Nr. 06/2022 vom 10.02.2022

Umfassende Kontrollen in Peking

Als 2008 in China die Olympischen Sommerspiele stattfanden, gab es noch die Hoffnung auf eine Öffnung des Landes – die ist bei den jetzigen Winterspielen dahin.

Von Ralf Ruckus

Die Kommunistische Partei Chinas hat die Spiele immer wieder instrumentalisiert: Eine Person fährt durch die olympische Sperrzone in Zhangjiakou. Foto: Roman Pilipey, Keystone

Als Peking 2001 die Zusage für die Olympischen Sommerspiele 2008 bekam, hatte die Regierung der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) gerade die internationale Isolation überwunden. In diese war sie nach der brutalen Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmenplatz, dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, im Juni 1989 geraten. Nun war das Land durch das Zusammenwirken von westlichem Kapital und der autoritären Regierung zur «Fabrik der Welt» geworden, und China wurde im selben Jahr in die Welthandelsorganisation aufgenommen.

Zwar nahm die Repression gegen oppositionelle Gruppen im Vorfeld der Olympiade 2008 zu, und Menschenrechtsgruppen forderten wegen der Unterdrückung in Tibet den Boykott der Spiele. Gleichzeitig erhofften sich viele Menschen in China und im Westen jedoch, dass die Wettkämpfe eine politische Öffnung und eine Liberalisierung mit sich bringen würden.

Die aktuellen Winterspiele stehen unter ganz anderen Vorzeichen. China ist zur globalen Wirtschaftsmacht aufgestiegen. Die KPCh-Regierung befindet sich im Wettstreit mit dem Westen um die Kontrolle über Wirtschaftsräume, Bodenschätze und Produktionsketten. Im Inneren geht das Regime noch härter gegen Oppositionelle vor.

Medaillen für Chinas Ruhm

So hat 2015 eine neue Welle von Repressionen mit den Festnahmen von feministischen Aktivist:innen in Peking und Unterstützer:innen von Arbeitskämpfen in Guangdong begonnen. In der Provinz Xinjiang wird seit Jahren ein ausbeuterisches und repressives System gegen die muslimische Gruppe der Uigur:innen errichtet, die in sogenannte Umerziehungslager gesteckt werden.

Als 2019 Millionen Menschen in Hongkong gegen die Einmischung der chinesischen Zentralregierung auf die Strasse gingen, liess die Stadtregierung die Bewegung mit Unterstützung vom Festland niederschlagen. Im Jahr darauf trat das von Peking bestimmte sogenannte nationale Sicherheitsgesetz in Kraft. Dieses ermöglicht den Behörden in Hongkong, gegen Aktivitäten, die die «nationale Sicherheit Chinas bedrohen», hart durchzugreifen.

Im Vorfeld der jetzigen Spiele forderten deshalb westliche Menschenrechtsgruppen und Organisationen von Exiluigur:innen einen Boykott. Regierungen wie die der USA, Australiens und Japans verfügten, dass keine Minister:innen oder Diplomat:innen zu den Wettkämpfen reisen, auf einen sportlichen Boykott verzichteten sie. Die im Einzelnen berechtigte Kritik an der Austragung der Spiele in Peking nutzten sie für ein pauschales «Chinabashing», von dem sie sich wohl wirtschaftliche und geostrategische Vorteile versprechen.

Als Reaktion forderte Zhao Lijian, ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums, «die USA sollten aufhören, den Sport zu politisieren und die Olympischen Winterspiele in Peking zu stören und zu unterminieren». Dabei hat die KPCh selbst die Spiele immer wieder innen- wie aussenpolitisch instrumentalisiert. Aus Protest gegen die Teilnahme Taiwans, das von Peking nicht anerkannt wird, boykottierte sie von 1952 bis 1980 die Spiele gänzlich. Im Jahr 1980 nahm ein Team der Volksrepublik an den Winterspielen in den USA teil, die Sommerspiele in Russland fanden jedoch ohne China statt. Im Zuge der sinoamerikanischen Annäherung schloss sich China dem Boykott der USA an, den diese wegen des Afghanistanfeldzugs der Sowjetunion verkündet hatte.

