Nahostkonflikt : Wenn der Staub sich gelegt hat

Nr. 3 -

Alle paar Jahre entlädt sich der Nahostkonflikt in Gaza gewaltvoll – und die Aufmerksamkeit der Welt zieht jeweils schnell wieder weiter. Vor Ort müssen die Menschen mit den Folgen leben, oft ein Leben lang.

«Ich möchte Ärztin werden, deswegen lerne ich»: Farah Eslim verlor ihr Bein, als eine Rakete in ihr Wohnhaus einschlug. Foto: Nils Fricke

«Ich werde nie wieder laufen können», sei es ihr durch den Kopf geschossen, als sie auf der Liege eines Krankenwagens auf dem Weg durch Gaza-Stadt ihr blutiges Bein gesehen habe. Knapp eine Stunde zuvor hatte die elfjährige Farah Eslim in ihrer Familienwohnung im Viertel al-Sabra, nahe dem Zentrum von Gaza-Stadt, noch neben ihren Geschwistern im Bett gelegen.

Es war kurz nach sechs Uhr an einem Morgen im Mai letzten Jahres. Sie hätten gehört, wie ihre Mutter in der Küche das Radio anschaltete – dann schlug eine Rakete im fünften Stock ihres Wohnhauses ein und begrub die Familie unter Trümmern. Von einem Moment auf den nächsten wurde Farah zu einem der vielen zivilen Opfer der ständig wiederkehrenden Gewalt zwischen der israelischen Armee und radikalen palästinensischen Gruppen im Gazastreifen. Und wie so viele andere wird sie die Folgen ihr Leben lang mit sich tragen.

Im Dezember, rund ein halbes Jahr nach dem Raketenangriff, streift Farah in der Mietwohnung, in der ihre Familie jetzt wohnt, einen weissen Strumpf über den Stumpf ihres rechten Beines, das kurz unterhalb des Knies aufhört. Darüber zieht sie ihre crèmefarbene Prothese, krempelt das Hosenbein runter und drückt sich von ihrem Bett nach oben. Vor einer Woche war ihr zwölfter Geburtstag.

Tausende Raketen

«Am schwierigsten ist Treppensteigen», sagt Farah und wischt sich die schwarzen Haare aus dem Gesicht. Dann schiebt sie ihren Rollstuhl in die Zimmerecke und geht mit vorsichtigen Schritten in den Flur, wo ihr Vater für einen Spaziergang wartet. Behutsam steigen sie die rohe Betontreppe hinunter. Draussen hakt sich Farah bei ihrem Vater ein und zieht sich ihre Kapuze in Leopardenfellmuster gegen den kühlen Dezemberwind über den Kopf. Bei jedem Schritt kratzt ihr Prothesenbein ein wenig über die Pflastersteine.

Anfang Mai 2021 feuerten die regierende Hamas und andere radikalislamische Gruppen im Gazastreifen innerhalb von elf Tagen mehr als 4000 Raketen in Richtung des israelischen Staatsgebiets ab, und Israels Luftwaffe bombardierte über 1500 Ziele. Zurück blieben mehr als 250 Tote auf palästinensischer und 13 auf israelischer Seite, viele davon Zivilist:innen. Hinzu kommen Hunderte Verletzte, zerstörte Wohnhäuser und das Leid der Angehörigen, die mit ihrer Trauer zurückbleiben, wenn sich der Staub der Explosionen gelegt hat.

In al-Sabra lebte Farahs Familie in einer kleinen eigenen Wohnung im obersten Stock eines Wohnhauses. Bereits in den Tagen bevor die Rakete einschlug, hatte wegen der vielen Luftangriffe fast niemand von ihrer Familie ein Auge zugetan. An jenem Morgen arbeitete Vater Hasem im Krankenhaus, Mutter Umm Saad hatte sich an die Tür der Wohnung gesetzt und hörte angespannt die Radionachrichten. «Als der Angriff passierte, habe ich keinen Schmerz gespürt», erinnert sich das Mädchen. «Ich war nur geschockt, ich sah nur noch Staub und Sand.» Ihre Mutter wurde von der Wucht der Explosion ins Treppenhaus geschleudert, rappelte sich auf und kämpfte sich durch Rauch und Trümmer zurück in die Wohnung. Wasser floss durch die zerstörte Decke, weil die Rakete auch die Wassertanks auf dem Dach zerfetzt hatte. Den Rufen ihrer Kinder folgend, habe sie sich halb blind durch das Chaos getastet. Dann habe sie begonnen, nacheinander ihre Kinder hinauszutragen. Erst als sie beim dritten oder vierten Mal Blut auf dem Boden des Treppenhauses gesehen habe, sei die Angst zu ihr durchgedrungen.

