22.11.2001

Die slawischen Muslime

Nach dem Ende der Balkankriege hat sich mithilfe von saudischem Geld eine besonders rückständige Variante des Islam in den muslimischen Regionen des früheren Jugoslawien breit machen können.

Von Predrag Matvjevic

Einer der wohl schwerwiegendsten Irrtümer, den Europa und die USA während des letzten Balkankrieges begangen haben, war möglicherweise derjenige, in Bosnien eine der laizistischsten Formen des Islam nicht rechtzeitig erkannt und anerkannt und es in der Folge auch nicht fertig gebracht zu haben, diesen gemässigten Islam jenen anderen, härteren und intoleranteren Formen entgegenzustellen, die unter den Sammelbegriffen Islamismus und Fundamentalismus zusammengefasst werden.

Diese Blindheit verdankte sich damals vor allem der Propaganda aus dem Serbien Milosevics und jener aus dem Kroatien Tudjmans, derzufolge dieser bosnische Bevölkerungsteil eine «Ausgangsbasis für das Vordringen des Islam nach Europa» bilden würde.

In der Stadt Mostar, in der ich geboren bin, genannt nach einer «alten Brücke», die jene, die sie 1993 brutal zerstörten, als ein Symbol des Osmanischen Reiches empfunden hatten, waren über ein Drittel der Bevölkerung Muslime. Meine Kollegen und Freunde aus islamischen Familien, welche die gleiche Sprache sprachen wie die katholischen Kroaten und die orthodoxen Serben der Gegend und die sich bewusst waren, mit uns die geschichtlichen Wurzeln zu teilen, besuchten uns anlässlich unserer christlichen Feste, und sie assen mit ebenso grossem Appetit vom Schwein und tranken auch ebenso viel Raki wie wir. Nur eine verhältnismässig kleine Schicht alter Leute hielt sich mit einer gewissen Konsequenz an die von der Religion vorgeschriebenen Rituale und wurde deswegen von ihren Mitgläubigen manchmal auch gehänselt.

Der antifaschistische Widerstand ist das gemeinsame Werk aller gewesen, und die Söhne und Töchter der ehemaligen Widerstandskämpfer fanden ebenfalls schnell eine gemeinsame Sprache. Aus dem entgegengesetzten Lager hingegen, das sich während des Zweiten Weltkrieges der Kollaboration schuldig machte, kamen schon früh Anzeichen von Zwietracht und Misstrauen. Eine böse Erinnerung blieb allerdings lange wach: Die serbischen Ultranationalisten, Tschetniks genannt, hatten nämlich tausende von Muslimen massakriert, vor allem 1942/43 im Tal der Drina: Sie wollten in ihnen die früheren türkischen Eroberer und Verräter am christlichen und orthodoxen Glauben sehen. Die Ustaschi hingegen, die faschistischen Kroaten, trachteten danach, die Muslime zu Alliierten zu machen, indem sie ihnen den Titel einer «edlen Blüte des Kroatentums» verliehen. Tito hat schliesslich zu Beginn der sechziger Jahre eine muslimische Nationalität anerkannt: Name und Eigenschaftswort «Muslim» mit einer Majuskel bedeutete nun die nationale Zugehörigkeit sowohl der gläubigen als auch der ungläubigen Muslime, während das Wort, wenn es kleingeschrieben wurde, ausschliesslich die Religion bezeichnete. Das gab oft zu Zweideutigkeiten Anlass, über die sich dann die christlichen Nationalisten, ob nun serbische oder kroatische, oft lustig machten. Aber es handelte sich nichtsdestotrotz um eine Unterscheidung, die der Wirklichkeit, welche die Geschichte geschaffen hatte, gerecht wurde, und die in einem multinationalen Land nicht einfach übersehen werden durfte.

