18.03.2022

Lesetipps fürs Wochenende

Zusammenstellung: Anna Jikhareva

Eigenwarnung vor dem «ausländischen Agenten»: Auf der Unterstützungswebsite des unabhängigen russischen Onlineportals «Meduza». Screenshot: WOZ

Im Tempo der sich ständig aktualisierenden Newsfeeds ist es zuweilen nicht einfach, den Überblick über die Ereignisse rund um die Invasion des russischen Regimes in der Ukraine zu behalten. Deshalb empfehlen wir hier ihnen ein paar Texte zur Wochenendlektüre.


Eindrückliche Reportagen

Gerade in Kriegszeiten, in denen Meldungen der Behörden oft nur schwer zu verifizieren sind und deshalb mit Vorsicht zu geniessen, erhalten Reportagen, die das Geschehen aus der Nähe dokumentieren, eine noch grössere Bedeutung. Seit mehr als zwei Wochen sind die Bewohner:innen von Mariupol von der russischen Armee eingekesselt. Die AP-Reporter:innen Mstyslav Chernov und Lori Hinnant waren nach eigenen Angaben als einzige internationale Medienschaffende vor Ort, haben mit den Menschen der belagerten Stadt gesprochen und eine bedrückende Chronik der Ereignisse geschrieben. 

Zu den aktuell schwer umkämpften Orten gehört auch die Stadt Mykolajiw. Der «New York Times»-Reporter Michael Schwirtz berichtet aus einer Stadt, die heftig unter Beschuss genommen wird, deren Bewohner:innen sich aber nicht unterkriegen lassen. Mehrere Wochen im Land unterwegs war zudem Joshua Yaffa, der Russlandkorrespondent des US-Magazins «New Yorker». In seiner Reise durch ein umkämpftes Land zwischen dem Donbass, Kiew und Lwiw beschreibt er den Horror des Krieges und die Solidarität der Menschen untereinander.

Lesenswerte Analysen

Der Pariser Ökonom Thomas Piketty hat sich in einem Meinungsbeitrag für den britischen «Guardian» mit der Frage befasst, warum es so schwierig ist, einen Staat wie Russland zu sanktionieren. Piketty sieht den Fehler einmal mehr im kapitalistischen System – und im Unwillen westlicher Eliten, ihre teils engen Bande zu russischen und chinesischen Oligarchen durchleuchtet zu sehen. Die Reichen in Europa und den USA befürchteten, dass mehr Transparenz bloss zu ihrem Nachteil wäre. 

Mit linkem Internationalismus befasst sich Nelli Tügel, die auch regelmässig für die WOZ schreibt, in der deutschen Monatszeitung «Analyse & Kritik». In ihrer auch historisch erhellenden Analyse geht sie der Frage nach, wie Staaten und das Völkerrecht zum Hauptbezugspunkt linker Friedenspolitik wurden – und warum das nicht genug ist.

Erhellende Interviews

Das vielleicht bemerkenswerteste Gespräch der letzten Woche hat «New Yorker»-Chefredaktor David Remnick mit Stephen Kotkin geführt. Der liberale US-Historiker befasst sich seit Jahren mit der Geschichte Russlands und der Sowjetunion und hat unter anderem eine mehrbändige Stalin-Biografie verfasst. Was denkt er über Wladimir Putins Invasion in der Ukraine, die Reaktion der westlichen Staaten und die Perspektive der nächsten Wochen? Lesen Sie es hier.  

Für Leute mit Russischkenntnissen (oder einem guten Übersetzungsprogramm) sei zudem dieses Interview mit dem Moskauer Arbeitsmarktforscher Wladimir Gimpelson über die Folgen der harschen westlichen Sanktionen für die russischen Arbeiter:innen empfohlen, das beim unabhängigen Onlinemagazin «Meduza» erschienen ist. 

PS: Wer einen fundierten täglichen Überblick über das Kriegsgeschehen in der Ukraine sucht und Russisch spricht, dem sei der Antikriegs-Newsletter des oppositionellen Studierendenmagazins «Doxa» ans Herz gelegt, den das Team verschickt, seit ihre Website in Russland blockiert ist. Und wer sie unterstützen will, kann hier spenden.