Seitdem Ende der Siebziger die Marktreformen begannen, wird der Spitzensport offiziell von der KPCh-Regierung mit immer mehr Geld gefördert – die Unterstützung wird zentralistisch organisiert, etwa mit dem «Aktionsplan olympischer Ruhm 2008». Die Regierung will durch die Ausrichtung internationaler Sportveranstaltungen und durch Erfolge heimischer Athlet:innen die Legitimität der KPCh im Inneren und Chinas Ansehen in der Welt stärken. Tatsächlich hat sich das Nationalteam nach zuvor eher mässigem Abschneiden seit den Neunzigern durch die staatlichen Programme und den Drill junger Sportler:innen als globale Sportmacht mit zahlreichen Medaillen bei Olympischen Spielen und anderen Sportveranstaltungen etablieren können.

Olympia schürt Nationalismus

Historisch wurden die Olympischen Spiele regelmässig zum Politikum, wenn sich globale Gegensätze zuspitzten. Als Protest gegen die «Nazispiele» 1936 in Berlin rief die internationale Arbeiter:innenbewegung zu einer «Olimpiada Popular», einer Volksolympiade, nach Barcelona (siehe WOZ Nr. 51/2021). 1956 boykottierten die Schweiz, Spanien und die Niederlande die Olympiade wegen der Niederschlagung des Ungarnaufstands, Ägypten, Libanon und der Irak aufgrund der Suezkrise. 1976 reisten zahlreiche afrikanische Teams von der Olympiade in Montreal ab, um gegen das südafrikanische Apartheidregime zu protestieren.

Die jetzige Instrumentalisierung der Olympischen Spiele für nationalistische Zwecke durch die Regierungen Chinas oder des Westens ist im Konzept der Spiele selbst angelegt. Organisiert vom Internationalen Olympischen Komitee, das seinen Sitz steuerbefreit in der Schweiz hat, müssen Mitglieder nationaler Teams gegeneinander antreten. Der Medaillenspiegel erscheint als Rangliste nationalen Triumphs oder nationaler Scham. Für die Regierung des jeweiligen Ausrichterlands sind die Spiele ein nationales Projekt, das durch die zunehmende Kommerzialisierung, bei der es längst um viele Milliarden Dollar geht, zunehmend teurer und riskanter wird.

Nur ein Ende der Nationalteams und die Entkommerzialisierung der Olympiade könnten eine Wende bringen. Hoffnung macht, dass immer öfter Teile der örtlichen Bevölkerung in möglichen Ausrichterregionen die Austragung der Spiele vehement ablehnen, zum Beispiel, weil sie finanzielle und ökologische Schäden fürchten – so in Hamburg 2015 und in Graubünden 2017, wo sich jeweils eine Mehrheit der Bevölkerung erfolgreich gegen eine Bewerbung aussprach.

Wenn Sportler:innen protestieren

Gefragt sind für eine Wende aber auch die Sportler:innen selbst. Prominente Vorbilder für politische Proteste trotz möglicher Nachteile gibt es einige. Muhammad Ali, Olympiasieger von 1960, weigerte sich später, als amerikanischer Soldat in Vietnam zu kämpfen. Bei der Olympiade 1968 in Mexiko-Stadt erhoben die beiden Schwarzen US-amerikanischen Medaillengewinner Tommie Smith und John Carlos auf dem Siegerpodium eine Faust aus Protest gegen die Unterdrückung der Schwarzen in den USA.

In den letzten Jahren nahmen wiederholt Sportler:innen öffentlich gegen Rassismus und Sexismus Stellung. Zuletzt verlangten Tennisspielerinnen wie Serena Williams und Naomi Osaka Aufklärung und Konsequenzen, nachdem ihre chinesische Kollegin Peng Shuai die sexualisierte Gewalt eines hohen chinesischen Parteifunktionärs gegen sie öffentlich gemacht hatte.

Bei diesem Artikel handelt es sich um eine erweiterte Version des in WOZ Nr. 6/2021 erschienenen Textes.

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