Wissenschaftskritik: Zeit, den Oligarchen die Stirn zu bieten

Nr. 7 –

In einem Essay von 1946 nimmt Aldous Huxley erschreckend hellsichtig die Krisen der Gegenwart vorweg.

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Fotomontage: zwei Köpfe bei welchen die Sinnesorgane durch Technik ersetzt wurden
Die Allmacht des wissenschaftlichen Fortschritts: Wenn nur zählt, was gemessen werden kann, werden Menschen zu biologischen Maschinen, warnte Aldous Huxley. Foto: John Lund, Getty

Manchmal springt einen der Titel eines Buches derart an, dass es sich anfühlt, als verursache er einen Kurzschluss im Gehirn. Vielleicht sind wir in dystopischen Zeiten wie diesen auch besonders empfänglich für Geistesblitze, die für einen Moment klare Konturen aus der Düsternis schälen. «Zeit der Oligarchen» jedenfalls trifft definitiv einen solchen Nerv – was umso frappanter ist, als der schmale Band bereits vor achtzig Jahren erschienen ist. Verfasst von einem Briten, der damals längst in Kalifornien lebte und zu den herausragenden «public intellectuals» zählte: Aldous Huxley.

Tatsächlich beschäftigte sich der Autor des Science-Fiction-Klassikers «Brave New World» («Schöne neue Welt», 1932) nicht nur literarisch mit einer dystopischen Zukunft. Als brillanter Essayist setzte sich Huxley mit diversen gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, die heute bestürzend aktuell anmuten. In «Zeit der Oligarchen», spürbar geprägt vom Horror der US-Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki, warnt Huxley vor der Machtergreifung einer Handvoll Techoligarchen, die im Stil von Gangstern eine Welt regieren werden, in der sich das Kapital in den Händen weniger konzentriert und Politik zum Faustrecht des Stärkeren verkommt, begleitet vom primitiven Gedöns nationalistischer Parolen. Wer da nicht gleich an die USA seit dem Amtsantritt von Donald Trump denkt, hat das vergangene Jahr womöglich unter einem Stein vergraben verbracht.

In der dystopischen Endphase?

Nun ist der Buchtitel ja erst mal ein geschickter Schachzug des Hanser-Verlags, der Huxleys Essay ins Deutsche übersetzt und gleich auch auf Englisch als «Time of the Oligarchs» Ende 2025 herausgebracht hat. Huxley selbst veröffentlichte seine Schrift 1946 unter dem Titel «Science, Liberty and Peace». Ein bezeichnender Unterschied. Denn im Fokus von Huxleys Kritik steht die Wissenschaft – oder spezifischer, ihr rasanter technologischer Fortschritt und die sich daraus ergebenden Anwendungsmöglichkeiten – als «Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht».

Im Kern kritisiert Huxley die Instrumentalisierung der Wissenschaft für die kapitalistische Verwertungslogik, die mit der Kapitalakkumulation im Vorfeld der industriellen Revolution eingesetzt habe. «Die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Forschung wurden von Beginn an so angewandt, dass die Ober- und Mittelschichten der Industriegesellschaften stetig reicher wurden.» Seither würden Erfinder und Techniker nur darauf hinarbeiten, Konzerne und die Massenproduktion zu bedienen, weil ein zentralisiertes System mehr Profit einbringe. Was unweigerlich zu einer «immer grösseren Zentralisierung der Macht in immer weniger Händen» führe. Als hätte Huxley den rasanten Aufstieg der Techoligarchen aus dem Silicon Valley vorausgesehen.

Mit der Instrumentalisierung der Wissenschaft ging, so Huxley weiter, ihre Simplifizierung und Ideologisierung einher. Sie äussert sich in der Gestalt eines Glaubens an die Allmacht des wissenschaftlichen Fortschritts, der nur möglich sei, indem alle Aspekte der Wirklichkeit ausgeklammert blieben, die sich nicht messen und anhand des Ursache-Wirkungs-Prinzips erklären liessen. Letztlich werden für Huxley so auch Menschen reduziert auf Materie und Energie in ihrer messbaren Form, degradiert zu biologischen Maschinen.

Der Mensch als Summe seiner Datenspur, dessen Wert sich daran bemisst, wie umfassend er sich als Ausdruck von Nullen und Einsen kapitalisieren lässt: Sind wir mit dem nihilistischen Solutionismus von Techbros wie Elon Musk oder Peter Thiel und den Allmachtsfantasien, die sich darin ausdrücken, in die dystopische Endphase von Huxleys Wissenschaftspessimismus eingespurt? Ihre Handlungsmaxime «move fast and break things» jedenfalls setzt technischen Fortschritt als Brecheisen ein, um sich die Welt nach eigenen Vorstellungen neu zu schaffen. Vor einem Jahr ist diese Maxime ins Weisse Haus eingezogen. Und mit ihr die Gewalt als politisches Mittel der Wahl.

Handlanger der Unterdrücker

Auch das hat Huxley mit präzisen Worten vorweggenommen: «Moderne Diktatoren» sprächen «unentwegt von der goldenen Zukunft und rechtfertigen die schlimmsten Gräueltaten im Hier und Jetzt damit». Man schaut sich die Bilder des Wütens protofaschistischer ICE-Truppen an und hat Huxleys Worte im Ohr: Wo sich eine bislang demokratische Regierung nicht mehr an die Spielregeln hält, kann Widerstand nicht auf Erfolg hoffen. Denn für ihr repressives Vorgehen steht der Regierung «dank der Begabung und eifrigen Mitwirkung gut ausgebildeter Physiker, Chemiker, Ingenieure und Erfinder» ein «wunderbar effizienter Zwangsapparat zur Verfügung».

