04.04.2002

Gesang der Adler

Von Lotta Suter

Der US-amerikanische Präsident George W. Bush ist ein ungehobelter Sprachbanause. Trotzdem liebt er Metaphern über alles, je krasser und schiefer, desto besser. Im sozialen und politischen Bereich werden Metaphern von jeher manipulativ und demagogisch eingesetzt. Heute vernebelt die Rede von der «Achse des Bösen», von «Kreuzzug» und «Krieg gegen den Terror» die faktische Realität und verhindert jede demokratische Debatte. Die neokonservativen US-Organisationen, die seit dem 11. September 2001 im Namen der nationalen Einheit politische Dissidenz überhaupt unterbinden wollen, operieren allesamt mit grossen, metaphorisch aufgeladenen Worten. «Verteidigung der Zivilisation» taufte die finanzstarke private Akademikerorganisation ACTA letzten November ihre schwarze Liste der «unpatriotischen ProfessorInnen» und «antiamerikanischen Vorfälle» an US-Universitäten. «Amerikaner für den Sieg über den Terrorismus» (Americans for Victory Over Terrorism, AVOT) nennt sich eine andere – ebenfalls finanzstarke – Patriotenvereinigung. Auf Hebräisch bezeichnet AVOT die Urväter des Judentums, Abraham, Isaak und Jakob. Das ist kein Zufall; denn gegen den «radikalen Islamismus» ziehen die antisemitischen, rechtskonservativen Christen notfalls sogar mit den rechtskonservativen Juden ins vorerst publizistische Feld.

Finanziert wird der Klub der ehemaligen CIA-Direktoren, Pentagonbeamten, Regierungsintimi von Reagan und Bush senior usw. vorab durch den grössten privaten Sponsor des regierenden Präsidenten (532 000 Dollar Wahlspende). Einige mutige Dissidenten versuchen die selbsternannten Verteidiger der Zivilisation mit deren eigenen Waffen zu schlagen. In einer Selbstbezichtigungskampagne – «Petzen für die offene Gesellschaft» (Tattletales for an Open Society) – listen sie ihre unpatriotischen Vergehen wie Teilnahme an Friedensdemonstrationen oder US-kritische Geschichtsvorlesungen bzw. Texte gleich selbst auf. Die Aktion ist ehrenhaft, aber aufgrund berlusconischer Medienverhältnisse in den USA von sehr beschränkter Reichweite.

Die Welt der Metaphern gehört mehr denn je den Mächtigen, die dieser Tage ungeniert mit Worten fechten. Der US-amerikanische Justizminister John Ashcroft etwa zitiert seine Mitarbeiter nicht mehr bloss zum christlichen Morgengebet, sondern nötigt sie seit neuestem auch noch, von ihm selbst verfasste patriotische Hymnen anzustimmen. «Lasst die Adler steigen» (Let the Eagles Soar) heisst ein in seinem Departement besonders verhasster Song, in dem sich der oben genannte Vogel der Nation gross und mächtig und doch arg bedroht durch einen wahren Sturm von Metaphern kämpft.

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