21.11.2002

Natur pur und der Traum von der Technik: Elefanten in Yellowstone

Im Überlebenskampf der US-amerikanischen Zivilisation ist die Natur noch heute ein Grenzland: das Wilde, das technologisch gezähmt und wirtschaftlich nutzbar gemacht werden muss.

Von Lotta Suter

Wir sind nicht der Ansicht, dass ein berechtigter Anspruch auf einen so weitläufigen Kontinent besteht, wenn weiter keine Bearbeitung und Verbesserung der Millionen Morgen Land vorgenommen wird als etwas Zeuselei zum Zeitvertreib», sagten die Meinungsführer der europäischen Siedler in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und brachten die Agrikultur der Indianer, die für sie bloss Wildnis war, mit Gesetz und Gewehr in ihren Privatbesitz. Sie begannen eine Landnahme, die bis heute andauert. «Mittlerweile sind wir in ferne Gegenden und bis auf den Mond vorgedrungen – mit immer demselben hochtrabenden Pathos der Eroberer und mit derselben Mischung aus Schwärmerei und Habgier», schrieb der Dichter, Ökologe und Bauer Wendell Berry in den – vergleichsweise – rot-grünen siebziger Jahren. Berry hätte auch noch die Furcht als Handlungsmotiv der alten und neuen Pioniere nennen können: die Angst vor Kontrollverlust, die neben Profitmaximierung und Technologiegläubigkeit den Umgang mit der ungezähmten Natur am meisten zu bestimmen scheint.

In den Toiletten des Naturfreundehauses in den White Mountains, in dem ich des Öfteren übernachte, sind Warnschilder und Verhaltensregeln für das «Outdoors» angebracht, als ob einen gleich draussen vor der Tür der unerbittliche Überlebenskampf gegen die Elemente erwartete. Unterkühlung! Dehydration!! Erschöpfung!!! Orientierungsverlust!!!! Eine Tourenverantwortliche will mich an dem feuchten Herbstmorgen erst gar nicht ins Freie lassen, weil ich Jeans statt vollsynthetische Trekkinghosen anhabe. Und sind auch bestimmt zwei Flaschen Wasser eingepackt? – Meine Expedition ist halb so wild. Ich will bloss in der nächsten Umgebung spazieren, zwischen eiszeitlichen Granitbrocken einem Bergbach entlanggehen, der in ein verwunschenes Seelein, den Lost Pond, mündet. Ich will die tiefroten Ahornbäume und die blassgelben und goldbraunen Birken sehen, die im grauen Nieselregen intensiv und gleichsam von innen heraus leuchten. Diese exotisch schöne Landschaft bedeutet mir eher Heimat denn Gefahr.

Bei der Ansiedlung in einem neuen Milieu würden migrierende Spezies hauptsächlich durch drei evolutionäre Kräfte bestimmt, schreibt der Australier Tim Flannery in seinem Buch «The Eternal Frontier» («Die ewige Grenze»), einer ökologischen Geschichte Nordamerikas und seiner Völker. Wirksam seien erstens der Gründerimpetus, dann die ökologische (und soziale) Freisetzung und schliesslich die Adaption an die neue Heimat. Der Prozess gleiche der Flugbahn eines Pfeils: Abschuss aus dem Bogen, schneller Aufstieg bis zum Zenith und ruhiger Fall zurück zur Erde. Im Fall der Einwanderernation USA erweist sich, gemäss Autor Flannery, die Verfassung als erstaunlich dauerhaftes Gesellschaftsfundament; die soziale und ökologische Freisetzung, vermittelt durch die «frontier»-Ideologie, sei die stärkste und dynamischste Kraft in der neueren Geschichte. Doch weil Nordamerika ein so reiches und grosses Land sei, hätten sich die europäischen Zuwanderer ihrer neuen Umwelt noch kaum anpassen müssen. «Wir Amerikaner bewundern jeden, der aus der Wüste einen Garten machen kann», sagte Präsident Richard Nixon in den siebziger Jahren. Und heute noch werden im heisstrockenen Südwesten der USA neue grosse Siedlungen gebaut, Millionen von Häusern mit grünen Vorgärten und klimatisierten Räumen. Und: Ihr gigantischer Wasser- und Energiebedarf wird noch übertroffen durch die intensive Agrarindustrie in diesen wüstenähnlichen Regionen. Ökologisch gesehen hat die US-Gesellschaft bis heute keine diverse und an die nordamerikanischen Umweltbedingungen angepasste Lebensweise finden können. «Das ist erst möglich», schreibt Flannery, «wenn es kein Grenzland mehr gibt, wenn die Eroberung abgeschlossen ist.»

