17.06.2022

«Die letzte Meile machen Freiwillige»

Interview: Johanna Diener

Eine Ambulanz im Kriegsgebiet ausserhalb von Lyssychansk

«Extrem gefährliche Einsätze»: Eine Ambulanz im Kriegsgebiet ausserhalb von Lyssychansk. Foto: Alex Chan Tsz Yuk, Imago

Gustavo Fernandez koordiniert für die Organisation Ärzte ohne Grenzen medizinische Einsätze im besonders umkämpften Osten der Ukraine. Ein Gespräch über unersetzbare Freiwillige, ignorierte Grundrechte und die Verzweiflung.

WOZ: Herr Fernandez, Sie koordinieren Einsätze von Médecins Sans Frontières (MSF) im Osten der Ukraine und halten sich gerade in Dnipro auf. Wie ist die Situation dort?

Gustavo Fernandez: Hier in der Stadt ist es vergleichsweise ruhig, wir sind nicht unter Beschuss. Aber unsere Teams versuchen, so nahe wie möglich an die Frontlinie zu kommen, um medizinische Unterstützung zu bieten. Dort ist die Situation eine ganz andere.

Wie sieht die Lage an der Frontlinie aus?

Vor ein paar Tagen gelang es uns, Siwersk zu erreichen, eine Stadt knapp zehn Kilometer von den aktuellen Kampfhandlungen entfernt. Der Ort ist extrem stark beschädigt und die Situation der Menschen katastrophal. In solche Gebiete kommt zum Teil gar keine Hilfe mehr. Nachbar:innen versuchen auszuhelfen und sammeln Nahrung für die Schwächsten und Verletzlichsten. Aber immer wieder zeigt sich uns das gleiche Bild: Menschen leben ohne Wasser, Essen und medizinische Versorgung.

Was können Sie da ausrichten?

In einem Keller leben etwa fünfzig ältere Frauen, die komplett ohne Wasser, Essen und Strom ausharrten. Zum Glück kümmert sich eine Krankenschwester um diese Menschen, und wir konnten ihr die wichtigste Medizin und Material bringen, damit sie die Leute weiter versorgen kann. Solche Einsätze sind extrem gefährlich. In der Ortschaft leben noch etwa 3000 bis 4000 Menschen, deren Versorgung komplett unterbrochen ist – das Spital wurde bombardiert.

Kann MSF diese Menschen irgendwie erreichen?

In diesen Gebieten sind wir komplett auf Freiwillige angewiesen. Auf kleine, lokale Organisationen, die seit Kriegsbeginn Kontakt zu den Menschen gehalten haben oder versuchen, diese irgendwie in Sicherheit zu bringen. Sie machen die «letzte Meile» der Unterstützung. Damit ist ein Korridor von etwa dreissig Kilometern bis zur Front gemeint. Wir versuchen, die Helfer:innen mit Wasser-, Essens- und natürlich Medikamentenlieferungen zu unterstützen. In diesen Gebieten ist die medizinische Versorgung, die vorher gut war, vollständig zusammengebrochen.

Was bedeutet diese Situation aus medizinischer Sicht?

Der Unterbruch von Behandlungen ist ein riesiges Problem. Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die weit verbreitet sind, können lebensbedrohlich werden. Und es ist klar, dass verschmutztes Wasser, kombiniert mit schlechter Hygiene und ungenügend Essen, genau das Rezept ist, um Krankheitsausbrüche zu begünstigen.

Sie spielen auf die Warnung vor Choleraausbrüchen an?

Cholera ist eine sogenannte wasserbürtige Krankheit, die durch verschmutztes Trinkwasser verursacht wird und starken Durchfall verursacht. Wenn sie nicht behandelt wird, ist sie lebensbedrohlich und überträgt sich. Das passiert in einem engen, feuchten Keller mit zusammengepfercht ausharrenden Menschen natürlich noch schneller.

Wissen Sie bereits von solchen Ausbrüchen?

