Durch den Monat mit Nikola Ilic (Teil 4) : Wie zeigt sich die Korruption in Belgrad?

Nr.  12 –

Zehn Jahre nur Krieg und Krise: Filmemacher Nikola Ilic über seine Jugend in Belgrad und wieso er im Militär erst im Gefängnis und dann an der Front im Kosovo landete.

Nikola Ilic: «In Belgrad wird zum Beispiel eine Metro gebaut, die reiche Wohnviertel mit noch reicheren verbindet – statt die Uni und das Spital mit dem Zentrum.»

WOZ: Nikola Ilic, Sie arbeiteten in Belgrad als Buchhändler, als Sie Ihre Frau kennenlernten. Wären Sie Filmemacher geworden, wenn Sie Corina Schwingruber damals nicht getroffen hätten?
Nikola Ilic: Schon möglich. Ich war schon als Kind von Film und Fotografie begeistert. Als ich dann als Jugendlicher in der kleinen, aber aktiven Hardcore-Punk- und Skaterszene von Belgrad unterwegs war, filmte ich oft, etwa, um Sponsoren für das Skaten zu gewinnen. Später habe ich, inspiriert von Skatefilmen und Stop-Motion-Sachen, mit dem filmischen Experimentieren angefangen. Ich war damals ständig mit der Kamera unterwegs. Als Corina und ich uns das erste Mal trafen, vor fast siebzehn Jahren in einer Bar in Belgrad, sprachen wir stundenlang nur über meine Ideen für einen Film über Kaminfeger auf den Dächern der Welt. Mittlerweile habe ich gelernt, mit den Leuten nicht mehr über all meine Ideen zu sprechen, denn sonst werde ich nicht mehr ernst genommen.

Wieso das denn?
Ich habe viele Ideen, sehr viele. Ich musste mir deshalb angewöhnen, sie erst aufzuschreiben, wenn sie über mehrere Jahre immer wieder auftauchen. Denn für die Umsetzung eines Kurzfilms braucht es durchschnittlich drei Jahre, für einen langen fünf. Ich werde also nie alle meine Ideen umsetzen können, wahrscheinlich kaum ein Prozent davon.

In Ihren Projekten schwingt oft gesellschaftspolitische Kritik mit. Wie politisch aktiv sind Sie in der Schweiz und in Serbien?
Corina ist eine leidenschaftlich politische Person, da ist sie ihrem Vater sehr ähnlich [Anton Schwingruber war CVP-Regierungsrat in Luzern]. In der Schweiz nehme ich mich nicht als besonders politisch aktiv wahr. Ich wähle, stimme ab, besuche Demonstrationen und Anlässe, wenn mich die Themen beschäftigen. Und in Serbien genauso. Mein Mittel, aktiv einen Beitrag zu leisten, ist das filmische Schaffen. Damit kann ich Aufmerksamkeit für Themen gewinnen.

Was beschäftigt Sie aktuell am stärksten?
Wir haben in Serbien momentan kleine Pro-Putin-Demonstrationen der Nationalisten, gleichzeitig finden zum Glück dann grössere Pro-Ukraine-Demos statt. Unser Präsident, Aleksandar Vucic, ist ein Chamäleon, das keine Farbe bekennt. Er wechselt seine Haltung je nachdem, mit wem er gerade spricht. Das ist unerträglich. Doch eines der grössten und dauerhaftesten Probleme ist die Korruption.

Wie zeigt sich diese in Belgrad?
Da wird zum Beispiel eine Metro gebaut, die reiche Wohnviertel mit noch reicheren verbindet – statt die Uni und das Spital mit dem Zentrum. Oft sind es sinnlose Neubauten, mit denen Geld gewaschen wird. Und die Bevölkerung leidet darunter: Alte Menschen leben von einer Rente von 250 Franken im Monat. Es ist schlimm, was die Korruption mit den Städten und den Menschen macht. Ich schäme mich dafür, wie die Regierung meines Landes und die Stadt Belgrad sich verhalten. Diese Fehlverhalten muss man thematisieren.

Ist Ihre kritische Haltung gegenüber der Regierung ein Problem für Ihre Arbeit in Serbien?
Aktuell noch nicht. Aber ich weiss beispielsweise, dass man mit regierungskritischen Filmen niemals gefördert würde und einem viele Steine in den Weg gelegt werden, was bis zur Auflösung der Produktionsfirma führen kann. Ich kenne da Beispiele aus unserem Freundeskreis.

Sie sind im kommunistischen Jugoslawien geboren, haben mehrere Systemwechsel Ihres Landes erlebt. Wie hat Sie das geprägt?
Es sind besonders Existenzängste, die ich selbst nach fünfzehn Jahren in der Schweiz nicht abstellen kann. In meiner Kindheit lebten Grosi, meine Mutter Dida und ich sehr gut, alles schien zu funktionieren. Als ich dreizehn war, brach alles zusammen, und die zehn folgenden Jahre war rund um uns herum nur Krieg und Krise. Mehrfach verschwand all unser Geld in einer Hyperinflation oder durch die Schliessung von Banken. Es fühlte sich damals an, als gäbe es keine Perspektive.

Wie gingen Sie als Jugendlicher damit um?
Einerseits fand ich in der Hardcore-Punk- und Skaterszene Halt. Ich war Teil einer sehr aktiven Gruppe, spielte in einer Band, filmte und fotografierte. Auf der anderen Seite war da unser Quartier, wo ich in ganz anderen Kreisen verkehrte. Dort wurden Drogen verkauft und auch grössere «Dinger gedreht». Viele dieser «Freunde» von damals leben heute nicht mehr. Um diesem Umfeld zu entfliehen, war das Militär der einzige Ausweg. Doch da ich die Waffe verweigerte, steckten sie mich ins Gefängnis.

Schliesslich landete ich als waffenloser Übersetzer der Truppe an der Front im Kosovo. Um mich herum waren Männer, die vorher zum Beispiel Coiffeur oder Buchhalter gewesen waren – junge Menschen, die vielleicht noch nie verliebt waren, die nun mit einer Waffe dastanden. Ich spielte schliesslich eine Psychose vor und kam in die Militärpsychiatrie.

Es waren Jahre, die vor allem von Angst geprägt waren. Ich spreche selten darüber. Doch aktuell ist das leider wieder sehr präsent.

Nikola Ilic (44) und Corina Schwingruber Ilic (40) sind mit «Dida» für den Schweizer Filmpreis nominiert, der am 25. März verliehen wird. Im letzten Teil spricht Corina Schwingruber über die Ökobilanz von All-inclusive-Reisen.