Bis dahin gilt in den USA die ideologische Aufteilung der Umwelt in das Unberührte und das Gemachte. Natur pur versus Traum von der Technik. Seit dem 19. Jahrhundert wird das Land – die Erde, die Bäume und das Wasser – zum umfassenden Warenangebot modifiziert, wie ein weiteres aktuelles Buch über die Rolle der Natur in der Geschichte der USA darlegt: «Down to Earth» hat der Umwelthistoriker Ted Steinberg seine Bestandesaufnahme genannt. Die Pioniere mögen in der Neuen Welt nach Gold und anderen Bodenschätzen gesucht haben, schreibt er, gefunden haben sie in erster Linie eine biologische Schatzkammer. Sie sicherten sich und ihrer Wirtschaft einen ausserordentlich grossen Anteil am Naturkapital der Erde – auf Kosten des Landes und der einheimischen Bevölkerung von Nordamerika sowie der in- und ausländischen Arbeitskräfte. «Zuerst haben wir Menschen zu Niggern gemacht, und jetzt versklaven wir die ganze Welt», kommentiert der oben bereits zitierte Wendell Berry.

Es ist in der Tat eindrücklich, wie symbiotisch die verschiedenen Ausbeutungsextreme von Mensch und Natur – die Sklavenhaltung und die bodenfressenden Baumwollplantagen des Südens sowie die Textilmonokultur des Nordens – vor gut zweihundert Jahren zusammenspielten. Das entstehende Agrobusiness, die zunehmende Separation von Produktion und Konsumation, verbarg die enormen sozialen und ökologischen Kosten dieser Wirtschaftsweise vor den EndverbraucherInnen. Und heute, im 21. Jahrhundert, ist die Ignoranz der DurchschnittsamerikanerInnen, was die Herkunft ihrer Nahrungsmittel anbelangt, fast komplett. Die farbenfrohen Cereals und TV-Dinners, die Chips und Snacks haben so viele Stationen der Verarbeitung hinter sich, dass sich ihre Bestandteile kulinarisch beim besten Willen nicht mehr ausmachen lassen. Die Zutatenangabe liest sich wie Chemie-Rap. Und die meisten KonsumentInnen nehmen das hin. Sie fürchten sich eher vor der «Natur» im Essen. Denn jedes Jahr erkrankt etwa ein Viertel aller AmerikanerInnen an Lebensmittelvergiftungen, vor allem durch verdorbenes Fleisch, für über 5000 Menschen pro Jahr endet die Erkrankung tödlich. Schuld daran ist natürlich nicht die Natur an sich, sondern menschliche Misswirtschaft: An vorderster Stelle stehen die seit Upton Sinclairs berühmter Reportage aus Chicagos Schlachthäusern («Der Dschungel», 1906) unverändert katastrophalen Verhältnisse bei der Fleischproduktion und Verarbeitung.

