Kunst: Frei, reich und verrückt

Nr. 47 –

Ein Gebäude, mächtig wie ein Ozeandampfer, die Räume fast beliebig konfigurierbar: Für Liebhaber:innen von Gegenwartskunst ist die Neueröffnung der Fondation Cartier in Paris eine Freude.

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Frankreichs Finanzen laufen aus dem Ruder, das Regierungsgeschäft ist eine tragische Posse, im Land herrscht eine Mischung aus Endzeitstimmung und vorrevolutionärem Fieber; bald könnten die Rechtsextremen an die Macht kommen. Aber die Lichterstadt Paris scheint desto heller zu strahlen, je dichter sich der braune Pesthauch um sie zieht. Bevor womöglich die Finsternis hereinbricht, hat die Hauptstadt Ende Oktober ihrer Kulturkrone einen weiteren funkelnden Klunker hinzugefügt. Die Eröffnung von Jean Nouvels neuer Fondation Cartier bereichert die Szene für Gegenwartskunst gewaltig.

Der Bau liegt an zentraler Lage, Louvre und Palais Royal sind direkte Nachbarn. Der fünfstöckige, 153 Meter lange und bis zu 58 Meter breite Ozeanriese aus hellem Kalkstein wurde 1854/55 im Hinblick auf die bevorstehende Weltausstellung aus dem Boden gestampft. Das Hôtel du Louvre bildete mit 1200 Zimmern eine Miniaturstadt und bot seiner kosmopolitischen Klientel neben Wasserklosetts und elektrischen Klingeln auch Dutzende von Luxusboutiquen unter den ringsum laufenden Arkaden. Eine davon wuchs sich zum – laut Werbung – «grössten Warenhaus der Welt» aus und vertrieb 1887 gar das Hotel aus den Mauern. Die Grands Magasins du Louvre waren derart weitläufig, dass zur Beförderung von Kund:innen und Mitarbeiter:innen Brückenkräne und sogar zwei Eisenbahnen zum Einsatz kamen.

Typisch Nouvel

Nouvel knüpft an dieses Maschinenerbe à la Jules Verne an. Der Stararchitekt hat das in den späten siebziger Jahren verbaute Gebäudeinnere entkernt und namentlich ein 85 Meter langes «Langhaus» unter dreien der vier Innenhöfe freigelegt. Dort finden sich jetzt fünf 200 bis 363 Quadratmeter grosse Plattformen, die sich mittels einer Art zweckentfremdeter Theatertechnik mit Kabeln, Ketten und Seilscheiben über eine Höhe von elf Metern hinweg in jeweils elf Positionen anheben oder absenken lassen – und das unabhängig voneinander. So sind genügend Konfigurationen möglich, damit in den nächsten 58 Jahrtausenden keine Szenografie der anderen gleicht: nämlich – laut architektonischer Begleitpublikation – deren 117 854!

Typisch Jean Nouvel sind auch die vielen Durchblicke: etwa zwischen Unter-, Erd- und Obergeschoss (die fünf darüber liegenden Stockwerke beherbergen die Büroräume der Stiftung sowie vieler weiterer Mieter:innen), zwischen Innen und Aussen (via sieben Meter hohe Rundbogenfenster aus einem Stück) und zwischen Himmel und Erde (mittels Glasdächern über den Innenhöfen, über die Bäume wachsen und deren Lichtdurchlässigkeit sich mit motorgesteuerten Blenden regulieren lässt).

Der Titel der Eröffnungsausstellung verweist auf entsprechende kommerzielle Veranstaltungen der 1974 geschlossenen Grands Magasins du Louvre: «Exposition générale». Offiziell wird die Schau durch vier Themen strukturiert – doch ist kaum je klar, in welcher Sektion man sich gerade befindet –, dazu kommen zwei Dutzend monografische Streiflichter. Man bestaunt da, unter vielem mehr, ein tauchfähiges U-Boot von Panamarenko, eine gigantische Gewölbedecke aus Federn von Solange Pessoa, eine lebensechte, aber bloss 113 Zentimeter hohe «Woman with Shopping» von Ron Mueck, Masken, Totems und einen «Stone with Hair» von David Hammons sowie das farbenfrohe «Projekt für Kinshasa im dritten Jahrtausend» von Bodys Isek Kingelez. Aber zu einer geschlossenen Schau fügt sich das kunterbunte Sammelsurium nicht.

