Nr. 40/2021 vom 07.10.2021

Je grösser das Opfer, umso glaubwürdiger die Botschaft

An mehreren Tagen dieser Woche besetzte die Gruppierung Extinction Rebellion Strassen in Zürich. Bewusst in Kauf genommene Verhaftungen sollen Aufmerksamkeit für die Klimakatastrophe generieren. Das funktioniert.

Von Lukas Tobler (Text) und Ursula Häne (Foto)

Jede Verhaftung wird von Applaus begleitet, hier wird Widerstand perfekt inszeniert: Festnahme während der Aktion von Extinction Rebellion am Montag an der Uraniastrasse.

Wenn Extinction Rebellion ruft, dann kommen sie alle: Dutzende Journalist:innen wuseln um die rund 200 «Rebels» herum, die die Zürcher Uraniastrasse bei der Kreuzung mit der Bahnhofstrasse mit einem Sitzstreik blockieren. Immer wieder ertönen Sprechchöre. Zum Beispiel: «Extinction?» – «Rebellion!» Die meiste Zeit aber ist es still. Die Journalist:innen stellen Fragen, die meisten Rebels antworten bereitwillig, die Polizei hat den «Tatort» mit Kastenwagen umstellt.

Es liegt eine seltsame Spannung in der Luft an diesem Montagnachmittag: Die Aktivist:innen von Extinction Rebellion, kurz XR, haben angekündigt, die Stadt Zürich zu blockieren und sich der Polizei bis zur Verhaftung entgegenzustellen. Wobei sie zugleich betonen, dass sie keine Konfrontation suchen, und sich in einem Flyer bei Passant:innen für die Störung entschuldigen.

Diese Störung sei aber nötig, heisst es weiter, denn «das ist ein Notfall». «Wir wären auch lieber woanders heute», sagt eine Aktivist:in zur WOZ. «Aber wir wissen nicht, was wir sonst noch tun sollen.» Die sich entfaltende Klimakatastrophe verlange nach zivilem Ungehorsam: «Es ist jetzt Zeit aufzuwachen.»

Wo ist der Bundesrat?

Sie ist, so wie viele Beteiligte, extra aus der Westschweiz angereist. Sitzt auf dem Boden – links die UBS, rechts die Credit Suisse, im Rücken die Wache der Stadtpolizei Zürich. Die drei Forderungen, denen die Rebels offiziell Gehör verschaffen wollen, richten sich aber an den Bundesrat. Der Bundesrat soll die existenzielle Bedrohung durch die Klimakrise offiziell anerkennen. Der Bundesrat soll jetzt sofort handeln, damit die Schweizer Treibhausgasemissionen bis 2025 auf netto null reduziert werden. Der Bundesrat soll eine Bürger:innenversammlung einberufen. Der Bundesrat ist aber vor allem: weit weg.

Die Rebels haben angekündigt, jeden Tag von neuem die Strasse zu blockieren, bis diese Forderungen erfüllt sind – oder ihnen die Energie ausgeht. Wahrscheinlicher ist Letzteres. Das ist natürlich auch den Aktivist:innen auf der Uraniastrasse bewusst. Nach dem eigentlichen Adressaten ihrer Aktion gefragt, geben sie verschiedene Antworten. «Ich bin hier, weil wir den Planeten verteidigen und die Menschheit retten müssen», erklärt eine ältere Aktivistin. Das Hauptproblem sieht sie in der Globalisierung und beim Finanzplatz. Ein anderer Demonstrant betont vor allem die Verantwortung der Einzelnen und kritisiert die grassierende Konsumlust. Während ein Dritter die Grosskonzerne in der Verantwortung sieht und einen Systemwandel fordert.

In diesen diversen, wenn auch diffusen Analysen steckt mehr Gehalt als in den offiziellen Statements von XR, die – wie etwa der besagte Flyer – die komplexen Zusammenhänge hinter der Klimakatastrophe arg simplifizieren. Die meisten Rebels sind nicht hier, weil sie tatsächlich von Ueli Maurer erwarten, im Kampf für Klimagerechtigkeit eine Bürger:innenversammlung einzuberufen. Sondern weil sie wütend und verzweifelt sind.

Sich von der Polizei verhaften zu lassen, ist ihre Art, diese Wut zu artikulieren – ein Kommunikationsinstrument. Mit diesem Begriff beschreibt im offiziellen Telegram-Kanal auch die Bewegung selbst ihre Aktionsform. «Durch die Hervorhebung der Tatsache, dass die Menschen in diesem Land bereit sind, verhaftet zu werden, wird die Dringlichkeit und der Ernst der Lage deutlich», heisst es da. Will heissen: Je grösser das Opfer, das die Aktivist:innen erbringen, desto glaubwürdiger ihre Botschaft.

Die Polizei als Teil der Aktion

Bei den Medien kommt das gut an. Als die Polizei um 15 Uhr mit den Verhaftungen beginnt, sind immer noch zahlreiche Journalist:innen vor Ort. Sie wurden von der Polizei aus dem Kessel gewiesen und haben sich jetzt wie auf einer Tribüne hinter einer Absperrung aufgereiht. Alle Kameras sind auf die immer kleiner werdende Gruppe gerichtet. Neben den Medienschaffenden hat sich die Polizei in einer Zweierreihe aufgestellt. Immer vier Polizist:innen betreten gemeinsam den Kessel und greifen sich eine Person. Manche lassen sich wegtragen, andere gehen mit. Jede Verhaftung wird von Applaus begleitet. Die Situation wirkt skurril: Hier wird Widerstand perfekt inszeniert.

Auf Twitter bedankt sich XR Zürich bei der Stadtpolizei für den professionellen Einsatz. 134 Aktivist:innen hat diese am Montag an drei verschiedenen Aktionsstandorten verhaftet, und sie hat damit einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die Aktion der Rebell:innen geglückt ist. Sie sehen die Polizei nicht als Antagonistin, sondern gewissermassen als Partnerin. Denn Extinction Rebellion eignet sich zwar Aktionsformen des ausserparlamentarischen Widerstands an, ihre Forderungen sind aber wenig staatskritisch oder radikal. Dafür sind sie anschlussfähig. Am Montag haben alle grossen Deutschschweizer Medien über Extinction Rebellion und ihre Aktion berichtet. Am Dienstag flaute das Interesse bereits wieder ab. 15 weitere Personen wurden verhaftet. Wie und ob die Rebellion am Mittwoch fortgesetzt wurde, war zu Redaktionsschluss noch unklar.

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