Die Expansion der Baumwollplantagen im 19. Jahrhundert vertrieb die Indianer westwärts, über den Mississippi in die Grossen Ebenen, wo das Klima für ihre Lebensweise weitaus ungünstiger war. Aber auch von dort mussten sie wieder weichen, weil weisse Siedler, ermutigt durch die Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn 1883, dort grossflächig Weizen anbauten oder Rinder weideten. «Brotkorb der Welt» wird der Mittlere Westen oft genannt, und der in alle Welt exportierende Farmer aus Kansas oder Iowa versteht sich bis heute als prototypischen Einzelgänger und Naturburschen. Doch ohne massive staatliche Subventionen hat die monokulturelle Landwirtschaft in dem zu extremen Schwankungen neigenden Klima nie überleben können. Je spezialisierter die Nutzung der Natur, desto verletzlicher ist sie bei plötzlichen Änderungen in der Umwelt wie Trockenheit, Wärme, Kälte. Der Boden wird schneller ausgelaugt und anfälliger für Seuchen aller Art. Um den Ertrag zu halten, braucht es immer mehr Düngemittel. Und unglaubliche Mengen Pestizide: Zwischen 1949 und 1968 ist deren Verbrauch in den USA jährlich um 168 Prozent gestiegen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Umweltverschmutzung aus Industrie, Agrobusiness und dem autozentrierten American Way of Life so dramatisch an, dass sich einzelne besonders verseuchte Flüsse in den USA spontan entzündeten. 1969 brannte der Cuyahoga River in Ohio ein spektakuläres zweites Mal; jetzt endlich war die Zeit reif für einen «Clean Water Act», ein Paket von langfristig ziemlich wirksamen Umweltgesetzen, die erst dreissig Jahre später durch den Ölbaron George W. Bush wieder infrage gestellt werden sollten.

In Washington zanken sich heute eine Hand voll Grossunternehmen, voran die französische Firma Vivendi, um den Wassermarkt der USA. Denn erstaunliche 85 Prozent der Wasserversorgung, die – abgesehen vom geschmacklich penetranten und möglicherweise karzinogenen Chlorzusatz – zufriedenstellend und vor allem kostengünstig funktioniert, sind unter staatlicher Kontrolle. Doch Interessenkonflikte um die kostbare Naturressource sind so alt wie das Kolonisierungsprojekt selber.

Als die Europäer 1860 im Owens River Valley in Nordkalifornien ankamen, betrieben die Paiute-Indianer dort bereits erfolgreich ein von den Spaniern übernommenes Bewässerungssystem. Doch die weissen Siedler beanspruchten die Wasserrechte für sich selbst. Mindestens 150 indigene Männer, Frauen und Kinder wurden in diesem ersten Kampf ums Wasser getötet. Die Eindringlinge machten sich auf dem Land breit und nutzten die Bewässerungssysteme der Indianer für die eigenen Felder. Noch in der gleichen Generation allerdings begann die schnell wachsende Wüstenstadt Los Angeles, die Owens-Pioniere quasilegal zu enteignen und das dringend benötigte Wasser für sich umzuleiten. Eine lange Auseinandersetzung begann, Aquädukte wurden gesprengt, Wasserwerke zerstört ... Um 1970 war das Tal so heruntergekommen, dass alkalische Erde, die der Wind vom ausgetrockneten Boden aufwirbelte, die Gesundheit der BewohnerInnen gefährdete. Die Zerstörungen gingen weiter, aber der ökologische Kampf um das Wasser war im Owens Valley, wie andernorts auch, verloren.

In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts folgten in den USA bloss noch zwei Prozent aller Bäche und Flüsse ihrem natürlichen Verlauf. 2,5 Millionen Dämme im ganzen Land dienten hauptsächlich der Produktion von Elektrizität. Und das reichte immer noch nicht. Doch Männer wie Steve Reynolds, ein Ingenieur aus New Mexico, der sein Leben damit verbracht hatte, den dürren Südwesten der USA in ein grünes Suburb zu verwandeln, geben nicht so schnell auf: Wie wäre es mit Mikrowellen-Satelliten, die Energie aus dem Weltraum zurück zur Erde beamen? «Wir sollten das All im Auge behalten», sagt dieser ewig junge Pionier, «es ist unser letztes Grenzland, und wir brauchen eine 'frontier'.»

