11.10.2001

Do you speak Pashtunwali, Mr. Bush?

Die strengen Rechts- und Moralgrundsätze des Taliban-Regimes haben noch andere Wurzeln als den Islam.

Von Werner Scheurer

«Wenn ich bis heute am Leben bin, dann just, weil ich weiss, dass, wer bei einem paschtunischen Chief Zuflucht sucht, von diesem geschützt werden muss – bei Ehre und bei Leben und sogar wenn es der Feind selbst ist.» Zum Zeitpunkt, als die ganze Welt von den Taliban die Auslieferung Bin Ladens, «tot oder lebendig», verlangte, fand dieser Leserinnenbrief unsere volle Aufmerksamkeit: Eine Zürcherin, die behauptet, dank des Gastrechts der Paschtunen noch am Leben zu sein? Wir wollten mehr wissen von dieser Frau, die uns ein paar Grundsätze paschtunischer Kultur zu erklären versuchte: «Bin Laden könnte in die Terroranschläge verwickelt sein, aber wenn die Taliban, denen das Gast- und Asylrecht (!) heilig ist, Beweise verlangen, bevor sie ihn an die USA ausliefern, dann ist das meines Erachtens mit internationalem Recht konform!»

Überhaupt habe die Nato dasselbe verlangt, bevor der transatlantische Solidaritätspakt zum Funktionieren kam, bemerkt die Leserbriefautorin bei unserer Begegnung, an der sie uns über ihre Erfahrung mit den Pathanen erzählt. Verena Tobler ist Ethnologin und hat die Pathanen Anfang der achtziger Jahre in Pakistan kennen gelernt. Tobler war im Rahmen der Hilfsaktion des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) für das World Food Programme (WFP) im Gebiet von Quetta tätig.

Dorthin kam sie von einem anderen UNHCR-Einsatz in Bangladesch und wunderte sich, dass hier plötzlich andere Regeln galten: «Die Pathanen wurden nicht entwaffnet und auch nicht mindestens fünfzig Kilometer von der Grenze entfernt angesiedelt, wie dies in Bangladesch mit Flüchtlingen aus Burma der Fall war. Ja, sie wurden nicht einmal gezählt für die Verteilung der Nahrungsmittelhilfe, sondern der Lagerchief wurde jeweils gefragt, wie viele Flüchtlinge sich in seinem Lager befänden, und auf dieser Basis wurden ihm dann die Rationen zugeteilt.»

Tatsächlich war jene Grossaktion für die afghanischen Flüchtlinge ein Modellfall von mit politischen Interessen verquickter humanitärer Hilfe. Das UNHCR-Programm war hauptsächlich von den USA finanziert, doch auch unzählige private Hilfswerke waren in der Region mit Programmen aktiv, für die in der ganzen westlichen Welt aus Sympathie für den heldenhaften Widerstand des afghanischen Volkes gegen die sowjetischen Besatzer fleissig gespendet wurde. Neben Hilfe für Flüchtlinge gab es auch blühenden Waffenhandel, Ausbildungslager für afghanische Mudschaheddin und für freiwillige Kämpfer im heiligen Krieg aus der ganzen (islamischen) Welt, unter kundiger Anleitung von pakistanischen Fachleuten und mit amerikanischer Beratung (siehe dazu den Artikel von Selig S. Harrison in «Le Monde diplomatique»). Doch nicht nur die CIA hatte dort viel zu tun, auch die Drug Enforcement Agency war präsent, erreichte in jener Zeit doch das Heroingeschäft im «Goldenen Halbmond» seinen Höhepunkt – Boom rundum.

