Durch den Monat mit Corina Schwingruber Ilic (Teil 5) : Reisen Sie nun anders?

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Mit ihrem Kurzfilm über Kreuzfahrtschiffe landete Corina Schwingruber Ilic einen weltweiten Festivalhit. Sie weiss aber auch: Individualtourismus ist nicht per se ökologischer.

«Ich versuche heute nachhaltiger unterwegs zu sein»: Corina Schwingruber Ilic.

WOZ: Corina Schwingruber Ilic, nach Ihrem Erfolg mit dem Kurzfilm «All Inclusive» widmen Sie sich auch in Ihrem nächsten Kurzfilm wieder dem Tourismus. Worum geht es diesmal?
Corina Schwingruber Ilic: Bei «All Inclusive» lag der Fokus auf dem Kreuzfahrttourismus und seinen Auswüchsen. An Land jedoch ist es genauso schlimm. Das kenne ich gerade als Luzernerin aus eigener Erfahrung. Ich werde deshalb den Tourismus an Land thematisieren und dabei auch stärker nach dem Warum fragen: Warum haben wir dieses starke Bedürfnis nach Reisen, warum zieht es uns alle an die gleichen Orte? Warum machen alle die gleichen Bilder an den gleichen Orten, in den gleichen Posen? Und natürlich wird es auch um die oft unreflektierte Gegenüberstellung von Massen- und Individualtourismus gehen.

Inwiefern unreflektiert?
Ich finde es spannend, wie wir den Massentourismus im Gegensatz zum Individualtourismus viel negativer wahrnehmen. Wahrscheinlich, weil wir ja alle so unglaublich individuell sein möchten – auch beim Reisen. Ich nehme mich da gar nicht aus. (Lacht.) Dabei zeigen Studien etwa, dass es ökologischer ist, in einen All-inclusive-Urlaub in einem riesigen Hotelkomplex zu fahren als alleine nach Norwegen zum Kanufahren. Die Massen bewegen sich oft an Orten, die bereits für den Tourismus ausgebaut sind. Individualreisende hingegen fallen oft, mittlerweile beeinflusst durch Social Media, ebenfalls in Massen an Orten ein, die aber überhaupt nicht darauf vorbereitet sind – auch bezüglich der Infrastruktur für Abfall oder was Toiletten angeht.

Reisen Sie nun anders, seit Sie sich für Ihre Kurzfilme stärker damit befassen?
Ich bin schon immer extrem gerne gereist. Aber ich versuche heute, nachhaltiger unterwegs zu sein. So versuche ich so oft wie möglich, etwa eine Einladung zu einem Festival mit Dreharbeiten und einem längeren Aufenthalt zu verbinden. So beruhige ich mein Gewissen ein wenig. Gleichzeitig ist gerade dieser Film natürlich nicht besonders ökologisch. Wir drehen nun praktisch überall, wo wir hinreisen, letztens in Paris ganze drei Tage.

Wird der Film vom Stil her eine Art Fortsetzung von «All Inclusive»?
Er wird sperriger werden – «All Inclusive» war ja recht unterhaltsam. Zudem konnte man sich leicht davon distanzieren, wenn man noch nie auf einem Kreuzfahrtschiff war. Diesmal möchte ich, dass die Leute beim Schauen etwas mehr leiden müssen – weil sie sich selbst darin erkennen.

Sie und Ihr Mann, Nikola Ilic, sind – abgesehen von «Dida» – im dokumentarischen Kurzfilm zu Hause. Spielfilme sind kein Thema?
Ich mag Spielfilme sehr, besonders wenn sie nahe am Dokumentarischen oder extrem stark stilisiert sind. Aber selbst einen Spielfilm zu drehen, reizt mich nicht. Ich habe das Gefühl, es ist extrem schwierig, interessantere Geschichten zu schreiben, als die Welt sie uns liefert. Und für den Kurzfilm brenne ich einfach.

Sie engagieren sich auch politisch für Kurzfilme. Sie und Ihr Mann haben 2017 den Kurzfilmverband Pro Short mitgegründet. Was war der Auslöser dafür?
Wir wollten uns dafür einsetzen, dass Kurzfilme besser gefördert und wahrgenommen werden. In der erfolgsabhängigen Filmförderung beispielsweise wurden Kurzfilme damals extrem unter Wert eingerechnet. Man wird auch gerne als Nachwuchsfilmer:in abgestempelt, wenn man nur Kurzfilme dreht. Ich muss aber sagen, dass ich wegen unserer Kleinkinder filmpolitisch aktuell weniger aktiv bin.

Allgemein ist die Serienform auf der Überholspur. Klinken Sie sich da auch ein?
Lustigerweise sitzen wir tatsächlich gerade an einem Konzept für eine Eingabe. Vielleicht wurden wir da wirklich beeinflusst vom Serienboom, doch wir hatten das Gefühl, dass die aktuellen Themen nach dieser Form verlangen.

Was sind das für Themen?
Es sind drei Teile, die sich grob gesagt um Wasser, Erde und Luft drehen. Konkret behandeln wir darin den Boom von Wasserkraftwerken in Serbien, die dort aufgrund des Pariser Klimaabkommens reihenweise gebaut werden, selbst wenn es sich stromtechnisch nicht lohnt. Dann geht es um den Lithiumabbau und die Luftverschmutzung, die in Belgrad teilweise schlimmer ist als in Schanghai.

Abgesehen von «All Inclusive» und Ihrem nächsten Kurzfilm finden Sie Ihre Themen oft in Serbien. Gibt es in der Schweiz zu wenige spannende Geschichten?
Halt mal! Ich habe hier den Film über Baggerfahrer gemacht. Ich bin absoluter Baggerfan. Mich faszinieren diese Choreografien, in der sich Baustellenfahrzeuge wie in einer Art Ballett bewegen.

Aber tatsächlich ist es bei gesellschaftskritischen oder politischen Themen so, dass ich mich stärker für Serbien interessiere. Vielleicht fehlt mir hier teilweise die Distanz. Oder es liegt vielleicht auch schlicht daran, dass sich die Themen in Serbien aufgrund der politischen Situation viel dringlicher anfühlen.

Corina Schwingruber Ilic (40) gewann mit «All Inclusive» den Schweizer Filmpreis für den besten Kurzfilm. Aktuell läuft «Dida» im Kino, der neue Film von Schwingruber und ihrem Mann Nikola Ilic (44).