Auf allen Kanälen : Shqipe, Çimen, Anwar, Dunja erzählen

Nr.  50 –

Das Onlinemagazin «Baba News» publiziert vor allem persönliche Geschichten von Menschen mit Migrationsgeschichte. Wieso das wichtig ist.

Wie es sich anfühlt, wenn am ersten Tag in einer neuen Klasse die Anwesenheitsliste vorgelesen wird und man sofort weiss, dass der Lehrer beim eigenen Namen angekommen ist, weil er plötzlich stockt. Was es mit einem macht, in der Ausbildung jahrelang mit einem falschen Namen angesprochen zu werden – manchmal sogar absichtlich. Oder wie es ist, beim Vorstellungsgespräch gefragt zu werden, ob man sich vorstellen könnte, einen Telefonanruf unter einem anderen, «schweizerisch» klingenden Namen entgegenzunehmen. Von solchen Erfahrungen und ihrem Umgang damit erzählen Shqipe, Çimen, Anwar, Dunja, Arzije, Jakub, Sara und Bensiva in einem Video von «Baba News».

Das Video ist typisch für das multimediale Onlinemagazin. Auf der Website von «Baba News» finden sich auch klassische Artikel, am wichtigsten sind aber die meist auf Social Media publizierten Videobeiträge, in denen Menschen mit Migrationsgeschichte von ihren Erfahrungen in der Schweizer Mehrheitsgesellschaft berichten. Die Geschichten sind oft sehr persönlich, und wer Ähnliches erlebt hat, fühlt sich verstanden. Deprimierend sind sie trotz der oft schweren Themen selten, weil oft gelacht wird und die Erzähler:innen auch die Absurdität des Erlebten unterstreichen. Vielleicht ist es diese Lockerheit, mit der hier erzählt wird, vielleicht die Machart der Videos mit raschen Wechseln und Cliffhangern – fest steht: Die Beiträge fesseln, wegklicken unmöglich.

«Total integriert»

«Baba News» wurde 2018 von der Journalistin Albina Muhtari gegründet. Begonnen hat alles mit einem Video, das Muhtari gemeinsam mit einer Freundin in ihrem Wohnzimmer aufnahm. Darin liess sie Freund:innen von ihren Rassismuserfahrungen berichten. Mittlerweile hat «Baba News» drei weitere Angestellte, ein Büro und über 18 000 Follower:innen auf seinem Hauptkanal Instagram. Das ist viel für ein unabhängiges Onlinemedium, das sich über Stiftungsgelder und Crowdfundings finanziert. Anfang Dezember erhielt «Baba News» den mit 10 000 Franken dotierten Sozialpreis der Stadt Bern. «Als wir vom Preis erfuhren, meinte mein Freund: ‹Mein Gott, ihr wirkt ja total integriert›», sagt Albina Muhtari und lacht schallend.

«Baba News» greift Themen auf, die in den meisten Medien nicht vorkommen. Oft geht es in den Beiträgen um die Identitätssuche junger Menschen, die sich zwischen verschiedenen Gemeinschaften bewegen und überall und nirgendwo dazugehören. Etwa um die Schwierigkeiten, die eine Frau dabei haben kann, bei den Eltern auszuziehen, weil es in der eigenen Community als unüblich gilt, unverheiratet alleine zu wohnen. «Dabei spielen Diskriminierungserfahrungen nicht immer, aber doch häufig eine Rolle», sagt Muhtari, die bei Tamedia arbeitete, bevor sie sich schrittweise selbstständig machte. Grundsätzlich wird in den Beiträgen von «Baba News» nicht über Menschen mit Migrationserfahrung berichtet, stattdessen setzen diese selber Themen und kommen zu Wort.

Clips und Memes

Das stösst nicht bei allen auf Verständnis. Kürzlich sei ihr an einem Medienanlass implizit vorgeworfen worden, mit ihrem Medium bloss eine «Bubble» von Gleichgesinnten zu bedienen, erzählt Muhtari. Ein älterer Herr habe zu ihr gesagt, die Medien hätten früher viel mehr einem Forum geglichen, in dem die Gesellschaft zusammenkam und verschiedene Meinungen diskutierte. Für solche Aussagen hat die Journalistin kein Verständnis: «Leute wie er meinen, alle könnten mitreden, bloss weil er selbst es kann!»

Nicht nur in Bezug auf Perspektive und Inhalte, auch in der Form hebt sich «Baba News» von traditionellen Medien ab. Clips auf Instagram, die auf Empowerment abzielen, kurze Posts mit politischem Inhalt und Memes, etwa über die Ferien «unten» auf dem Balkan: Ist das überhaupt Journalismus? «Ja» – Albina Muhtari zögert keine Sekunde. Gesellschaftliche Vielfalt abzubilden und Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu üben, sieht sie als Kernaufgaben der Medien. «Journalismus sollte ein Fusstritt gegen oben sein – und genau so sehen wir uns.»