Als Verena Tobler wissen wollte, wie viele Flüchtlinge sich in den Lagern, für die sie zuständig war, wirklich aufhielten, handelte sie sich Scherereien ein. Als in einem Lager aufgrund ihrer Zählung die Anzahl Flüchtlinge auf die effektiv Anwesenden dezimiert werden musste, war der betroffene Lagerchef Mohamed Ghoul aufs Tiefste verletzt und schwor Rache. Zwar erhielt Tobler wie alle Uno-Funktionäre, die sich in Stammesgebieten bewegten, bewaffnetes Geleit, trotzdem fühlte sie sich wochenlang bedroht. Tatsächlich drang eines Nachts ein Häscher bis in ihr Zelt vor, und als ihre schlafenden Wächter endlich erwachten, gab es Aufruhr. «Ich erkannte den Mann mit dem russgeschwärzten Gesicht und wusste deshalb auch, wer ihn geschickt hatte», erzählt Verena Tobler. Sie griff zu einer List, über die sie im Nachhinein herzlich lacht: Sie wusste, dass sie überall in Gefahr schwebte, hatte inzwischen aber gelernt, dass sie an einem Ort sicher sein konnte: Im Einflussbereich des Auftraggebers selbst, wo sie als Gast seinen Schutz geniessen würde. Also begab sie sich direkt ins Hauptrevier von Mohamed Ghoul, der gute Miene machen und ihr höchstpersönlich Geleitschutz für die Weiterreise gewähren musste.

So weit Toblers persönliche Erfahrung mit dem Gast- und Asylrecht der pathanischen Stämme. Als Ethnologin studierte sie deren Rechtssystem, das «Paschtunwali», eingehend und publizierte verschiedentlich zum Thema, so im Jahr 1999 das Plädoyer «Die Taliban verstehen – für einen fruchtbaren Umgang mit Traditionalisten». Sie ging darin vor Seattle und Genua auf den «Krieg der Lokalen gegen die Globalen» ein – denn dort liegt in ihren Augen der Kern der heutigen Konflikte. In den Zentren der Weltwirtschaft werden gesellschaftliche Aufgaben durch Erwerbsarbeit organisiert und soziale Rollen entsprechend rund um Beruf und Geld zugeschrieben: Der Wohlfahrtsstaat, der sich um Alte, Kranke und Randständige kümmert, die Institutionen zur Gewährleistung von Schutz, Sicherheit und Recht wie auch die Strukturen für Erziehung und Ausbildung – alles wird von Berufsleuten erledigt und mit Geld entschädigt. An den «globalen Rändern» dieser Weltwirtschaft lebt jedoch eine Mehrheit der Menschheit, ohne in diese monetäre Ökonomie eingebunden zu sein und folglich mit völlig anderen gesellschaftlichen Regeln und Rollen.

In den Paschtunen und ihrem Stammesrecht fand Verena Tobler ein Beispiel für eine Gesellschaft, in der die sozialen Kernaufgaben vormodern organisiert sind, wo also «Pflichterfüllung nicht mit Geld, sondern mit ‘Ehre’ und ‘Ansehen’ entgolten, Pflichtvergessenheit hingegen mit Schande und Ausstossung bestraft» wird. «Im Ehre-Schande-Gürtel waren sowohl Ressourcen als auch die Früchte der Produktion hart umkämpft», führt sie aus. Darin sieht sie einen Grund, warum in diesen Regionen – vom südlichen Mittelmeerraum bis nach Pakistan – eine uns martialisch anmutende Moral herrscht und Zentralinstanzen schwach geblieben sind. «Wenn Boden, Wasser, Menschen knapp und Vorräte zu verteidigen sind, werden Schutz- und Sicherheitsaufgaben dominant – und die werden historisch stets den Männern zugeordnet.» Dies ist für Tobler mit ein Grund für das rigide Geschlechterverhältnis der Pathanen, das von einer eindeutigen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau ausgeht. Aus dem gleichen Grund trägt jeder Pathane eine Waffe – die Unterscheidung zwischen Kämpfern und Zivilisten wird im laufenden Krieg ein schwieriges Unterfangen sein. Der Mann muss zwei Ansprüchen genügen: Er soll Schwache, also Frauen, Kinder und die unbewaffnete Berufsgattung der Musiker und Barbiere, schützen und mit seiner Waffe auch so umzugehen wissen, dass er Frauen, Familie, Boden und Ehre erfolgreich verteidigen kann.

