Nr. 51/2021 vom 23.12.2021

Einen statt streiten

Die Zeitung «Analyse und Kritik» versucht heute, linke Debatten und Bewegungen zusammenzubringen. Doch in ihrer fünfzigjährigen Geschichte gab es heftige Zerwürfnisse.

Von Caspar Shaller, Berlin

2021 war ein furchtbares Jahr, doch ein paar Feste können wir feiern: das 50. Jubiläum der Zeitung «Analyse und Kritik» (ak) etwa. Seit 1971 informiert sich hier die deutsche Linke, findet ein Forum für Debatte und streitet sich oft genug heftig. Es gibt wenige linke Institutionen wie die ak, an deren Geschichte man die Entwicklungen des vergangenen halben Jahrhunderts so gut nachvollziehen kann. Begonnen hat alles mit derselben Abkürzung, aber anderem Namen: Als «Arbeiterkampf» (AK) wurde die Zeitung in Hamburg gegründet. Schon damals gehörte die Antifa-Berichterstattung zu den Kernbereichen der Zeitung des Kommunistischen Bundes.

Aus dem Milieu der K-Gruppen entstanden, wandte sich der AK bald den neuen sozialen Bewegungen zu. Den Aufstieg der Antiatombewegung begleitete die Zeitung eng. Als daraus zu Beginn der achtziger Jahre die Grüne Partei hervorging, spaltete dies den «Arbeiterkampf» – an der Frage, ob Kommunist:innen den Grünen beitreten sollten und ob diese Partei tatsächlich links sei oder bürgerlich. Ein Teil des Kommunistischen Bundes trat den Grünen bei, ein anderer führte den AK weiter.

Grundstein der Antideutschen

Ein Jahrzehnt später drohte noch grösserer Zwist: Als sich die DDR auflöste, zerrüttete das die westdeutsche Linke nachhaltig. Manche sahen die Kritik des deutschen Nationalismus, dessen Wiedererwachen nach der Wende sie befürchteten, als zentral an; andere erhofften sich durch die ostdeutsche PDS (die spätere Linkspartei) neue Impulse für linke Parteipolitik. Die Diskussionen um die Zukunft der Linken nach dem Ende der Geschichte waren so heftig, dass sich der Kommunistische Bund 1991 auflöste.

Doch dessen Zeitung hielt durch. Die beiden Seiten des Streits gaben nun gemeinsam den «Dach-AK» heraus, quasi zwei Zeitungen in einer. Doch bereits 1992 war die an Parteipolitik interessierte Mehrheit nicht mehr gewillt, mit der Minderheit zusammenzuarbeiten, die sich abspaltete, um das Magazin «Bahamas» zu gründen, das zu einem Leitorgan der israelfreundlichen, antideutschen Bewegung wurde. Der Grundstein für die Bewegung war 1990 im AK gelegt worden: Der heute als rechts geltende Journalist Jürgen Elsässer gab der Bewegung mit dem Text «Warum die Linke antideutsch sein muss» ein erstes theoretisches Fundament.

Bewegungen mitgestalten

1992 benannte sich der «Arbeiterkampf» um in «Analyse und Kritik» und vermeidet heute die kontroversen Themen Nahostkonflikt und Linkspartei, die früher zu so viel Streit geführt hatten. Doch es ist gerade die ak, die viel dafür tut, die für interne Querelen bekannte deutsche Linke wenigstens im Diskurs zusammenzuführen und diesem einen undogmatischeren Boden zu bereiten.

In der ausgezeichneten Jubiläumsausgabe formuliert das Kollektiv seine Position so: «Wir möchten den Kapitalismus überwinden und das Patriarchat abschaffen, wir hassen die Polizei und glauben, dass Rassismus nicht einfach mit Diversity in Behörden und Aufsichtsräten beendet werden kann.» Sie sehen sich «eher bewegungs- als parteiorientiert, eher an Selbstorganisierung interessiert als an Sozialpartnerschaft». Stand die Zeitung in den nuller Jahren noch der Interventionistischen Linken (IL) nahe, fungiert sie heute als Mittlerin zwischen verschiedenen linken Szenen. Die Analyse soll «soziale Verhältnisse und Zustände nicht nur beschreiben, sondern sie auch greifbar machen, um damit ihre Überwindung denken zu können».

Doch auch die politische Praxis rückt wieder verstärkt in den Vordergrund, die Zeitung will Bewegungen mitgestalten. So sind Arbeitskämpfe in den letzten Jahren vermehrt in den Fokus gerückt: Ohne «Analyse und Kritik» hätten die Streiks beim Lieferdienst Gorillas in Berlin kaum so viel Aufmerksamkeit bekommen. Der neue Ansatz scheint Früchte zu tragen: Entgegen dem Trend konnte die ak ihre Auflage steigern. In den Siebzigern lag diese noch bei 20 000 Exemplaren, Anfang der 2000er kollabierte sie auf 2000. Heute liegt die verkaufte Auflage doch wieder bei 6500 Exemplaren, die Trendwende ist also geschafft. Aber da geht noch mehr: Ein Abo gehört in jeden linken Haushalt.

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