Islam und Nation

Ich hörte unsere Muslime nie von «Sunniten», «Schiiten» oder gar von «Wahhabiten» sprechen; sie waren ganz einfach Slawen «muslimischen Ursprungs» oder noch einfacher «Muslime», Punktum. Um diesen einzigartigen Fall von Islam in Europa zu erklären, bedarf es einiger historischer Erläuterungen: Bosnien, das während sehr langer Zeit zwischen Byzanz und Rom aufgeteilt war und somit zwischen dem orthodoxen und dem katholischen Christentum eine Scheidelinie bildete, war auch das Land, in dem die so genannte bogomilische Häresie Unterschlupf fand, die mit der Ketzerei der südfranzösischen Albigenser vergleichbar ist. Dieses Bosnien wurde 1463 von den Osmanen erobert, und «es fiel wie welkes Laub», so berichteten die Chronisten ... Die Islamisierung begann erst viel später, und zwar in Wellen, so vor allem im 17. und 18. Jahrhundert. Sie wurde zunächst durch die österreichische Besetzung (1878) und dann durch die Eroberung durch Österreich (1908) gestoppt. Diese Ereignisse, besonders aber die Gründung des ersten Jugoslawien durch die serbische Dynastie der Karagiorgievic, vertrieben einen Teil der muslimischen Bevölkerung ins türkische Exil. Und doch blieb eine grosse Mehrheit im Land, bewahrte das südslawische Ursprungsbewusstsein und fand ihren Platz im politischen Parteienleben jener Epoche, indem sie geschickt zwischen Serben und Kroaten antichambrierte.

Ihre Anführer drückten ihre Unterschiedlichkeit jedoch nicht in Nationalitätsbegriffen aus, «denn», so schrieb Osman Nuri-bey-Firdus im Jahre 1925, «es ist nicht möglich, Muslim zu sein und gleichzeitig einer Nation anzugehören, da der Islam stärker ist als jede Nationszugehörigkeit». Doch diese mehr religiöse als weltliche Einstellung vermochte die grundsätzlichen Probleme der Zugehörigkeit und der Identität selbstverständlich nicht zu lösen.

Serbisch und Muslimisch

Als dann nach dem Bruch des titoistischen Jugoslawien mit Stalin (1948) der Meinungsfreiheit mehr Raum geboten wurde, zögerten viele gläubige, aber auch laizistische muslimische Schriftsteller nicht mehr, ihr Unbehagen gegenüber der Identitätsfrage einzugestehen. «Die blosse Zugehörigkeit zu Bosnien verlieh dem muslimischen Intellektuellen noch nicht von selbst eine nationale Zugehörigkeit», schrieb damals Midhat Begic, ein ausgezeichneter Literaturkritiker, der sich gleichzeitig als Bosnier, Muslim und Jugoslawe verstand, und er fügte hinzu: «Der muslimische Intellektuelle war und blieb durch seine Religion definiert, und zwar in den Augen der andern wie auch in seinen eigenen. Deshalb bleibt das Identitätsproblem im Zentrum seines Unbehagens, ein Problem, das weder sein Anschluss an andere nationale Einheiten noch seine Integration in die europäische Zivilisation und die Anpassung an deren Lebensstil je haben lösen können.»

Ein eindrückliches Zeugnis zu diesem Thema ist der Roman «Der Derwisch und der Tod», eines der wichtigsten Werke der jugoslawischen Literatur, in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts publiziert und in viele europäische Sprachen übersetzt. Sein Autor, Mehmed-Mecha Selimovic, stammte aus einer muslimischen Familie und berief sich gleichzeitig auf seine serbische Nationalität: «Wir wurden von den Unseren getrennt, und doch von den andern nicht akzeptiert; wir sind wie der Arm eines Flusses, der durch starke Regengüsse vom Fluss abgetrennt worden ist, ein Seitenfluss, der weder Strömung noch Mündung aufweist, der zu klein ist für einen See und doch wieder zu gross, um in der Erde zu versickern. Mit einem verwirrten Gefühl der Scham unserer Herkunft wegen und Schuldgefühlen in der Folge unserer Konversion wollen wir nicht zurückschauen, und vorwärts blicken können wir nicht.»

Ich habe beide Autoren, die ich hier zitiert habe, während meiner Aufenthalte in Sarajevo gut gekannt: Während der Belagerung dieser Stadt auf den Eingangsstufen der niedergebrannten Nationalbibliothek sitzend, habe ich mich immer wieder an meine Begegnungen mit ihnen in den Hallen dieses grandiosen Gebäudes erinnert, wo ich die ersten Kapitel meines Buches «Der Mediterran» zu schreiben begann und wo ich inmitten von Trümmern die letzten Seiten von «Die Welt ex» beendete. Ich hatte keine Ahnung von dem «existenziellen Unwohlsein», von welchem sie sprachen, und ich wurde mir nicht im Entferntesten bewusst, dass sie so etwas wie ein «Identitätsproblem» haben könnten. Nicht einmal meine ganze Aufmerksamkeit eines Staatsbürgers mit doppelter Abstammung (russisch-orthodox vom Vater, kroatisch-katholisch von der Mutter her, Anm. d. Ü.) öffnete mir die Augen für diesen Geisteszustand und diese Gewissensqualen. Brauchte es wirklich einen Krieg, so grausam und so blutig, um das endlich zu spüren und auch anzuerkennen?

