. Wenn man keine Inhalte bieten kann, lässt sich mit Angst noch immer Politik machen.

Damit war das Thema für die Union gesetzt, die aufgrund immer schlechter werdender Umfragewerte offenbar in Panik ist. Mit dem «Linksrutsch» gemeint ist das vermeintlich revolutionäre Gespenst einer rot-grün-roten Regierung, die zwar rechnerisch möglich, aber wenig wahrscheinlich ist. Und in Panik ist die Union, weil die Umfragewerte von Olaf Scholz (SPD) durch die Decke gehen, der wahrlich kein glühender Linker ist, sondern für Hartz IV, Polizeigewalt und die Zwangsabgabe von Brechmitteln an mutmassliche Dealer steht.

Nach Söders «Warnruf» folgte unter dem Titel «Triell» der erste gemeinsame Auftritt der drei KanzlerkandidatInnen. Dabei schaffte es CDU-Mann Armin Laschet, über eine Stunde lang nichts von Belang zu sagen, ausser nach einem gerade grandios gescheiterten Krieg in Afghanistan die Magie der Drohne zu beschwören. Bis es dann eben um die zukünftige Regierung ging.

Ab da kannte Laschet kein Halten mehr und verlangte von Scholz, eine Koalition mit der Linkspartei auszuschliessen. In guter deutscher, links und rechts gleichsetzender Hufeisenmanier war er dermassen erregt, als ginge es darum, mit der rechtsextremen AfD zu regieren. Vermutlich könnte sich Laschet das eher vorstellen. In Deutschland, das ist ja auch nicht neu, steht der Feind halt links, während die Flanke nach rechts weit offen ist.

Ähnlich bunt trieb es im Anschluss auch CDUler Paul Ziemiak, der bei «Anne Will» vor der rot-rot-grünen «Truppe» warnte. «Wenn das die Verteidigungslinie sein soll, dann gute Nacht, Marie», konterte SPD-Politiker Kevin Kühnert. Damit wäre eigentlich alles gesagt. Der deutsche Wahlkampf ist offen wie nie.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch