Kampf um Nordostsyrien: Wo Freude und Angst regieren

Nr. 5 –

Nach dem SDF-Rückzug befindet sich der Nordosten des Landes in einer heiklen Phase. Ein Besuch bei linken Aktivisten, kurdischen Rückkehrer:innen und im IS-Gefangenenlager.

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Gefangene im Al-Hol-Camp hinter Gitter und Stacheldraht
Auf der Suche nach Netzverbindung: Gefangene im Al-Hol-Camp 200 Kilometer westlich von Rakka.

Zwei sich gegenüberstehende Panzer markieren die matschige Einfahrt zu jenem Ort, der weltweit als Symbol des Terrors gefürchtet ist: das Al-Hol-Camp im Nordosten Syriens. Vor seinem Eingang baut sich eine Traube schwer bewaffneter Soldaten um das Auto der WOZ auf. «Wer seid ihr, was wollt ihr?», murrt einer der Männer mit Rauschebart.

«Wie gehts?», sagt hingegen ein zweiter lachend und in gebrochenem Deutsch. Stolz zückt er seine noch gültige Aufenthaltsgenehmigung. «Hamburg, Arbeit vorbei», erklärt er knapp. Nun hat er in Syrien offenbar einen neuen Job gefunden: Tausende Insass:innen des Lagers bewachen. Darunter viele Frauen und Kinder, deren Ehemänner und Väter einst für den sogenannten Islamischen Staat (IS) in den Dschihad zogen – und die womöglich selbst radikalisiert sind.

Mitte vergangener Woche kündigten die Milizen der kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) an, sich «aufgrund der Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft» nach jahrelanger Bewachung aus al-Hol zurückzuziehen. Da hatten die Truppen unter Führung der von Islamisten dominierten Übergangsregierung während ihrer Offensive im Nordosten Syriens bereits den Euphrat überquert und weiter westlich die Städte Deir Essor und Rakka eingenommen.

«Weitestgehend ausgedient»

Vom faktischen Autonomiegebiet der Kurd:innen in Syrien – entstanden nach Jahrzehnten der systematischen Unterdrückung und in den Wirren des fast vierzehnjährigen Bürgerkriegs – sind mittlerweile nur noch zwei Enklaven um die Städte Kobane und Kamischli geblieben. Ringsherum halten die Gefechte trotz verlängertem Waffenstillstand an. Und damit der Machtkampf zwischen der Regierung und den SDF über die Zukunft des Nordostens nach dem Sturz des Assad-Regimes vor dreizehn Monaten.

Unterwegs in den rauen Landstrichen, kommen wir an ausgebrannten Militärfahrzeugen, verwaisten Ölfeldern und Trümmern vorbei und begegnen Menschen, die in diesem gefährlichen Schwebezustand ganz unterschiedlich auf die aktuelle Lage blicken: die einen mit Freude, die anderen mit schierer Angst.

Im Morast des Al-Hol-Camps mit seinen Baracken und Zelten überwiegt für eine Gruppe schwarz verhüllter Frauen an diesem Freitag die Erleichterung. Im vorderen Bereich des Camps drücken sie sich an den blauen Metallzaun, möglichst nah an die neu eingetroffenen Polizisten und Soldaten der Regierung. Oder eher: an deren via Starlink mit dem Internet verbundene Fahrzeuge. Mit Ausbruch der Kämpfe, erzählen sie, sei das Netz im Camp zusammengebrochen. Ihre Mobiltelefone, Tore zur Aussenwelt, seien nutzlos geworden.

«Wir wollen endlich hier raus, wir sind harmlos», beteuert Um Omar und beklagt sich über die Zustände im Camp, die auch von Hilfsorganisationen seit Jahren angemahnt werden. Fragt man die 24-Jährige hingegen, wie sie hier gelandet sei, wird sie wortkarger. Eine «IS-Braut» will sie, zweifache Mutter und Witwe, nicht sein. Wie viele der in al-Hol Verwahrten nach Jahren der Gefangenschaft noch immer an der IS-Ideologie festhalten, lässt sich nicht sagen. Fest steht aber, dass das Camp lange vor dem IS existierte und dort bis heute auch mittellose Kriegsflüchtlinge festsitzen.