Farahs Vater Hasem arbeitete in der Notaufnahme der grössten Klinik von Gaza, dem Al-Schifa-Krankenhaus. Er war dafür zuständig, die ankommenden Toten und Verletzten zu registrieren. «Ich kann den Moment nicht vergessen, als ich die Tür des Krankenwagens aufmachte und Farah dasitzen sah. Ihr Fuss hing nur noch an einem Stück Haut», erzählt er. «Ich bin in meinem Job schlimme Bilder gewöhnt, Leute werden manchmal in Stücken zu uns gebracht», sagt er, «aber als ich meine eigenen Kinder sah, war ich wie versteinert.» Mit Farah kamen auch ihre Geschwister ins Krankenhaus, ihr neunjähriger Bruder mit einer schweren Kopfverletzung.

Weniger als 24 Stunden später, am 21.  Mai, kam die Waffenruhe. Farah hatte Glück: Mit mehreren weiteren Verletzten konnte sie für drei Monate zur Behandlung nach Jordanien gehen, ihre Mutter begleitete sie. Vater Hasem blieb in Gaza: «Es war eine schwere Zeit», erzählt er. Sein Sohn erhole sich langsam von der Kopfverletzung, verhalte sich seitdem aber oft aggressiv.

Kein Wiederaufbau

Gerade lernt Farah für ihre Prüfungen in der sechsten Klasse, sagt sie auf dem Spaziergang. «Ich möchte Ärztin werden, deshalb lerne ich und will gute Noten, damit ich in der Türkei studieren kann.» Den Verlust ihres Beins hat sich das Mädchen mit Politik verständlich gemacht: «Es ist okay, weil es für al-Quds war», sagt die Zwölfjährige und lächelt. Al-Quds ist der arabische Name für Jerusalem. Farah war selbst noch nie dort.

In Jerusalem war es vor dem Konfliktausbruch im Mai wochenlang zu Spannungen und Zusammenstössen zwischen israelisch-jüdischen Rechtsextremen, Palästinenser:innen und Sicherheitskräften gekommen. Schauplätze waren der Tempelberg und das Stadtviertel Scheich Dscharrah im israelisch besetzten Ostjerusalem. Mit der Klagemauer, dem Felsendom und der Al-Aksa-Moschee stellt der Tempelberg für Muslim:innen wie Jüd:innen eine der wichtigsten heiligen Stätten dar, bei den Protesten wurden Hunderte verletzt. Die Hamas setzte Israel am 7. Mai ein Ultimatum, alle Polizist:innen vom Tempelberg und aus Scheich Dscharrah abzuziehen, und wenige Minuten nach dessen Ablauf wurden am 10. Mai die ersten Raketen aus Gaza in Richtung Israel abgefeuert. Israel reagierte mit Luftangriffen.

Nach wenigen Minuten Fussweg stehen Farah und ihr Vater in einer engen Strasse vor dem früheren Zuhause der Familie. Die Häuser sind vier oder fünf Stockwerke hoch und die Strassen eng. An Wäscheleinen trocknen bunte Kleider. Aus den Fenstern schauen Kinder.

Hasem Eslim steigt die fünf Stockwerke nach oben und öffnet die alte Wohnungstür. Sie gibt den Blick auf ein Flachdach aus Beton frei. Nur die Badezimmerfliesen an der Aussenwand des Treppenhauses zeugen noch von der Familienwohnung. «Hier in Gaza baut kaum jemand sein Haus wieder auf, weil es sich niemand leisten kann», sagt Eslim. «Die Wohnung war unser ganzer Besitz.» Behörden in Gaza und der Uno zufolge waren im Mai mehr als 1300 Wohneinheiten zerstört worden, von denen bisher keine wiederaufgebaut wurde.

Auch sei die Verletzung seiner Tochter bis heute nicht offiziell anerkannt, sagt Eslim. Eigentlich steht Menschen, die im Konflikt mit Israel verletzt worden sind, finanzielle Unterstützung zu. Die zuständige Behörde ist aber mit der Hamas verfeindet und sitzt in Ramallah im Westjordanland. Fahrten zur Nachsorge müsse er selber bezahlen, und auch die rund 200 US-Dollar Miete für die neue Wohnung würden nur noch für einige Monate von einer NGO getragen. «Danach weiss ich nicht, wie es weitergehen soll.»

Das Schlimmste ist die Leere

Rund eineinhalb Kilometer von al-Sabra entfernt führt die Al-Wahda-Strasse durch den Stadtteil Rimal. Viele Wohnhäuser hier sind acht oder zehn Stockwerke hoch. Den Bewohner:innen von Gaza-Stadt galt diese Gegend als relativ sicher, weil sie in der Vergangenheit meist von Luftangriffen verschont geblieben war. So wähnten sich auch Riad Aschkantana und seine Frau in keiner grossen Gefahr, als sie in der Nacht auf den 16. Mai ihre fünf Kinder ins Bett brachten. Sie hätten die Nachrichten eingeschaltet, als aus der Nachbarschaft erste Explosionen zu hören gewesen seien, erzählt Aschkantana.

