Kost und Logis : Eichentisch am Waldrand

Nr.  3 –

Bettina Dyttrich über Naturzugang als Klassenfrage

Jeden Tag fragt «Zeit online» seine Leser:innen, wie es ihnen geht. Lange waren die Ergebnisse konstant: Zwei Dritteln ging es gut, einem Drittel nicht. Doch Ende März 2020, im Lockdown, hellte sich die Stimmung auf: Jetzt ging es drei Vierteln gut. Wenn es noch einen Beweis brauchte, dass diese Zeitung vor allem privilegierte Schichten anspricht: Hier war er. Man sieht es auch an den Beziehungsinseraten, an der Reisebeilage – und an der Übergrösse des Blattes: Um es schön ausbreiten zu können, braucht es schon einen grossen Tisch als Unterlage. Aus Eiche am besten.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich lese die «Zeit» sehr gern. Weniger den Politikteil – ihm täte etwas mehr Distanz zu Parteivertreter:innen gut – als die hinteren Bünde: die Wissenschaftstexte, die gesellschaftspolitischen Kontroversen, die Rezensionen. Aber es bleibt dabei: Die «Zeit» lesen ist eine Klassenfrage. Im Lockdown gut leben können auch. Was sind zehn Tage Quarantäne in einem Haus mit Garten gegen die gleiche Zeit in einer engen Wohnung an der Autobahn? Ich wusste genau, was diese Umfrageteilnehmer:innen meinten. Auch ohne Villa und Eichentisch war ich im Frühling 2020 privilegiert: Ich konnte im Homeoffice an einer spannenden Recherche arbeiten. Das neue Album einer Band aus Bern machte mich glücklich. Ich war gesund und nicht allein. Und ich hatte den Waldrand vor der Tür.

Manchmal überfordert mich der Frühling – es dauert so lange, bis die Bäume endlich wieder Blätter haben. Im Frühling 2020 war das anders: Weil ich mich nur noch zu Fuss und mit dem Velo bewegte, nahm ich auch die winzigen Veränderungen wahr, die ein einzelner Tag brachte. Gestern blühten die Schlüsselblumen hier noch nicht, heute schon. Raum und Zeit wurden weit; in der Erinnerung wirkt der April wie ein halbes Jahr. Mein Bezug zu meiner nächsten Umgebung hat sich seither verändert. Wie schön die Aare ist, habe ich auch erst im Lockdown verstanden.

Die Schweiz ist als Ganzes privilegiert: Sie hat ziemlich sicher das dichteste Wanderwegnetz der Welt, und der Wald ist grundsätzlich öffentlich zugänglich (wie viel das bedeutet, kann man schon in Österreich merken, wo ganze Bergtäler Privaten gehören). Trotzdem bleibt der Zugang zu den offenen Räumen eine Klassenfrage. Blumen bestimmen oder Vögel beobachten waren schon immer Tätigkeiten, die hauptsächlich von Privilegierten ausgeübt wurden – aber mittlerweile ist auch im Wald herumtoben vor allem ein Hobby von Mittelschichtskindern. Und wer als Kind nicht erfahren hat, wie gut das tun kann, wird voraussichtlich auch später nicht in den Wald gehen. In der Schweiz, wo man sowieso nicht gern über Klassenfragen spricht, gibt es kaum Versuche, das zu ändern. Dabei wurden die Naturfreunde und die verschiedenen Arbeiter-Alpenklubs einst genau dafür gegründet: um Menschen mit wenig Privilegien den Zugang zur Natur zu ermöglichen. Nur ist die Arbeiter:innenklasse heute woanders.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin. Der Artikel «Warum so glücklich?» erschien in der «Zeit» Nr. 21/20.