Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Kämpfe gestern, Kämpfe heute

Von Daniel HackbarthMail an Autor:in

Der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Michael Hardt meinte einmal in Anspielung auf ein Marx-Zitat, dass während in den Jahren um 1968 in Frankreich die radikale Theorie vorangebracht wurde, man in Italien radikal Politik machte. Trotzdem sind im kollektiven Gedächtnis eher die Bilder vom «Pariser Mai» verankert als die Kämpfe im südlichen Nachbarland. Dabei begann «1968» in Italien bereits einige Jahre früher als anderswo in Europa, wie der Journalist Jens Renner, der auch für die WOZ schreibt (in dieser Ausgabe auf Seite 11), in seiner neuen Monografie zur italienischen Linken betont. Zudem waren die Auseinandersetzungen in dem Land besonders heftig – man denke nur an den rechten Terror zur Diskreditierung der Linken («Strategie der Spannung»).

Renner schildert aber nicht nur diese Kämpfe, sondern setzt mit den Anfängen der Arbeiter:innenbewegung im 19. Jahrhundert ein. Im 1861 proklamierten Königreich Italien verbreiteten sich gerade im Süden zunächst anarchistische Ideen, ehe Ende des Jahrhunderts sozialistische Theorien im Proletariat den Ton angaben. Der Anfang der 1890er Jahre gegründete Partito Socialista Italiano (PSI) orientierte sich an der deutschen Sozialdemokratie, stimmte aber im Ersten Weltkrieg gegen die Bewilligung von Kriegskrediten. Nach Kriegsende triumphierte bald der faschistische Strassenterror, begünstigt auch durch Zerwürfnisse in der Linken: 1921 spaltete sich der Partito Comunista d’Italia vom PSI ab.

Als Einführung konzipiert, geht die Darstellung nirgends allzu sehr in die Tiefe, sie verschafft aber einen guten Überblick, zumal Renner interessante Akzente setzt – etwa mit einem Exkurs über bis in die Gegenwart reichende Versuche von rechts, das Erbe der antifaschistischen Resistenza zu diskreditieren. Zudem endet der Band erst in der allerjüngsten Vergangenheit, nämlich bei den gegen den rechtspopulistischen Lega-Chef Matteo Salvini gerichteten «Sardinen»-Protesten sowie denjenigen seit der Pandemie, die sich gegen die Aussicht auf ein «Zurück zur prekären ‹Normalität›» wehren. Das Buch ist also sehr nah am Puls der Kämpfe der Gegenwart.

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