Eskalation in Syrien: Angriff auf die Kurd:innen
Die Bilder vom Sonntag aus Tabka wirken wie die Inszenierung einer Eroberung. Jubelnde Männer stürzen die Statue einer kurdischen Kämpferin und skandieren: «Allahu akbar!» Mit der Einnahme der Schlüsselstadt verloren die kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) am Wochenende die Kontrolle über die dortige Militärbasis und den Staudamm. Nach der Einnahme der kurdischen Viertel in Aleppo eine Woche zuvor hatte sich die Militäroffensive der syrischen Übergangsregierung rasch gegen Osten ausgebreitet; innert weniger Tage stiessen die Truppen ins Kernland der kurdischen Selbstverwaltung vor. Zeitgleich brachten sie die wichtigen Öl- und Gasfelder in Deir Essor unter ihre Kontrolle.
Von der kurdischen Autonomie bleibt zum jetzigen Zeitpunkt kaum mehr als eine formale Hülle; der gesellschaftliche Neuentwurf von Rojava wird vor den Augen der Weltöffentlichkeit demontiert. Der Vierzehn-Punkte-Plan, den die Übergangsregierung am Sonntag den Kurd:innen unterbreitet hat, ist kein demokratischer Kompromiss, sondern eine aufgezwungene Kapitulationsurkunde. Und die Offensive der Übergangsregierung dauerte zum Wochenbeginn an.
Am Dienstagabend wurde eine viertägige Waffenruhe vereinbart, doch die militärische Eskalation hat bereits Todesopfer gefordert, und sie strapaziert die regionale Sicherheit: Nach gezielten Angriffen der Regierungsarmee auf SDF-Stellungen kamen IS-Häftlinge frei. Die Wahrscheinlichkeit weiterer Massenausbrüche wächst stündlich.
Der Deal vom März 2025 zwischen den SDF und der Übergangsregierung – jene mühsam errungene Vereinbarung nach dem Zusammenbruch des Assad-Regimes – war offensichtlich das Papier nicht wert, auf dem er niedergeschrieben wurde. Was als partnerschaftliche Einbindung der Kurd:innen deklariert war, entpuppt sich als Farce. Syriens Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa, als Abu Muhammad al-Dschaulani kürzlich noch Chef der dschihadistischen Miliz HTS und international gesuchter Terrorist, hat sich für die Weltbühne erfolgreich neu erfunden. Während er aber als Staatsgast hofiert wird, schafft seine Armee aus ideologisch geschulten HTS-Kadern, protürkischen Milizen und arabischen Stammessoldaten am Boden Tatsachen. Alles mit der Rückendeckung der türkischen Regierung, die in Scharaa den Vollstrecker der Abschaffung der kurdischen Selbstbestimmung sieht, und unter Duldung der USA. Wenig überraschend zieht Donald Trump eine autoritäre Ordnung der Perspektive eines föderalistischen Syriens vor. Dass das US-Verteidigungsministerium die SDF noch im vergangenen Juli als «entscheidend für die Sicherheit in Syrien» bezeichnete, ist angesichts der aktuellen Realitäten bloss noch eine Fussnote der Geschichte.
Pessimist:innen sagen, die Kurd:innen befänden sich wieder einmal an jenem Punkt, an dem ihnen ihr eigener Untergang diktiert werde. Doch Geschichte folgt keinem festgeschriebenen Drehbuch, sie wird meist durch menschliches Handeln bestimmt. In den letzten vierzig Jahren haben sich die Kurd:innen in Syrien, der Türkei, im Iran und im Irak unbeirrt Sichtbarkeit, Mitsprache und politische Rechte erkämpft. Der Prozess wird massgeblich von der kurdischen Diaspora mitgetragen, die internationale Solidarität zeigt sich auch aktuell wieder in Grossdemonstrationen in europäischen Städten. Und es ist erfreulich, wie eine internationalistische Linke weiterhin das Selbstbestimmungsrecht der Kurd:innen einfordert.
Für die Kurd:innen selbst bricht ein weiteres Kapitel in einer langen Chronik der Selbstbehauptung an. Jenseits aller Romantisierung bleibt ihr Kern ihre beispiellose Zähigkeit: Wer Jahrzehnte der Verfolgung in vier Nationalstaaten überdauert hat, lässt sich auch jetzt nicht so rasch aus der Geschichte tilgen. Scharaa sollte sich bei seinen Nachbarn in Ankara, Teheran und Bagdad erkundigen: Nirgends ist es gelungen, den kurdischen Willen zur Selbstbestimmung dauerhaft zu brechen. Ganz im Gegenteil: Jeder Versuch, ihn gewaltsam zu ersticken, ist am Ende zum Bumerang geworden.