Hier in der Gegend nicht. Doch das Risiko steigt mit jedem Tag. Ich habe aber nicht den Überblick über das ganze umkämpfte und besetzte Gebiet, das ist extrem schwierig. In Mariupol etwa haben wir leider kein Team vor Ort. Wir befürchten auch grosse Ausbrüche von resistenter Tuberkulose. Diese Krankheit war schon vor Kriegsbeginn in der Ukraine ein Problem und könnte sich durch die schlechten Lebensbedingungen unkontrolliert verbreiten.

Wie verhält es sich mit akuten Verletzungen?

Von denen gibt es natürlich auch sehr viele. Wir versuchen, mit lokalen Helfer:innen und Ärzt:innen, die am stärksten betroffenen Patient:innen aus Spitälern an der Frontlinie an sichere Orte zu verlegen, wo sie behandelt werden können. Das Gute in der Ukraine ist: Im Rest des Landes ist ein solides, funktionierendes Gesundheitssystem vorhanden. Aber die Evakuierungen dorthin sind extrem schwierig und gefährlich.

Wie unterstützen Sie die Spitäler?

Mit Medikamenten und Material. Wir und auch die ukrainischen Behörden erhalten relativ problemlos solche Lieferungen. Aber sie dorthin zu bringen, wo sie gebraucht werden, ist eine riesige Herausforderung. Diejenigen Spitäler, die wir gut erreichen, unterstützen wir auch mit Schulungen im Bereich Notfallmedizin. Wir trainieren sogenannten Advanced Life Support: Reanimationen, das Stoppen von starken Blutungen und den Umgang der Spitäler mit sehr hohen Zahlen von Opfern gleichzeitig. Die Mitarbeiter:innen sollen, so gut es geht, vorbereitet sein, wenn sie mitten in die Kämpfe geraten oder abgeschnitten werden. Wir machen auch Trainings für psychologische Betreuung, auch mit nichtmedizinischem Personal.

Welche psychischen Folgen hat der Krieg für die Menschen?

Sie sind natürlich unter extremem Stress und haben Dinge erlebt, die man sich gar nicht vorstellen kann. Monatelang ohne Tageslicht zu leben und nie richtig schlafen zu können, ist ein Horror. Wir unterstützen hier NGOs und auch Angebote der Behörden, um psychologische Hilfe für geflüchtete oder evakuierte Menschen zu leisten, etwa mobile Kliniken, die in stark betroffene Gebiete fahren, oder Hotlines, die im ganzen Land verfügbar sind. Die sind genauso wichtig wie die «traditionelle» medizinische Unterstützung.

Was beschäftigt Sie am meisten, wenn Sie sich mit den evakuierten oder geflohenen Menschen austauschen?

Ich war auch schon im Einsatz im Irak, in Syrien, Darfur oder Somalia. Und immer sehen wir das Gleiche, auch jetzt: In den akuten Kriegsgebieten werden die Bedürfnisse und die Rechte der Zivilbevölkerung mit Füssen getreten. Medizinische und humanitäre Hilfe wird nicht respektiert. Wir sind da oft völlig machtlos und müssen uns auch selbst immer wieder motivieren weiterzumachen. Das klingt simpel und banal - und genau das ist ein Riesenproblem.

Wie meinen Sie das?

Man hat sich irgendwie daran gewöhnt, dass die Zivilbevölkerung in Kriegen und Konflikten leidet. In diesen Gebieten wird einfach wahllos alles beschossen und bombardiert – auch Spitäler und Kliniken. Deshalb müssen wir uns immer wieder lautstark wehren und fordern, dass die Menschen fliehen können. Dass medizinische Güter in diese Regionen gebracht werden dürfen und dass humanitäre Hilfe überall hingelangt und sicher ist. Das alles ist zurzeit in der Ostukraine überhaupt nicht der Fall.

Gustavo Fernandez ist Notfallmediziner und Politikwissenschaftler. Seit über fünfzehn Jahren arbeitet er für MSF und hat dafür humanitäre Projekte im Irak, in Somalia, im Sudan und in Syrien koordiniert. Der in Genf lebende Arzt ist seit fünf Wochen in Dnipro und vermittelt dort zwischen MSF und lokalen Helfer:innen sowie medizinischen Einrichtungen. In der Ukraine wird MSF bleiben, solange der bewaffnete Konflikt anhält.