Nr. 23/2022 vom 09.06.2022

Der Blauwal im Metaverse

Ob Teenagernöte oder das Wesen des Cyberspace: Mamoru Hosadas Bild- und Tonfeuerwerk «Belle» zeigt einmal mehr, dass der japanische Animationsfilm entgegen seinem kindlichen Ruf auch als Denkmaschine ernst zu nehmen ist.

Von Dominic Schmid

Organisch verknüpfte Realitäten und Erzählweisen: «Belle» findet nachvollziehbare Bilder für die digitale Affektökonomie. Still: Studio Chizu, Filmcoopi

Irgendwann taucht aus dem wolkenähnlichen Lichtermeer der mit hundert Lautsprechern bestückte Blauwal auf und trägt unsere singende Heldin hinfort, nachdem sie sich vor einem Millionenpublikum gerade als einfaches Schulmädchen vom Land geoutet hat. Vor lauter Staunen verschlägt es allen die Sprache, nicht nur dem virtuell anwesenden Publikum in der Cyberspace-Arena.

Seit «Paprika» (2006) von Satoshi Kon gab es wohl keinen Film mehr, der die fast unbegrenzten Möglichkeiten des Anime, eigene Realitäten zu kreieren, so sehr auszureizen wusste wie jetzt «Belle» von Mamoru Hosada. Wobei die Absichten der beiden Filme weit auseinandergehen: Während Kons letzter Film damals seiner Tagline «This is Your Brain on Anime» (Anime als Droge fürs Gehirn) bis zum Letzten gerecht wurde, stellt Hosada seine filmischen Mittel nun hauptsächlich in den Dienst der Emotionen. Gleichwohl ist es umso erfreulicher, dass mit «Belle» endlich wieder einmal ein Anime in die Schweizer Kinos kommt, der dem Potenzial des Mediums wirklich gerecht wird.

Bilder, die denken

Der Möglichkeit etwa, so gut wie jeden denkbaren philosophisch-abstrakten Gedanken visuell ansprechend darzustellen. Das heisst in diesem Fall, Bilder für das Metaverse zu finden, die rein gar nichts mit Mark Zuckerbergs creepy Fantasie zu tun haben, sondern eher der Vorstellung entsprechen, die sich Neal Stephenson schon 1992 in seinem Roman «Snow Crash» gemacht hatte. Hier kommt auch die zweite Stärke des Anime ins Spiel: Er kommt aus Japan. Während sich nämlich der westliche populäre Animationsfilm seit jeher grösstenteils an Kinder richtet und gegenüber jeglicher Form von Technologie eher skeptisch eingestellt ist, versuchten Animes schon immer, das gesamte Publikumsspektrum anzusprechen, und teilten auch die generell eher aufgeschlossene Haltung, mit der man in Japan auf technologische Entwicklungen blickt. Das trifft sogar auf jemanden wie Hayao Miyazaki und seine Filme wie «Das Schloss im Himmel» zu: Der bekannteste Animeregisseur sieht in der Technologie nie nur die Bedrohung, sondern, etwa in der Form von fliegenden Schlössern, auch die mögliche Rettung.

Das soll nicht heissen, dass moderne Technologien im Anime nicht hinterfragt würden – im Gegenteil. In «Belle» zum Beispiel bildet der Cyberspaceraum namens «U» zwar einen utopischen Zufluchtsort, in dem Jugendliche mittels ihrer Avatare auf verborgene Stärken zugreifen können, die ihnen in der realen Welt aufgrund der üblichen Unsicherheiten und Traumata verwehrt bleiben – doch die Bewertung ihrer «Performance» verläuft auf dieselbe anonym-grausame Art, wie wir es aus unseren virtuellen Realitäten kennen.

Was «Belle» in dieser Hinsicht auszeichnet, ist, dass es ihm mit den ureigenen Mitteln des Anime gelingt, die für gewöhnlich unsichtbaren Prozesse der digitalen Affektökonomie nachvollziehbar zu visualisieren. Dabei deckt das Aussehen der Akteur:innen in der Welt von «U» fast sämtliche der grundverschiedenen ästhetischen Register des Anime ab. Das mag vielleicht jene Zuschauer:innen abschrecken, die Anime immer noch für Kinderzeug halten. Es ist aber auch eine perfekte Metapher für das Gelingen eines interkulturellen Dialogs. Vor allem ist das alles auch auf eine so farbenfrohe, originelle und, ja, schöne Weise gezeichnet, wie man es sonst nur von Miyazaki oder Makoto Shinkai («Weathering with You») kennt.

Überfrachtet? Überwältigend!

Will man diesem Film etwas vorwerfen, dann vielleicht, dass «Belle» etwas gar viel will. Da gibt es das klassische Teenagerdrama um Suzu (deutsch: Glocke), die nach dem Unfalltod ihrer Mutter sowohl ihre Singstimme als auch den Bezug zu den Gleichaltrigen verloren hat und zugleich natürlich unsterblich in den populären Jungen verliebt ist. Da ist die Cyberspacewelt von «U», in der der Film so viele Themen um die Kommodifizierung und die Politisierung virtueller Räume abhandelt, dass man sich in einem Roman von William Gibson wähnt, während man gleichzeitig einem jener unmittelbar berührenden Auftritte in Castingshows wie «The Voice» beizuwohnen glaubt. Als dann wie nebenbei noch eine ins Märchenland des Metaverse übertragene Variante von «Die Schöne und das Biest» aufgefahren wird, kann man sich nur noch wundern, weshalb der Film unter dem Gewicht all dieser Elemente nicht einfach zusammenbricht.

Zu behaupten, dass es gelingt, all diese Stränge zusammenzuhalten und zu einem schlüssigen Ende zu führen, wäre wohl zu grosszügig. Auch ist die Erzählung etwas zu chaotisch und zu unausgewogen, um beispielsweise das Thema des Cyberspace mit einer ähnlichen Tiefe zu verhandeln, wie das in anderen, konzentrierteren (aber auch langweiligeren) Animes schon gelungen ist. Trotzdem ist erstaunlich, wie organisch Hosada in «Belle» die verschiedenen Realitäten und Erzählweisen miteinander verknüpft oder ineinanderfliessen lässt – und so quasi eine Welt entwirft, in der sich Wirklichkeit und Cyberspace nicht mehr bedeutsam unterscheiden, sondern einander gegenseitig bedingen, ohne dabei ins Dystopische abzudriften.

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