Während des letzten Balkankrieges waren die Muslime von Bosnien-Herzegowina schrecklichen Leiden ausgesetzt. Jedem ist heute bekannt, dass Sarajevo länger als 1300 Tage belagert wurde, dass 7000 Bewohner von Srebrenica von den serbischen Extremisten eines Mladic und eines Karadjic erschossen wurden, dass extremistische Kroaten in der Nähe von Mostar Konzentrationslager errichteten und dass die Hälfte dieser Stadt mit ihrer berühmten Brücke zerstört wurde – und zwar der muslimische Teil. Diese blinde Wut und die Grausamkeit waren trotz allem unerwartet und überraschten selbst uns, die wir doch glaubten, alles zu wissen über unser eigenes Land ... Es scheint mir durchaus legitim, die Frage zu stellen, ob es sich hier nicht vielleicht um eine Art christlichen Fundamentalismus handelt (einen orthodoxen in erster Linie, aber auch um einen katholischen), dem nichts dazu zu fehlen scheint, ausser eben – der eigentliche Glaube!

Saudi-Arabien rückt nach

Im Laufe dieser «Kreuzzüge» gab es bestimmt hier und da Mudschaheddin, muslimische Freiwillige, die aus andern, vor allem arabischen Ländern kamen, aber ihre Zahl war weit geringer, als dies die serbische und kroatische Propaganda schnell glauben machen wollte. Sie hatten kaum Einfluss auf die militärischen Aktionen und noch weniger auf die Entscheidungen der muslimischen Autoritäten. Aber es gab sie, ohne Zweifel, im Wesentlichen im Verteidigungseinsatz. Es ist nicht ausgeschlossen, dass einige von ihnen damals mit Bin Laden in Verbindung standen, der zu jener Zeit ein Verbündeter der USA gegen die Sowjets in Afghanistan war. Aber man darf die Dinge nicht in unzulässiger Weise vermischen.

Die Wunden von Bosnien-Herzegowina hören nicht auf zu bluten. Es wird noch lange dauern, bis sie vernarbt sind. Am Boden zerstört und einer unvorstellbaren Armut ausgeliefert, denn das Überleben ist vollständig von der Hilfe des Auslands abhängig, handelt es sich doch weniger um einen eigentlichen Staat als vielmehr um eine in drei Teile zerschnittene Region, zerstückelt von drei Religionen, von denen sich jede auf einen primären, unnachgiebigen Nationalismus stützt.

Bosnien-Herzegowina steckt in einer Sackgasse, aus der es allein nicht wieder herausfinden kann. Und die Hilfe, die es dem Land doch einigermassen erlaubt, sich in eine unbekannte Zukunft vorwärts zu tasten, gelangt nicht immer bis zu jenen, die sie eigentlich am dringendsten bräuchten. Die islamischen Länder – allen voran Saudi-Arabien – ihrerseits haben fast alle zerstörten Moscheen wieder aufgebaut und restauriert, und sie haben sogar an den exklusivsten Orten zahlreiche neue errichtet; die Bedingungen jedoch, unter welchen diese Art von Unterstützung umgesetzt wird, verstossen manchmal gegen die am tiefsten verwurzelten Traditionen des bosnischen Islam. Denn diesem war in der Vergangenheit jede Art von Wahhabismus unbekannt, der in Saudi-Arabien vorherrschenden doktrinären Schule des Islam, die nicht nur die religiösen Praktiken zu infiltrieren versucht ... Eine durch die Aggressionen der «slawischen Brüder» geschwächte muslimische Laizität versucht heute in Bosnien unter grössten Schwierigkeiten, sich dagegen zu wehren.

Europa hat möglicherweise in Bosnien eine entscheidende Schlacht im Kampf gegen den gesamten islamischen Integrismus verloren, denn die bosnischen Muslime waren insgesamt gesehen unaggressiv und tolerant, vor allem aber laizistischer als die andern. Mitten in unserem Kontinent lebend, dessen grundsätzliche Wertvorstellungen sie uneingeschränkt teilen, hätten sie es verdient gehabt, besser beschützt zu werden. Solche Irrtümer können im Nachhinein teuer zu stehen kommen ...

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