Ein Mann, der sich als Omar al-Salem al-Matar vorstellt, erklärt, so ein Fall zu sein. Vor neun Jahren sei er aus Deir Essor hier angekommen. Er habe kein Geld gehabt und nicht gewusst, wohin er mit seiner Frau und den Kindern gehen solle. Sein Sohn Muhammad weicht ihm in der Eiseskälte nicht von der Seite; der Hals tue ihm weh, sagt der Zwölfjährige leise. Und dass er davon träume, Architekt zu werden. Im Moment könne der Junge nicht einmal lesen und schreiben, sagt der Vater beschämt.

Die Übernahme der IS-Gefängnisse gehört seit langem zu den Forderungen der Regierung. Unterstützt auch von den USA, die auf den heutigen Übergangspräsidenten und Exmilizenführer Ahmed al-Scharaa einst ein Kopfgeld wegen Terrorismus ausgesetzt hatten. Im November lud die Trump-Regierung den sich nun moderat präsentierenden Scharaa nach Washington ein und verkündete dort die Aufnahme der syrischen Zentralregierung in ihre Anti-IS-Koalition. Letzte Woche legte Tom Barrack, US-Sondergesandter für Syrien, nach: Die SDF hätten in der Rolle als wichtigste Verbündete im Kampf gegen den Terror «weitestgehend ausgedient», schrieb er auf X.

Die neue Aufgabe scheinen die USA der Übergangsregierung jedoch nicht vollumfänglich zuzutrauen: Jüngst gaben sie bekannt, 7000 mutmassliche IS-Kämpfer von Syrien in den Irak verlegen zu wollen. Kurz zuvor waren während der Kämpfe im Nordosten mehrere Dutzend Insassen aus dem Gefängnis al-Schadadi ausgebrochen. Die genauen Umstände sind bislang unklar; ebenso ungewiss bleibt, wie viele Gefangene während des chaotischen Abzugs der SDF aus dem Al-Hol-Camp fliehen konnten.

Strassenszene in Rakka
In Rakka leben vor allem Araber:innen. Viele freuen sich über den Abzug der kurdisch geführten Truppen, sind aber besorgt über die aktuelle Situation.

Nationalflaggen in Rakka

Rund 200 Kilometer westlich von al-Hol liegt die Stadt Rakka, die der IS 2014 zur Hauptstadt seines «Kalifats» erklärte. 2017 gelang es den SDF mit Luftunterstützung der USA, den IS aus der Stadt zu jagen. Die westliche Sympathie für die mutigen Verbündeten am Boden war damals auf dem Höhepunkt; namhafte Magazine druckten Hochglanzstrecken kurdischer Kämpferinnen mit geschultertem Gewehr ab. Und Rojava wurde zum Sehnsuchtsort für linke Utopien.

Dass diese in der Praxis oft widersprüchlich waren, wird im bis heute von Kratern und Trümmern übersäten Rakka besonders deutlich: Anders als in den Gebieten um Kamischli und Kobane, wo die Kurd:innen die Mehrheit bilden, leben in Rakka vor allem Araber:innen. Nicht wenige von ihnen dienten in den Reihen der SDF – nicht selten eher aus finanzieller Not oder gar aus Zwang denn aus ideologischer Überzeugung.

Mit dem Herannahen der Regierungstruppen liefen viele arabische SDF-Soldaten über. Gleichzeitig mobilisierten die arabischen Stämme zum bewaffneten Kampf gegen die SDF, mit denen sie sich zuvor eher widerwillig arrangiert hatten. Beides ebnete den «Befreiern», wie viele die Regierungstruppen hier nennen, den Weg. An diesem Samstag in Rakka schiessen manche Selfies mit den schwer bewaffneten Regierungssoldaten. Von einem der umliegenden Gebäude weht die Flagge der syrischen Revolution, die nach dem Assad-Sturz zur offiziellen Nationalflagge und dem Zeichen der Zentralregierung geworden ist.