Einer Recherche der «New York Times» zufolge warfen israelische Kampfflugzeuge in dieser Nacht mehrere der schwersten regelmässig eingesetzten Bomben über der Al-Wahda-Strasse ab. Weil sie nicht auf die Häuser zielten, wurden demnach nicht wie sonst üblich vorher Warnungen an die Bewohner:innen geschickt; später teilte die israelische Armee mit, die Angriffe hätten einem unterirdischen Kontrollzentrum der Hamas unter der Strasse gegolten. Einige der Gebäude entlang der Strasse stürzten in sich zusammen. Darunter jenes, in dem Riad Aschkantana mit seiner Familie lebte. 44 Menschen starben aufgrund des Angriffs.

«Ich lag unter den Trümmern und hörte meine Kinder schreien: Baba! Baba!», erinnert sich Aschkantana. Er sei eingeklemmt gewesen, das Gesicht voller Blut, aber weitgehend unverletzt. «Ich zwang mich, bei Bewusstsein zu bleiben, damit ich hören konnte, wenn jemand nach uns suchte. Es war wie in einem Grab.» Nach zehn Stunden wurde er geborgen, zwei Stunden nach ihm auch Tochter Susi. Als sein Cousin sie zu ihm ins Krankenhaus gebracht habe, habe er ihn beiseitegenommen und gesagt: «Du musst jetzt stark sein.»

In Aschkantanas heutigem Wohnzimmer hängen fünf grosse Bilder: Darauf zu sehen sind zwei Jungen, zwei Mädchen und eine Frau. «Dana war neun, sie kam zuerst auf die Welt, danach Susi und dann Lana», sagt der 42-Jährige und zeigt der Reihe nach auf die Fotos. Er habe zu Allah gebetet, ihm auch einen Sohn zu schenken. «Als Jahia und Sein geboren waren, war ich glücklich. Ich hatte alles, was ich wollte im Leben.» Er serviert süssen Tee und Kekse, während er so ruhig und gefasst erzählt, als wäre all das in einer anderen Welt passiert. Nur hin und wieder geben seine Augen preis, dass es in Wahrheit keine Worte für das gibt, was er erlebt hat. «Ich würde akzeptieren können, wenn meine Kinder an einer Krankheit gestorben wären», sagt er. «Aber durch Bomben? Wir haben doch mit der Politik nichts zu tun.»

Das Schlimmste sei die Leere, sagt er. «Früher bin ich aufgewacht und habe als Erstes mein Telefon gesucht, weil meine Kinder damit heimlich Videos geschaut haben. Wenn ich heute aufwache, liegt es immer neben mir.» Er habe seine Kinder fast immer um sich gehabt. Zum Einkaufen sei er mitunter zweimal gegangen, zuerst mit den beiden Älteren, dann mit den Jüngeren. «Das schmerzt am meisten: aufzustehen und keine Pflichten mehr zu haben», erzählt Aschkantana.

Seine Tochter Susi lugt durch die Türe ihres Zimmers in den Wohnraum. Als ihr Vater sie ruft, setzt sie sich neben ihn und lächelt schüchtern. Sie bindet sich die Haare mit einem weissen Haargummi zusammen und beobachtet die Szene aus dunkel unterlaufenen Augen. «Sie hat lange nicht gesprochen», erzählt ihr Vater. Er habe sie zu Onkeln und Cousinen mitgenommen, um die plötzliche Leere in ihrem Leben zu überdecken. Das habe etwas geholfen. «Sie hat oft gefragt: Wo ist Mama? Wo sind meine Geschwister? Irgendwann habe ich ihr gesagt, dass ihre Brüder und Schwestern ins Paradies gegangen sind. Und weil sie dort nicht alleine hingehen konnten, ist Mama mit ihnen gegangen.»

Raus aus dem ewigen Krieg

Eine kurze Autofahrt entfernt liegt der Friedhof von Gaza-Stadt. Wie zufällig gefallene Steine breiten sich die Gräber über eine weite Sandfläche aus. Riad Aschkantana folgt mit schnellen Schritten den labyrinthartigen Pfaden, um an den Ort zu kommen, wo seine vier Kinder und seine Ehefrau beerdigt liegen. Vor dem grauen Betonquader seiner Frau bleibt er lange stehen, murmelt hin und wieder Gebete. «Ich komme nicht mehr mit Susi hierher, das hat ihr nicht gutgetan», sagt er dann. Auch ihm selbst habe der Arzt geraten, weniger herzukommen. «Aber ich muss manchmal spüren, dass sie irgendwie noch da sind.»

Die Hände vor dem Körper verschränkt, schaut er der untergehenden Sonne hinterher, in der Stadt rufen die Muezzins zum Gebet. «Susi ist ein Geschenk Gottes», sagt er, «alleine hätte ich es nicht geschafft. Aber für sie muss ich stark sein.» Seine grösste Angst bestehe darin, dass auch er selbst eines Tages nicht mehr da sein könnte. Deswegen brauche sie eine gute Ausbildung. «Eigentlich aber muss sie raus aus Gaza», sagt er, «raus aus dem ewigen Krieg.»