30.09.2004

Geschönte Männerstatistik

Von Susan Boos

Frauen kosten im Gesundheitsbereich fast fünfzig Prozent mehr als Männer. Oder in Zahlen: Die Krankenkassen mussten im Jahr 2001 für die Männer 6,2 Milliarden Franken ausgeben – für die Frauen 9,2 Milliarden. Sieht man genau hin, merkt man aber, dass sich die Frauen ihre eigene Statistik vermiesen: Wären sie weniger selbstlos, würden sie besser dastehen. Das klingt polemisch, lässt sich nun aber mit der Studie «Gesundheitskosten und Geschlecht» detailliert belegen. Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium, eine Institution von Bund und Kantonen, hat die Studie herausgegeben. Sie basiert auf Daten von Santé­suisse, dem Dachverband der Schweizer Krankenversicherer. Hier sieben Punkte, wie es die Männer fertig bringen, billiger als die Frauen zu sein:

 Frauen zwischen 21 und 40 verursachen höhere Kosten als die gleichaltrigen Männer – was damit zusammenhängt, dass sie Kinder kriegen. Diese Kos­ten werden ausschliesslich den Frauen zugeschrieben, obwohl die Reproduktion beide Geschlechter betrifft.

Gewalt gegen Frauen verursachte 1998 Kosten von 134 Millionen Franken. Man lastet ihnen die Kosten an, obwohl Männer sie verursacht haben.

 Männer verursachen mehr Unfälle. Dennoch zahlen die Krankenkassen über 100 Millionen Franken mehr für Unfallkosten der Frauen. Die Unfallkosten von Erwerbstätigen werden nämlich von der über Lohnprozente finanzierten Unfallversicherung gedeckt. Da mehr Männer Lohnarbeit leisten als Frauen, kommen sie in der Unfallkostenstatistik der Krankenkassen zu gut weg.

 Frauen betreuen oft ihre pflegebedürftigen Männer. Diese unbezahlte Hilfe übertrifft die Hilfe der Spitex bei weitem und wird zu 77 Prozent von Frauen geleistet – die damit die Gesundheitskosten der Männer senken.

 Wenn die Frauen im Alter pflegebedürftig werden, sind ihre Männer meist schon gestorben – es ist niemand mehr da, der sie pflegen könnte. Also kommen sie ins Pflegeheim, was ihre Gesundheitskosten in die Höhe treibt.

Die privaten Haushalte zahlen 12 Milliarden Franken aus dem eigenen Sack an die total anfallenden Gesundheitskosten, so genannte «Out-of-po­cket»-Kosten. Die Studie geht davon aus, dass Frauen rund zwei Drittel der «Out-of-pocket»-Kosten bestreiten.

Frauen beanspruchen markant mehr Leistungen im ambulanten psychiatrischen Bereich. Anders sieht es jedoch im psychiatrischen Spitalbereich aus: Im Alter zwischen zwanzig und vierzig verursachen dort die Männer wesentlich höhere Kosten. Die Studie geht davon aus, dass die Männer erst spät mit der Psychiatrie in Kontakt kommen, dann nämlich, wenn eine Hospitalisierung nicht mehr zu vermeiden ist. Im Übrigen würden bei Frauen Beschwerden tendenziell mehr psychiatrisiert, bei Männern hingegen wird ihre Ursache eher im Körper gesucht.

Die Quintessenz der Studie: Da Frauen deutlich stärker als Männer in der Pflege von Angehörigen und Bekannten engagiert seien, werde deutlich, «dass die Aussage von den ‹kostenintensiven Frauen› nicht mehr haltbar ist. Sie erbringen im Gegenzug gratis und in grossem Umfang Pflegeleistungen. Die verbreitete Meinung der ‹kostenintensiven Frauen› – man kann von einem Vorurteil sprechen – muss mit Nachdruck korrigiert werden, weil sie dem Solidaritätsgedanken zuwiderläuft», wie Thomas Zeltner, Direktor des Bundesamtes für Gesundheit, im Vorwort der Studie schreibt.

Interessant ist aber auch die Warnung, mit der die Studie schliesst: «Bei einem Rückgang der Leistungen der Sozialversicherungen oder des Staates im Gesundheitsbereich dürften die entstehenden Versorgungslücken überproportional auf Frauen umgewälzt werden.» Sparen heisst also noch mehr Gratisarbeit und noch schlechtere Statistiken für die Frauen. Es sei denn, sie vergessen ihre Hilfsbereitschaft und treten in einen Gebärstreik.

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