Nr. 43/2021 vom 28.10.2021

Androgynes Schimmern

Von David Hunziker

Meistens geht es ja um nichts weniger als die Rettung der Menschheit, wenn Greta Thunberg die Szene betritt. Doch hier richtet sich der Blick auf eine kleingeistige Gegenwelt dazu: auf den bornierten Zorn zu Hause hinter dem Bildschirm, der sich von der Klimaaktivistin triggern lässt. «Greta» heisst der Song auf «Silent Violent», der ersten EP, die die Badener Produzentin und Sängerin Hilke unter ihrem eigenen Namen veröffentlicht hat. Es ist eher Mitleid als Verachtung für den digital vereinsamten Troll, was in der androgyn schimmernden Stimme von Gastsänger Gregory Frateur liegt – «so mutig von dir, dich über sie lustig zu machen». Dazu laufen ein Clubbeat, der zum Tanzen gerade zu langsam ist, und dramatisch hornende Synthesizer. Gut, dass die Welt jenseits der Bildschirme wieder weiter geworden ist, aber auf eine schnelle Utopie von Gemeinschaft will sich der düstere Synthpop von Hilke deswegen nicht einlassen.

Denn auch dort draussen warten wütende Typen, sie sind auf «The T», wie das männliche Geschlechtshormon in einem anderen Songtitel abgekürzt wird – Buben mit Spielzeug, die ihre Angst hinter Mauern verriegeln. Der gedämpfte Beat lässt Platz für Hilkes Stimme, die in hoher Lage einsetzt und sich dann untenrum verdoppelt, zuerst kaum hörbar, bevor die Unschärfen immer deutlicher werden. Geschlechter werden hier also auch mit den Mitteln klanglicher Ambivalenz verhandelt, wenn Hilke selber singt, aber auch über die Gaststimmen, die sie inszeniert. Grosse Stimmkunst ist der dunkel glänzende Auftritt von Dino Brandão in «Paradoxes», einer pompösen Trauerballade über ein verweigertes Gespräch. Wieder eine Mauer.

Mit der Stimme von Odd Beholder geht Hilke ganz anders um, heftet sie in «How Are You» an die Rhythmik eines energischen Beats. Da und dort fransen die Ränder in Soundschlieren aus, aber die Beklemmung kommt hier vor allem von den neurotischen Spiralen, die der Text dreht: «Wieso hast du nicht, wieso hast du nicht?»

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