Kurz nach dem 11. September 2001 prophezeite der Ökobauer Wendell Berry, dass an diesem Tag auch der bedingungslose technologische und ökonomische Optimismus der USA zusammengebrochen sei. Falsch. In Bedrängnis reagiert die US-amerikanische Gesellschaft in der Regel nicht mit Paradigmenwechsel, sondern mit noch mehr vom Gleichen. Vor ein paar Jahren, als die bewegungsfaulen AmerikanerInnen immer dicker wurden, erfanden US-Nahrungswissenschaftler Olestra, ein Fett, das nicht fett macht; Olestra durchlief den Verdauungsprozess ohne Absorption – und tröpfelte hinten unaufhaltsam so wieder heraus, wie es vorne eingenommen worden war. Das war kein grosser Markterfolg. Doch die Suche nach Hightech-Lösungen für Hightech-Probleme geht weiter. Angesichts des weltweit wachsenden Widerstandes gegen Genfood etwa hat sich ein US-Genetiker die Methode «Exorzist» ausgedacht: Mit einem gentechnischen Verfahren sollen bei gentechnisch veränderten Pflanzen kurz vor der Ernte alle «fremden» Gene wieder weggeschnippelt werden – auf dass der Konsument, die Konsumentin ein natürliches beziehungsweise renaturalisiertes Produkt kaufen können.

Früh schon wurde in den USA ein Teil des Landes unter Naturschutz gestellt. Yellowstone war der erste Nationalpark der Welt. Als 1872 die Erhaltung der dortigen Naturwunder «in ihrem Urzustand» ausgerufen wurde, musste die wichtigste ökologische Spezies des Parks, die ansässigen Indianer, verzweifelt um ihren Verbleib in der Region kämpfen, weil die Europäer unbedingt eine von Menschenhand unberührte Wildnis konservieren wollten. Drei Jahrzehnte später erkannte die Northern-Pacific-Eisenbahngesellschaft, dass die Büffel und Indianer, zu deren Niedergang sie massgeblich beigetragen hatte, eine ausgezeichnete Touristenattraktion darstellten, und unternahm lange und verzweifelte Versuche der Wiederansiedlung von Mensch und Tier.

In Yellowstone ist die ökologische Balance bis heute ein Problem: Der geschützte Elch vermehrt sich ungehindert und eliminiert die an sich ebenfalls geschützte Espe etc. In dieser Situation wollen die einen der Natur einfach ihren freien Lauf lassen und hoffen auf ein künftiges Gleichgewicht. Andere wollen den Zustand vor Ankunft der europäischen Siedler konservieren und also eine Art Indianer-Ballenberg betreiben. Und dann ist da noch die kühne Idee, das Aussterben der Megafauna in Nordamerika vor 13 000 Jahren als Ausgangspunkt einer ökologischen Korrektur zu nehmen und grosse Säugetiere wie Kamele, Panther und Löwen auf dem nordamerikanischen Kontinent einzuführen. Als Mammut-Ersatz besonders wichtig sind in diesem Konzept die indischen Elefanten; sie würden als Pioniere einer neuen, nachhaltigen Ökonomie über die Grossen Ebenen stampfen.

Konservativere Geister, und die machen im US-amerikanischen Naturschutz die grosse Mehrheit aus, klammern sich an Ursprünglichkeit als rigiden, sozusagen ahistorischen Grundwert. Auf besagten Toiletten in den White Mountains wird denn auch jeder Wanderer – und jeder Wanderhund – angewiesen, seine Notdurft weit weg von Pfaden und Wasserläufen zu verrichten und mindestens 30 cm tief zu vergraben sowie das WC-Papier unbedingt aus der Wildnis hinauszutragen in die Un-Natur, wo es auf etwas Verschmutzung mehr oder weniger nicht ankommt.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Natur pur und der Traum von der Technik: Elefanten in Yellowstone aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr