Ein Traum der Welt: Notfall hoch sieben

Nr. 47 –

Annette Hug ist hingerissen von «La Fracture»

Das Gegenteil von Streaming? In einen Zug steigen, um nach Lausanne zu fahren, weil ich Catherine Corsinis «La Fracture» sehen will. Er läuft aber nur in der Westschweiz. In Lausanne tauche ich also ab in eine höllische Nacht auf einer Pariser Notfallstation. Tausende von Gilets jaunes fahren gegen Ende des Jahres 2018 in die Hauptstadt. Wir sehen Yann, einen Lastwagenchauffeur, mit seinem Copain auf der Autobahn. «Aux Champs-Elysées», singen sie in Vorfreude. Gleichzeitig bricht sich Comiczeichnerin Raphaëlle in Paris den Arm, ausserdem hat ihre langjährige Partnerin sie gerade verlassen.

Yann und Raphaëlle werden zum Duo infernal auf einer Notfallstation, wo Yann mit Granatsplittern im Bein eingeliefert wird. Vor den tonlos laufenden Fernsehnachrichten über die Eskalation auf den Strassen geraten die beiden erstmals aneinander. Die Grundstimmung des Films ist da angesiedelt, wo alles schon so schlimm ist, dass man nur noch darüber lachen kann. Jeder Slapstick ist willkommen. Prompt fällt ein Lüftungskasten von der Decke. Und dann wird es noch schlimmer, ganz nach Dürrenmatts Devise, dass Geschichten immer die schlimmstmögliche Wendung nehmen müssen. Viele Geschichten kreuzen sich in diesem Warteraum.

Alltagswunder verbinden die Realität des Spitals mit jener im Kinosaal: Immer wieder gelingt es einem Arzt oder einer Pflegekraft, eine Tür zu schliessen und einen kurzen Moment der Ruhe zu schaffen. Ohne diese Momente würde das Kinopublikum nicht mehr zum Atmen kommen. Zum Glück verbünden sich schliesslich Raphaëlle und Yann.

Sämtliche Angestellte der Notfallstation werden von echtem Spitalpersonal gespielt. Sie wissen also, was sie tun. Umwerfend ist Aïssatou Diallo Sagna in der Rolle von Kim, einer erfahrenen Pflegefachfrau. Ganz zu Beginn lässt sie einen jener Sätze fallen, die sich im Nachhinein als grobe Scherze entpuppen: «Ich rufe dich zurück, wenn ich fünf Minuten Zeit habe.»

Der Trailer zum Film hatte mich zur Fahrt nach Lausanne motiviert, weil er an Bemerkungen anknüpfte, die mich diesen Herbst an Festivals in Brest und Arles beschäftigten: «Frankreich geht es nicht gut.» Der Wahlkampf ist angelaufen, die Nerven liegen blank, und irgendetwas an den gesellschaftlichen Brüchen ist neu. Man versteht noch nicht recht, was es ist und was daraus wird. Die eingespielten Erklärungen der weltanschaulichen Lager drehen im Leeren. Aber auf der Notfallstation am Rand des Zusammenbruchs, wo sich Raphaëlle so unmöglich aufführt, wie es nur geht, und Yann im angekippten Rollstuhl auf den Getränkeautomaten einprügelt, ergibt sich ein irgendwie beruhigender Refrain: «Madame, ça va?» – «Non.» Dann ist aber kurz Ruhe. Bis der Paranoiker im Warteraum, für den kein Psychiatrieplatz zur Verfügung steht, aus flüchtigen Bemerkungen mitbekommt, dass die Polizei vom Spitalpersonal verlangt, alle verletzten Gilets jaunes zu melden.

Das Gegenteil von Streaming? Wenn man noch völlig benommen aus dem Kino in eine halbfremde Stadt torkelt, im Dunkeln Gesichter aufleuchten und ein Zifferblatt, Stil 19. Jahrhundert. Immer noch alles französisch. Und dann ist es, als würde ein Politikredaktor dieser Zeitung Regie führen. Am Bahnhof flyern sie in dichter Phalanx für die Pflegeinitiative. «Mais bien sûr … oui, je sais … oui.»

Annette Hug ist Autorin in Zürich und fährt gern Zug. Der Spielfilm «La Fracture» ist in Genf, Lausanne, Neuchâtel und Vevey zu sehen.