Den Grund für den «Clash, der die Welt derzeit in Atem hält» sieht Tobler im gegenseitigen Unverständnis dieser Ungleichheiten, das deren Grundlagen und Folgen ignoriert. «Wie in den finsteren Zeiten von Inquisition, Hexenverbrennung und Kolonialismus breitet sich ein Ethnozentrismus aus, der fremde Menschen und ihre Kulturen als ‘Hinterwäldler’ behandelt, als ‘unzivilisiert’ verlacht, als ‘unmenschlich’ abwertet und als ‘blutrünstig’ verschreit.» Darum heischt Tobler in ihrer Arbeit und in ihren Publikationen Respekt für andere Rechts- und Rollenvorstellungen – und erinnert uns an die Entstehung unserer eigenen: Erst seit der Wohlfahrtsstaat etabliert ist, «wurden bei uns Verwandtschaftsrollen verzichtbar, Geschlechterrollen beliebig, Generationenrollen diffus, während dagegen Erwerbs- und Berufsrollen verrechtlicht und an ein verbindliches Ethos gebunden wurden».

Wo dagegen Grundbedürfnisse weitab der monetären Weltwirtschaft gedeckt werden müssen, geschieht dies mit lokalen Ressourcen, mit menschlicher und tierischer Muskelkraft, in direktem Tausch und über traditionelle Generationen-, Geschlechter- und Verwandtschaftsrollen: «Blut ist dicker als Wasser», «Du sollst Vater und Mutter ehren», das Bild vom «heldenhaften Mann» und der «züchtigen Frau» sind daher wichtige Grundsätze der Moral der Pathanen. Beide Geschlechter werden an ihre spezifischen Pflichten gebunden. Ehre und Respekt kommt Personen – Frauen wie Männern – zu, die ihre Rolle erfüllen, während das öffentliche Scheitern eines Individuums dagegen mit Schande, unter Umständen gar mit Tötung sanktioniert wird. Im Rechtssystem der Taliban ist laut Tobler nicht nur die islamische Scharia, sondern deutlich die Moral- und Rechtsvorstellung der Pathanen zu erkennen und deren «Tauschprinzip» des «Auge um Auge, Zahn um Zahn», das für alle Belange, in denen der Gesellschaftsvertrag gebrochen wird, gilt. Das Paschtunwali legt fest, wer unter welchen Umständen zu büssen, freizusprechen, zu schonen oder zu töten ist – oder welche höhere Instanz anzurufen ist.

Für Verena Tobler ist das Resultat ihrer Studien klar: «Ein Urteil über Moral muss sich an den konkreten Lebensumständen der Betroffenen orientieren und die verfügbaren Ressourcen zur Kenntnis nehmen, auf deren Basis die Menschen vor Ort zu überleben haben», hält sie fest. «Alles andere ist Anmassung und läuft auf einen moralischen Imperialismus hinaus, der in die Katastrophe führt» – dann, wenn althergebrachte Wertvorstellungen zusammenbrechen, ohne dass wirtschaftliche Strukturen geändert werden. Tobler hat seinerzeit im Rahmen der Flüchtlingshilfe in Pakistan auf die Problematik hingewiesen, vormoderne Pathanen mit Nahrungsmittelhilfe auf eine Weise zu unterstützen, die ins Desaster führen musste. Doch Verena Tobler weiss, wie es derzeit läuft: «Wer sich unmöglich machen will, muss nur ein Wort für diese verfemten Gottesstreiter einlegen.» Darum insistiert sie: «Erwähnen Sie auch, dass ich vehement auf die prekäre Situation der Frauen hingewiesen habe. Beides, Idealisierung wie auch Verteufelung, hindert uns daran, ein Problem wirklich zu verstehen.»

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