09.09.2004

Reisende Krieger

Von Lotta Suter

US-AmerikanerInnen, von der Wal-Mart-Verkäuferin über den TV-Nachrichtensprecher bis zum Präsidenten, stecken sich ihre Gesinnung gerne aussen ans Revers. Wenn sie im Auto sitzen, und das tun sie oft, kleben sie die entsprechenden Messages ans Heck. Und so teilen mir denn wechselnde Vordermänner und Vorderfrauen ungefragt mit, dass mich Jesus liebt, dass sie Bush oder Kerry wählen oder auch bloss, dass sie stolze Eltern eines Studenten mit überdurchschnittlichen Noten sind.

Auf einer Autofahrt von Montreal nach Boston ist mir kürzlich aufgefallen, wie zahlreich die schleifenförmigen gelben Kleber mit der Aufschrift «Support the Troops» auf den Autohintern geworden sind. «Unterstützt die Truppen» - ja wie denn, im Privatgefährt unterwegs auf der Autobahn? Indem ich noch etwas mehr Benzin verbrauche, mitunter die Ölabhängigkeit der USA verstärke und so die «amerikanische Präsenz im Nahen Osten», wie die militärische Okkupation im Irak in der Sprache des Weissen Hauses heisst, rechtfertige?

Sintflutartige Regenfälle, frühherbstliche Bodennebel und die republikanischen Reden am Parteikonvent in New York begleiten mein Sinnieren über Gelb und Geist. Der «Unterstützt die Truppen»-Kleber ist nicht einfach ein Synonym für «Wählt Bush» oder «Ich bin ein Republikaner». Zugegeben, oft kleben gleich neben den soldatenfreundlichen gelben Schleifen, die im ersten Golfkrieg populär wurden, die blauweissroten Patriotismusbekenntnisse. Doch zuweilen sind es auch pink Bändel, welche Sympathie mit Brustkrebspatientinnen symbolisieren, oder die von der Schwulenbewegung lancierten roten Abzeichen, die Aids ins Bewusstsein rufen. Den Maschen jeglicher Couleur gemeinsam ist, dass sie das Gefühl ansprechen und nicht den Verstand. Rassen und Klassen und Gender werden gelb übertüncht. Doch die Autoklebergemeinschaft repräsentiert nicht den politisch ausgehandelten Kompromiss, den die Vereinigten Staaten auch darstellen, sondern ein mythisch überhöhtes Amerika.

Nach dem 11. September 2001 setzte fast jedes Fahrzeug in den USA die nationale Flagge. Diesen emotionalen Ausnahmezustand hat die Regierung Bush fintenreich ausgenutzt und aufrechterhalten. Heute bestimmt der «Krieg gegen den Terror» trotz Lug und Trug und wider besseres Wissen aller Beteiligten den Wahlkampf beider grossen Parteien.

George Bush macht durch blosse Wiederholung von Phrasen den grössten Misserfolg seiner Amtsperiode, die Invasionen in Afghanistan und im Irak, zum Wahlschlager. John Kerry präsentiert sich als mehrfach geehrter Held eines Krieges, der, wie er selber sagte, alles andere alsehrenhaft war. Bürgermeister Michel Bloomberg vergleicht die Protestierenden in New York mit den Terroristen des 11. September. Ich halte weiter Ausschau nach dem Regenbogenkleber «Give Peace a Chance».

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