Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Vorwärts in die Vergangenheit

Wieder einmal werden die Rechte der Frauen durch die Taliban massiv eingeschränkt. Geld könnte ein Druckmittel sein, um die Islamisten zu Zugeständnissen zu bewegen.

Von Cigdem AkyolMail an Autor:in

Es waren gerade einmal sechs Frauen, die vergangene Woche vor einer Schule in Kabul für die Rechte von Mädchen einstanden. «Zerbrecht nicht unsere Stifte, verbrennt nicht unsere Bücher, schliesst nicht unsere Schulen», stand auf einem Banner, das sie in den Händen hielten. Die Frauen protestierten dagegen, dass zum landesweiten Schulstart Mitte September nur die Lehrer und Schüler zurück in die Sekundarschulen durften. Den Taliban waren die sechs Demonstrantinnen sechs zu viel: Sie feuerten Warnschüsse ab, woraufhin sich die Frauen zurückzogen.

Nach der Regierungsübernahme Mitte August versprachen die neuen Machthaber, die Rechte der Frauen zumindest im Rahmen der islamischen Scharia achten zu wollen. «Unsere Schwestern und unsere Männer haben die gleichen Rechte», versicherte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahed. Wenige Tage später wurde klar, dass die Fundamentalisten für Frauen den Rückwärtsgang vorgesehen haben.

Sieg der Hardliner

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat kürzlich eine Übersicht über Massnahmen veröffentlicht, die das neue – rein männliche – Kabinett in Bezug auf Frauen erlassen hat oder in Erwägung zieht: Das 2001 gegründete Frauenministerium wurde demnach geschlossen und durch ein «Ministerium für die Verbreitung der Tugend und die Verhinderung des Lasters» ersetzt. Tausende weibliche Regierungsangestellte durften nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, an den Universitäten gilt nun eine strikte Geschlechtertrennung und für Frauen Verschleierungspflicht. Auf den Strassen patrouillieren bewaffnete Taliban – und ermahnen Frauen, deren Kleidung sie als «unislamisch» erachten. Sport ist für Frauen zwar noch nicht verboten, doch der stellvertretende Leiter der Kulturkommission kanzelte etwa Kricketspielerinnen als «unislamisch» ab.

Es gibt auch Medienberichte, wonach Richterinnen die Rache von Männern fürchten, die sie einst verurteilten. In Kliniken und Praxen soll nur noch weibliches Personal Patientinnen betreuen dürfen. Frauenhäuser schlossen aus Angst vor Repressalien und schickten Schutzsuchende zurück zu den Familien, vor denen sie geflohen waren.

Diese dramatische Entwicklung verwundert Francesca Fuoli nicht. Innerhalb der Taliban gebe es zwei Fraktionen: Hardliner und Moderate, wobei Letztere für die Friedensgespräche mit den USA in Doha gewesen seien. «Die Hardliner haben sich allerdings in der Besetzung der jetzigen Regierung und daher auch in deren Politik durchsetzen können», sagt die Historikerin, die an der Universität Bern über Afghanistan forscht.

Ein Grossteil der Afghaninnen lebt nicht in den Städten und hat weder Zugang zu Bildung noch zu sozialer Teilhabe. Im ländlichen Raum herrschte schon immer eine strikt patriarchale Stammesordnung. Dies änderte sich weder während der Modernisierungsversuche Anfang der sechziger Jahre, als die Verfassung Frauen erstmals gleiche Rechte versprach, noch unter der sowjetischen Besetzung zwischen 1979 und 1989. Die von der Sowjetunion unterstützte kommunistische Regierung gab das Bemühen für mehr Gleichberechtigung auf dem Land angesichts des Widerstands der männlichen Lokalbevölkerung weitgehend auf.

Mit der Machtübernahme durch die Mudschaheddin 1992 und während der Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 wurden die Frauenrechte wieder massiv eingeschränkt. So durften Frauen nicht arbeiten und nur voll verschleiert und in männlicher Begleitung das Haus verlassen, des Ehebruchs Verdächtige wurden gesteinigt.

Während der zwanzigjährigen Besetzung durch die Nato-Truppen gab es keine Pflicht zur Vollverschleierung, Frauen durften studieren und einen Beruf erlernen. Sie bekleideten politische Ämter, arbeiteten als Journalistinnen oder Lehrerinnen. Doch auch diese selbstbestimmtere Generation blieb eine Minderheit und war vor allem in Städten wie Kabul, Herat und Kandahar zu finden. Jetzt vernichten sie aus Angst ihre Diplome, verstecken sich oder sind auf der Flucht.

Drohende humanitäre Krise

Auch wenn die mühsam errungenen Fortschritte nun verpuffen, gibt Historikerin Fuoli zu bedenken: «Die afghanische Gesellschaft ist heute eine andere als in den neunziger Jahren. Wir haben in den vergangenen Wochen gesehen, dass es eine Zivilgesellschaft gibt, die sich den Taliban entgegenstellt. Die Verbesserung von Frauenrechten könnte von der internationalen Gemeinschaft als Kondition genannt werden, um wieder finanzielle Unterstützung nach Afghanistan zu schicken», empfiehlt sie. Gleichzeitig sollten die Frauennetzwerke im Land unterstützt werden.

Tatsächlich könnte Geld ein Druckmittel sein, um die Taliban zu Zugeständnissen zu zwingen. Denn die USA und weitere westliche Länder haben die afghanischen Auslandsguthaben in Höhe mehrerer Milliarden US-Dollar eingefroren und den überwiegenden Teil der Entwicklungshilfe eingestellt. Auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben ihre Überweisungen ausgesetzt. Das Land leidet seit Jahren unter einer anhaltenden Dürre, jetzt drohen neben der Klimaerwärmung auch eine Wirtschaftskrise und humanitäre Not. Herausforderungen, die auch Geld kosten.

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