03.05.2022

Syrische Lehren für die Ukraine

Ein Gastbeitrag von Joey Ayoub*

Das Beispiel von Syrien hat gezeigt, dass die Sympathien der internationalen Gemeinschaft vorübergehend sind. Das darf sich in der Ukraine nicht wiederholen.

«In der Ukraine vernichtet Russland die Demokratie, in Syrien verhindert es sie»: So beschrieb der syrische Schriftsteller und Dissident Jassin al-Hadsch Saleh die Verbindung zwischen den beiden Ländern in einem Onlinegespräch syrischer und ukrainischer Aktivist:innen, an dem ich kürzlich teilnahm. Die Verbindung, so drückte sich wiederum der ukrainische Historiker Taras Bilous an dem Panel aus, bedeute eine Warnung.

Mit Wiktor Janukowitsch, der glücklicherweise durch die Maidan-Revolution im Jahr 2014 gestürzt wurde, erlebten die Ukrainer:innen einen potenziellen Baschar al-Assad. Die Syrer:innen müssen seit fünf Jahrzehnten die Assad-Dynastie ertragen, die ihre Herrschaft mit eiserner Faust durchsetzt. Wäre der Maidan gescheitert, wissen wir nicht, ob Wladimir Putin – der kurz darauf die Krim annektierte und in Syrien intervenierte, um Assad zu retten – seinen umfassenden Krieg nicht schon viel früher begonnen hätte.

Für wen gilt «Nie wieder»?

Selbstverständlich sind solche Vergleiche nur bedingt aussagekräftig. Obwohl die Massaker und Zerstörungen in Butscha, Charkiw und Mariupol Erinnerungen an Ghuta, Homs und Aleppo hervorrufen, sind sie nur insofern aufschlussreich, als sie die Heuchelei einer Welt entlarven, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihr «Nie wieder!» erklärte.

Die Menschen in Bosnien und Ruanda in den neunziger Jahren wussten, dass dies für sie nicht galt. Uigur:innen, Rohingya, Palästinenser:innen, Jemenit:innen, Afghan:innen und die Bewohner:innen vieler anderer Länder sehen auch heute noch, dass der Spruch für sie nicht gilt. Mit anderen Worten: Das «Nie wieder» war schon immer mit dem Zusatz «für uns» versehen – wobei das «Uns» eindeutig vom Nachweis einer gewissen «Modernität» oder «Zivilisation», einem «Europäertum», einer «Westlichkeit» undsoweiter abhing.

Dies haben wir auch in der rassistischen Berichterstattung über ein Phänomen gesehen, das Europa 2015 als «Flüchtlingskrise» bezeichnete. Der Rassismus betraf dabei nur rassifizierte Körper; zumindest im Moment sind ukrainische Geflüchtete davon ausgenommen. (Obwohl sicherlich nicht alle Ukrainer:innen, wie das Beispiel der ukrainischen Roma zeigt).

Es genügt jedoch nicht, auf diese Heuchelei hinzuweisen. Vielmehr müssen wir verstehen, wie begrenzt Solidaritätsbekundungen von Staaten sind – ganz zu schweigen von der Möglichkeit von konkreten und transformativen Massnahmen. Wenn wir eine Chance haben wollen, um robustere internationale Systeme aufzubauen, müssen wir über den Nationalstaat und die Einschränkungen der Menschenrechte hinausgehen.

Eine immer grössere Distanz

Ich schreibe dies, weil die Ukraine zwar im Moment die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient. Die fehlende Aufmerksamkeit für andere Krisen – von Tigray über den Jemen und Palästina bis nach Myanmar und viele andere Regionen – zeigt allerdings, dass die Aufmerksamkeitsspanne äusserst kurz ist und auch die Ukraine bald aus dem Fokus verschwinden könnte.

In der Tat hat sich die Berichterstattung bereits verändert: Je mehr sich die Zuschauer:innen in Europa daran gewöhnen, ukrainische Städte in Schutt und Asche zu sehen, desto grösser wird die Distanz zwischen Paris, London oder Wien und Butscha, Charkiw oder Mariupol.

Nach einer gewissen Zeit tritt etwas sehr Beunruhigendes ein: Die Opfer werden zu «den Anderen», weil ihre Erfahrungen so fremd sind für das, was die meisten Europäer:innen gewohnt sind. Wenn wir nicht aufpassen, könnten Verurteilungen und Empörungsbekundungen bald durch Apathie und den Wunsch ersetzt werden, die Realität im Namen der «Normalität» zu ignorieren. 

Dies zeigt sich in den Diskussionen über die Rolle von Ländern wie Deutschland oder der Schweiz bei der Normalisierung des Putin-Regimes im Laufe der Jahre. Deutschland ist nach wie vor von russischem Öl abhängig, während die Schweiz in den letzten Jahrzehnten die weltweit wichtigste Drehscheibe für Ölhändler:innen war – auch für russische. Allzu lange wurde dies geduldet und sogar verherrlicht: als Teil der ständig wiederkehrenden Behauptung, mehr Handel führe zu einer friedlicheren Welt.

An einem einzigen Tag zerstörte Putin dieses Narrativ, aber viele werden versuchen, sein Regime wieder zu normalisieren, sobald die Situation als «sich beruhigend» wahrgenommen wird. 

Den Druck erhöhen 

In Syrien ist das bereits geschehen. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben Assad zu einem offiziellen Besuch eingeladen; Dänemark hat derweil versucht, syrische Geflüchtete nach Damaskus auszuschaffen. Viele Kräfte in Europa drohen übrigens schon seit Jahren mit der Ausschaffung syrischer Geflüchteter.

Die Ankunft einer Million «Anderer» auf dem reichsten Kontinent der Geschichte mit fast einer halben Milliarde Einwohner:innen reichte aus, um das gesamte politische System in Aufruhr zu versetzen. Vom Aufstieg der extremen Rechten bis hin zur Militarisierung der EU-Grenzen: Alles wurde auf die blosse Anwesenheit von rassifizierten Geflüchteten geschoben. 

So wie das Beispiel Syrien gezeigt hat, dass die scheinbare Sympathie der sogenannten internationalen Gemeinschaft begrenzt, bedingt und vorübergehend ist, müssen wir aufpassen, dass mit der Ukraine nicht das gleiche passiert.

Das bedeutet, den Druck zu erhöhen, um uns vollständig und dauerhaft von russischem Öl zu lösen und den Übergang zu erneuerbaren Energien zu beschleunigen. Und wir müssen sicherstellen, dass die Ukrainer:innen alle Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um sich zu verteidigen.  

* Der libanesische Autor Joey Ayoub absolviert zurzeit seinen PhD in Cultural Studies an der Universität Zürich und forscht dort zur Situation im Libanon der Nachkriegszeit. Seine Texte sind in diversen Publikationen erschienen, darunter «Al Jazeera» oder «Global Voices». Zudem betreibt er den Podcast «The Fire These Times», in dem er versucht, das Leben im 21. Jahrhundert von der Peripherie aus zu beschreiben. 

Aus dem Englischen von Anna Jikhareva.