Da hätte man die Besucher:innen einfacher ohne Themen und Titel durch den Bau flanieren lassen. Denn der Erkundungsgang macht Spass: Es geht nach unten und nach oben, von Lynch nach Merz, der Parcours führt über Endlosgänge in Sackgässchen, vom Licht ins Dunkel und vom Lauten ins Leise. Das sehr spezielle Profil der Sammlung tritt auch ohne forcierte Verklammerung klar zutage.

Ohne Berührungsängste

Die Kollektion zählt heute 4500 Stücke, die grösstenteils anlässlich von Ausstellungen der Fondation Cartier erworben wurden – bei vielen handelt es sich sogar um Auftragswerke. Die Sammlung spiegelt getreu das Programm wider: «Exposition générale» bildet einen von vielen möglichen Rundgängen durch die vier Jahrzehnte seit der Gründung der Stiftung. 1984 durch die Luxusgüterfirma Cartier und deren damaligen Präsidenten Alain Dominique Perrin ins Leben gerufen, der ihr bis heute vorsteht, liess sich diese zunächst in einem achtzehn Hektaren grossen Anwesen bei Versailles nieder. Dort bespielte sie – recht barock – ein Directoire-Schloss, ein pseudonormannisches Dörfchen und ein ehemaliges Blockhaus der Luftwaffe, den prächtigen Park nicht zu vergessen.

Gegenwartskunst war seinerzeit – nicht nur in Frankreich – eine Sache für Spezialistinnen, eifrige Anhänger dieses oder jenes Dogmas – und für den Staat. Die Fondation Cartier als Privatinstitution mit einem eklektischen Programm ohne Scheuklappen und Berührungsängste (ver)störte da. Doch gerade ihre vermeintlichen Schwächen wurden peu à peu zu Stärken. Als die Stiftung 1994 aus der Peripherie nach Paris zog und aus dem bunt zusammengewürfelten Landgut in einen massgeschneiderten Neubau von Jean Nouvel am Boulevard Raspail, verkörperte sie für viele bereits Trendigkeit ohne Attitüden und Avantgardismus ohne Kopflastigkeit – für Cartier, kurz zuvor noch ein etwas angestaubter Juwelier, das ideale Aushängeschild.

Zwischen ihren Glaswänden – Mauern gab es nicht – bestaunte man Fotos von Kreationen nigerianischer Haarstylisten, im Raum auf und ab hüpfende Miyake-Plisseekleider, explodierende Ausstellungskataloge, Zeichnungen von Yanomami-Indigenen, Glasperlen-Himmelbetten und einen bunten T-Rex aus Tokio, wohnte dem Livegespräch zwischen dem Comickünstler Mœbius und einem Astronauten in der Raumstation Mir bei oder einem Duoauftritt von Patti Smith und John Cale.

Verfünffachte Ausstellungsfläche

Die fünf Ausstellungen des Jahres 2004 vermitteln einen guten Eindruck von der Freiheit und Verrücktheit des Programms. Erst entwarf der Designer Marc Newson da unter anderem einen Düsenjet für die Stiftung, dann zeigte der Maler Chéri Samba – heute ein Star – 35 farbenfroh-figurative Tableaus, ihm folgte der Modeschöpfer Jean Paul Gaultier nach mit Kleidern aus Brot, bevor Raymond Depardon und Hiroshi Sugimoto das Jahr mit Kurzfilmen über sieben Metropolen zwischen Berlin und Addis Abeba beziehungsweise mit einer fotografischen Hommage an Marcel Duchamps «Grosses Glas» und an Jean Nouvels Glashaus ausklingen liessen.

Was aus Letzterem wird, muss der Besitzer entscheiden – die Fondation Cartier war am Boulevard Raspail lediglich Mieterin und ist es auch in ihrem neuen Heim am Louvre noch. Die Stiftung erklärte der WOZ, sie kommuniziere nicht zu Finanziellem; in der französischen Presse stand zu lesen, Nouvels Umbau habe zwischen 225 und 245 Millionen Euro gekostet. Die Riesensumme spiegelt die Quasi-Verfünffachung der Ausstellungsfläche auf 6500 Quadratmeter wider. Damit verfügt das Haus über ungleich mehr Raum als Bernard Arnaults Fondation Louis Vuitton und François Pinaults Bourse de commerce. Einzig Maja Hoffmanns Stiftung Luma Arles gebietet in Frankreich über noch grössere Ausstellungsflächen, freilich verteilt auf mehrere Gebäude. Wird die Fondation Cartier, deren bisheriges Motto «mittelklein, aber superfein» lauten könnte, nach ihrem Aufstieg in die Riege der Big Players der Gefahr der Institutionalisierung und Normalisierung entgehen können?