Energiekrise : Putin, das Gas und die Lösung

Nr.  27 –

Die aufziehende Klimakatastrophe hat seit langem etwas Surreales. Es fühlt sich an wie eine endlose Wodkaparty. Die wenigen Nüchternen warnen, doch die Party lässt sich nicht beenden, man säuft sich ins Koma.

Um zu begreifen, worum es geht, reicht ein Blick auf die Grafik «Endenergieverbrauch» der Schweiz. Das Bundesamt für Statistik veröffentlicht sie jedes Jahr. Sie gleicht den Alpen, wenn man vom Westen übers Mittelland aufs Gebirge schaut: Links beginnt die flache Kurve um 1910, sie steigt sanft an und steigt ab 1950 schroff in die Höhe. Mitte der neunziger Jahre wird der Kamm erreicht, danach geht es über diverse Spitzen auf und ab – doch von einem Abstieg runter ins Tal ist nichts zu sehen. Dorthin müssten wir, wenn die Schweiz die versprochenen Klimaziele erreichen will.

Die Grafik zeigt auf einen Blick, wie viel fossile Energie die Schweiz immer noch verbraucht. Dick und flächig dominieren Heizöl, Gas, Benzin und Diesel: Sechzig Prozent der gesamten verbrauchten Energie sind klimaschädlich. Benzin und Diesel machen fast die Hälfte der eingesetzten fossilen Energien aus. Nun sollen Benziner durch saubere Elektroautos ersetzt werden.

Doch woher kommt der Strom? Die Elektrizität nimmt etwa ein Viertel ein. Sieht gut aus, weil Strom als sauber gilt. Die Grafik verbirgt allerdings, dass knapp ein Drittel dieses Stroms noch von AKWs geliefert wird. Diese sollen jedoch abgeschaltet und ihr Strom durch erneuerbare Energien ersetzt werden. Die sind in der Grafik als feine hellgrüne Linie zu sehen. Sie wurde in den letzten Jahren etwas dicker, mager ist sie immer noch, und sie deckt erst 4 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs ab (davon stammt der grösste Teil aus Biogas oder Umweltwärme, Solarstrom macht gerade einmal 0,4 Prozent aus).

Die Idee des Bundes war, den fehlenden Strom für eine beschränkte Zeit mit Gas zu überbrücken. Kriegsdespot Wladimir Putin hat diese Idee pulverisiert. Das Gas dürfte schon im nächsten Winter knapp werden. Energieministerin Simonetta Sommaruga hat reagiert und das einzig Richtige gemacht: Sie thematisiert die Krise, bevor sie da ist, und sagt – wir müssten allenfalls rationieren.

Damit fällt ein Glaubenssatz der Energiebranche in sich zusammen. Der Glaubenssatz lautete: Der Markt wird es richten. Seit den 1990er Jahren wurde in Europa das Energiegeschäft systematisch liberalisiert. Energie sollte noch billiger werden. In einem liberalisierten Markt ist es allerdings unmöglich, eine klimafreundliche Welt aufzubauen: weil die Energieanbieter verdienen wollen und deshalb immer mehr Energie verkaufen müssen – was das Gegenteil dessen ist, was vonnöten wäre. Die Menschen wollen zum Beispiel nicht Gas kaufen, sie wollen im Winter warm haben und kochen können. Dafür bräuchten sie ein gut isoliertes Haus und Solarzellen auf dem Dach. Daran verdient die Gasindustrie aber nichts.

Das ist alles nicht neu. Die Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten schon über diverse Initiativen abgestimmt, die das ändern wollten. Vor über zwanzig Jahren sollte etwa eine Energielenkungsabgabe eingeführt werden. Die Initiative zielte darauf ab, alle fossilen Energieträger sukzessive zu reduzieren. Um das zu erreichen, wären Benzin, Gas und Heizöl verteuert worden. Das Kluge daran: Die Gelder, die zusammengekommen wären, wären an die Bevölkerung zurückgeflossen. Menschen, die wenig Geld haben und deshalb auch weniger Energie brauchen, hätten profitiert – weil sie mehr Geld zurückerhalten, als sie für die teurere Energie bezahlt hätten. Das CO₂-Gesetz, das 2021 abgelehnt wurde, war ähnlich gestrickt.

All diese Initiativen scheiterten. Leider, sonst stünden wir heute gelassener da. Kriegsherr Putin könnte uns nicht mit seinem Gas erpressen. Das Problem ist nicht, dass wir zu wenig Gas bekommen. Das Problem ist, dass wir immer noch zu viel Gas, Öl, Benzin verbrauchen. Es muss knapp werden. Und dann gehören knappe Güter gerecht verteilt. Wir wüssten, wie das geht, wir müssen es nur tun.