Nr. 39/2021 vom 30.09.2021

Der gute Lehrer von Stadtallendorf

Von Dominic Schmid

So unkonventionell sind Herr Bachmann und seine Lehrmethoden gar nicht – oder sollten es zumindest nicht sein. Er bringt seiner Klasse – hauptsächlich etwa 12- bis 14-jährige Kinder mit verschiedensten Migrationshintergründen – Deutsch und Englisch bei. So weit der Lehrplan. Das Banal-Besondere ist aber, wie er das tut: mit aufrichtigem Interesse für die Kinder und deren Herkunft, mit freundlicher Geduld und Nachsicht, was ihre (und seine eigenen) Imperfektionen betrifft – und mit einem phänomenalen Gespür für die sozialen Dynamiken in diesem Mikrokosmos eines durchschnittlichen Klassenzimmers in einer durchschnittlichen kleinen Industriestadt in der Mitte Deutschlands.

Unkonventionell ist auch Maria Speths Dokumentarfilm «Herr Bachmann und seine Klasse» nicht, von seiner Länge einmal abgesehen. Offensichtlich inspiriert von Frederick Wiseman und seinen zurückhaltenden, extrem präzisen Institutionenporträts, beobachtet die Regisseurin die alltäglichen Interaktionen zwischen dem Lehrer und seinen Schülerinnen und Schülern. Wie er die Klasse über Homosexualität, Religion und Akzeptanz diskutieren lässt und dabei die entstehenden Konflikte stets sanft in respektvolle Debatten umzuleiten vermag. Wie er die Schüler:innen einander trösten lässt, das musikalische Talent eines Jungen fördert oder im Einzelgespräch einer verzweifelten Schülerin, deren Familie umziehen will, einfach zuhört.

Es geschieht nichts Weltbewegendes, aber auf eine Weise geschieht auch alles. Man könnte sagen, dass der Film als reines Porträt auch mit der Hälfte seiner Laufzeit funktionieren würde. Was sich Speth mit ihren fast schon dreisten dreieinhalb Stunden aber erkauft, ist etwas anderes: ein wirkliches Erfahren der zahlreichen (teils gegensätzlichen) Rhythmen in diesem Schulzimmer, die Herr Bachmann fast unmerklich immer wieder zu einer Harmonie umformt. Dies ist einer der seltenen Filme, die einen mit mehr Hoffnung für die Menschheit zurücklassen, als man davor hatte.

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