Natürlich formulierte dies Huxley vor dem Hintergrund zweier Weltkriege, die ihre Zerstörungsmacht auf der Basis einer wissenschaftlich-technischen Tötungsindustrie entfalteten. Aber dieser Fortschritt hat seither unentwegt effizienteres Tötungswerkzeug hervorgebracht. Drohnen etwa, die sich von irgendwo auf der Welt steuern lassen. Hybride Formen der Kriegsführung wie hochgerüstete Trollfabriken.

Zunehmend richten «moderne Diktatoren» ihr digitales Arsenal auch gegen die eigene Bevölkerung. In den USA erschöpft sich das längst nicht mehr in systematischen Desinformationskampagnen. Seit Trump das Budget der Polizei- und Grenzschutzbehörde ICE verdreifacht hat, setzt diese immer umfassender auf digitale Erkennungs- und Überwachungstechnologien, mit deren Hilfe sie gleichermassen Jagd auf Migrant:innen macht und unbescholtene Bürger:innen ins Visier nimmt. Wir werden gerade Zeug:innen, wie im «Land of the Free» ein «wunderbar effizienter Zwangsapparat» aufgebaut wird – mit tatkräftiger Unterstützung der Techkonzerne, die dafür eng mit der Regierung zusammenarbeiten.

Und sind wir in Europa nicht drauf und dran, in dasselbe Fahrwasser einzuspuren? Mit offiziell geförderter angewandter Forschung, die Migrant:innen überwachen, abwehren und die EU-Aussengrenzen schützen soll (siehe WOZ Nr. 33/25)? Auch das ist eine Form von Gewalt, die tötet.

Sand im Rüstungsgetriebe

Auf die Frage, was Wissenschaftler:innen denn zu so fügsamen Rädchen im Getriebe eines permanenten Rüstungswettkampfs werden lässt, hat Huxley eine erwartbare Antwort parat: Nationalismus – weil er den Wert des Einzelnen leugnet und stattdessen Hass schürt und Krieg rechtfertigt. Nationalismus bringe Figuren mit der «Mentalität eines vierzehnjährigen Straftäters» an die Macht – von Huxley, womöglich mit Charlie Chaplin als «Der grosse Diktator» vor Augen, umschrieben mit «hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberhaft und eitel».

Als hätte er durch ein Wurmloch direkt in unsere Gegenwart geblickt und würde live mitverfolgen, wie hier ein Machthaber von solchem Geisteszuschnitt im Namen von Maga gerade im Wochentakt imperiale Gebietsansprüche von Venezuela bis nach Grönland stellt. Angesichts der Tatsache, dass Trump das nationale Militärbudget um über die Hälfte – und damit um weit mehr als die Verteidigungsausgaben der gesamten EU – erhöhen will, ist das nicht einfach verbales Säbelrasseln.

Und plötzlich scheinen in Europa alle Dämme gebrochen. Nachdem bereits der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Gewalteskalation im Nahen Osten die Gewissheit nationaler Souveränität und Sicherheit unterminiert haben, verfallen die EU-Staaten – und mit ihnen auch die Schweiz – gerade einem gefährlichen Rüstungsfieber.

Huxleys Utopie einer Welt, die statt auf Konkurrenz auf Kooperation setzt, auf dezentrale kollektive Selbstverwaltung und -bestimmung, rückt da in weite Ferne. Und so hellsichtig er den Kalten Krieg und die mit ihm verbundenen Dynamiken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorweggenommen hat: Den Aufschwung Chinas zur wissenschaftstechnologischen Grossmacht, die zunehmend auch ihre militärischen Muskeln spielen lässt, hat er nicht kommen sehen. Auch will Xi Jinping nicht recht ins Bild eines Oligarchen von Huxleys Zuschnitt passen – nationalistischen Gesten und einer bis in den Intimbereich dringenden technologischen Überwachung der Bevölkerung zum Trotz.

Er werde Mittel und Wege aufzeigen, wie namentlich die Wissenschaft der Konzentration von Macht in den Händen einiger weniger «entgegentreten und sie vielleicht sogar umkehren kann», stellt Huxley zu Beginn seines Essays in Aussicht. Zuallererst müssten all die Ingenieure und Forscherinnen den Kriegsdienst im Sold der Oligarchen verweigern. Stattdessen sollten sie in ihrem Tun einem «hippokratischen Eid» folgen, der dem Wohl der Menschheit dient und auf internationaler Zusammenarbeit «gleichwelcher Nation, Religion oder Hautfarbe» basiert. Eine «internationale Kontrollbehörde zum Schutz der Menschheit» soll dies garantieren.

Auch wenn diese Vision angesichts der aktuellen Entwicklungen naiv klingt: Noch nie war es wichtiger, internationale Gremien zur Wahrung von Frieden und Menschenrechten zu stärken, um dem selbstzerstörerischen technologischen Rüstungswettkampf Einhalt zu gebieten. Es wäre tatsächlich der Beginn einer «Brave New World» im Wortsinn – einer tapferen neuen Welt.

Buchcover von «Zeit der Oligarchen»
Aldous Huxley: «Zeit der Oligarchen» (Originaltitel: «Science, Liberty and Peace»). Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Hanser Verlag. München 2025. 96 Seiten.