Hundeleben: Ein Welpe in Istanbul
Der Film heisst schlicht «Köpek», zu Deutsch «Hund». Ein krasser Film, ganz ruhig und doch kaum zum Aushalten. Ein WOZ-Kollege hat mich auf den Film aufmerksam gemacht, weil er in diese Kolumne passe. Und das ist wahr. Ein grandioses Stück, gedreht von Esen Işık. Sie kam 1969 in Istanbul zur Welt, lebt seit 1990 in der Schweiz und gehört heute zu den profiliertesten hiesigen Filmemacher:innen. Mit «Köpek» hat sie vor zehn Jahren den Schweizer Filmpreis gewonnen.
Der Film widmet sich einem Tag von drei Menschen in Istanbul: der quirlige Knabe Cemo; die in sich gekehrte, junge Mutter Hayat; die lebenslustige, souveräne trans Frau Ebru. Die drei haben nichts gemein, ausser die drohende Gewalt, die sie begleitet. Cemo verkauft Taschentücher, statt in die Schule zu gehen, und hat einen arbeitslosen, schlagenden Vater zu Hause. Hayat trifft sich mehr unfreiwillig mit ihrer tot geglaubten Jugendliebe; es passiert dabei nichts Unangemessenes, doch ihr Ehemann wird misstrauisch und gewalttätig. Die transsexuelle Ebru kämpft um ihren früheren Freund, der sie zwar noch liebt, sich aber für ein konventionelles Leben entschieden hat; zudem muss sich Ebru ständig gegen homophobe Übergriffe wehren. Es ist nicht nur die unheilvolle Spannung, die ständig zu eskalieren droht, es sind auch die, die zuschauen und der drohenden Gewalt nichts entgegensetzen, die den Film unerträglich machen.
Und da kommt dieser leichte Moment: Cemo und sein Freund finden einen Welpen, der neben seiner toten Mutter wimmert. Cemo nimmt ihn mit, füttert ihn, trägt ihn behutsam durch die Stadt und versucht, ihn zu retten. Ein fast unmögliches Unterfangen, weil es für das hilflose Tier eigentlich keinen Platz gibt. Cemo geht zu seiner Mutter, bittet sie, etwas für den kleinen Hund zu tun. Die Mutter nimmt ihn in den Arm, sagt ihm, dass sie dem Tier nicht helfen könne. Tränen laufen über Cemos Wangen. Mitfühlend sagt die Mutter zu ihm: «Warum bist du nur so sensibel?» Ein berührend hilfloser Moment. Cemo gibt nicht auf, sucht weiter nach einem Weg, den Welpen in Sicherheit zu bringen. Ein kleiner Hund genügt, um zu zeigen, dass vieles anders sein könnte.
«Köpek» kann auf der Plattform Play Suisse abgerufen werden.