Auf allen Kanälen: Ziemlich beste Freunde
Ein «Biopic über das Leben von Dreckskerlen»? Der Kassenschlager über eine historische Nazifreundschaft sorgt in Frankreich für Kontroversen.
Eine wahre Geschichte: In der Zwischenkriegszeit machen sich zwei junge Männer, ein Karlsruher Kunsterzieher und ein Pariser Journalist, für die deutsch-französische Versöhnung stark. Treffen von Jugendverbänden dies- und jenseits des Rheins, Kulturaustausch vor linkspazifistischem Hintergrund. 1932 heiratet der Deutsche die Sekretärin des Franzosen, später tritt er der SS und dann der NSDAP bei. Die Gesinnung wandelt sich, im Rahmen einer neu gegründeten Deutsch-Französischen Gesellschaft werden aber weiterhin Verständigung und Friedenswille propagiert. Die Zeitung des Franzosen, «Notre Temps», sekundiert umso williger, als die deutsche Botschaft in Paris sie mitfinanziert.
Später, als Gesandter von Nazideutschland in Paris, gibt der Deutsche seinem französischen Freund die Mittel, die in «Les Nouveaux Temps» umgetaufte Zeitung zu einem Sprachrohr der Kollaborationspolitik auszubauen. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie fliehen die beiden mit der Tochter des Franzosen, einem lungenkranken Filmsternchen, nach Sigmaringen, wo die Crème der Kollaboration um den greisen Marschall Pétain einen Operettenhofstaat bildet. Der Franzose wird nach dem Krieg füsiliert, sein deutscher Freund muss jahrelang Zwangsarbeit leisten.
Otto Abetz (1903–1958) kennt man in Deutschland wie in Frankreich bis heute als prominenten Protagonisten der NS-Zeit. Corinne Luchaire (1921–1950), von Mary Pickford einst «die zweite Greta Garbo» geheissen, geniesst in ihrem Heimatland einen gewissen Ruf dank ihrer Filmografie und ihrer Memoiren. Ihr Vater Jean Luchaire (1901–1946) ist dagegen in Vergessenheit geraten.
Je rechter, desto hymnischer
«Les rayons et les ombres» («Strahlen und Schatten») dürfte das jetzt ändern. Der über dreistündige und gut dreissig Millionen Euro teure Spielfilm von Xavier Giannoli, mit Jean Dujardin und August Diehl in den Hauptrollen, lockte innert drei Wochen fast 650 000 Zuschauer:innen in die Kinos, sorgt aber auch für Kontroversen.
Als Faustregel gilt: Je rechter ein Medium, desto positiver das Urteil. «Ein Film wie ein Faustschlag – und bereits ein Klassiker», lobt der konservative, oft gar reaktionäre «Figaro», derweil das rechtsextreme Wochenblatt «Le Journal du dimanche» ein Werk preist, das «historische Genauigkeit, minutiöse Rekonstruktion und formale Virtuosität» vereine. Der zentristische «Monde» evoziert in einer bis zur Gewundenheit nuancierten Besprechung einen «inszenatorischen Seiltanz», die kommunistische Zeitung «L’Humanité» beanstandet dagegen «eine künstlerische Haltung, die angesichts des Anstiegs von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus fragwürdig ist». Und die linke «Libération» geisselt «ein hanebüchenes Biopic über das Leben von Dreckskerlen».
Historische Leerstellen
Bei der Kontroverse geht es ebenso sehr um Filmkritik wie um Kulturkampf. Rechtsextreme und ihre immer zahlreicheren «bürgerlichen» Steigbügelhalter suchen die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die grösste Gefahr für die Demokratie heute nicht von rechts aussen komme, sondern von links – und zwar von der gesamten Linken. Figuren wie Abetz und Luchaire, die beide diesem Lager entstammen, scheinen die Behauptung zu illustrieren, wonach in jedem Nationalsozialisten im Kern ein Sozialist stecke und Antifaschisten die eigentlichen Faschisten seien.
Bei allem Bestreben, der Komplexität seiner Hauptfiguren wie der Zeit, in der sie lebten, gerecht zu werden, schlägt auch Giannolis Film partiell in diese Kerbe. In einem Interview mit dem Onlineportal «Mediapart» hat Tristan Rouquet, Autor einer grossen Studie über die Kollaboration, dem Film angekreidet, dass er Jean Luchaires ideologische Überzeugungen minimiere. Ähnliches liesse sich von Abetz sagen: Der Film verhehlt zwar nicht den Antisemitismus des NS-Botschafters, deutet aber das Ausmass von dessen höchst aktiver Beteiligung am Judenmord bloss kryptisch an.
Ungleich harscher hat die Historikerin Bénédicte Vergez-Chaignon in «Le Monde» chronologische Verdrehungen verurteilt sowie die Auslassung wichtiger Fakten: etwa dass Luchaire die Chefs der französischen Hilfskräfte der Gestapo frequentierte oder dass er in Sigmaringen als «Informationsminister» der Vichy-Exilregierung diente.
«Les rayons et les ombres» läuft in der Westschweiz weiterhin im Kino. In der Deutschschweiz ist der Kinostart noch offen.