Hudhaifa al-Ibrahim und Nofal al-Chalil
Dokumentieren Verstösse von allen Konfliktparteien: Hudhaifa al-Ibrahim und Nofal al-Chalil von der NGO «Haus der Staatsbürgerschaft».

Längst nicht alle, die sich in Rakka nun über den Abzug der SDF freuen, sind allerdings frei von Skepsis. «Natürlich bin ich besorgt», sagt etwa Hudhaifa al-Ibrahim. «Besonders als Linke müssen und wollen wir immer besorgt sein, wir dürfen es uns nicht bequem machen.» Gemeinsam mit seinem Mitstreiter Nofal al-Chalil bittet der 41-jährige Aktivist im Büro ihrer NGO «Haus der Staatsbürgerschaft», Platz zu nehmen. Seit die Regierung die vollständige Kontrolle in den Provinzen Rakka und Deir Essor übernommen habe, seien bereits Menschen verhaftet worden, nur weil ihre Angehörigen angeblich den SDF angehörten. «Diese Verstösse dokumentieren wir, genauso wie wir die Verstösse unter der SDF-Herrschaft dokumentiert haben», sagt Ibrahim.

Einige davon habe er selbst erlebt. Auf seinem Handy zeigt Ibrahim eine Vorladung des Geheimdiensts. Der Grund: eine SDF-kritische Nachricht in einer Whatsapp-Gruppe, von der er Teil gewesen sei. Erhalten hat er die Vorladung im März 2025, als Regierung und SDF ein Abkommen schlossen, das von Beobachter:innen als historischer Schritt gepriesen wurde. Zu jener Zeit, erzählen die beiden Aktivisten, habe die Repression gegen Befürworter:innen eines geeinten Syriens zugenommen. Allein für das Zeigen der syrischen Flagge seien Menschen verhaftet worden. Weil sich aber kaum jemand getraut habe, öffentlich Kritik zu äussern, kenne die Welt die SDF vor allem durch deren eigene Slogans. «Die klingen zwar richtig toll, aber das ist nicht die Realität, nicht das, was sie umsetzen», sagt Chalil.

Auch die neuen Machthaber machen grosse Versprechungen. Sie wollten die kurdische Sprache und Identität künftig offiziell anerkennen und fördern, liessen sie verlauten. Glauben können das viele Kurd:innen nicht. Angesichts der Massaker an Alawit:innen und der Gewaltexzesse im drusisch dominierten Suweida im Sommer 2025 fürchten sie schon lange, als Nächste an der Reihe zu sein. Die meisten Kurd:innen aus Rakka flohen während der Kämpfe aus der Stadt – aus Angst vor Racheakten der arabischen Stämme. Und wegen der islamistischen Milizen aus der Bürgerkriegszeit, die heute zwar formal der Übergangsregierung unterstehen, aber noch immer eng mit der Türkei verbunden sind.

gesprengte Brücke in Rakka
Von den Syrischen Demokratischen Kräften gesprengte Brücke in Rakka am 25. Januar.

«Apo» im kurdischen Viertel

Von jenen, die geblieben oder bereits wieder zurückgekehrt sind, wollen viele lieber nicht mit der WOZ sprechen. Doch im Norden der Stadt, wo die Häuser einstöckig sind und die meisten Kurd:innen Rakkas leben, finden sich doch Menschen, die von ihren Strapazen erzählen wollen. In einer der ruhigen Seitengassen hat jemand mit schwarzem Stift «Apo» auf eine Mauer gekritzelt – ein Kosename für Abdullah Öcalan, den in der Türkei inhaftierten Chef der Arbeiter:innenpartei Kurdistans (PKK). In dieser Gegend steht auch das Haus der Lehrerin Dschihan und ihres Mannes Chalil – ein Taxifahrer –, die nur ihren Vornamen nennen wollen.

Beim Ausbruch der Kämpfe seien sie mitten in der Nacht mit ihren zwei kleinen Söhnen zu Verwandten nach Kobane geflohen, sagt Dschihan. «Als die Kinder nach den lauten Geräuschen fragten, haben wir gesagt, in der Stadt werde etwas repariert.» Die Situation dort sei sehr schlimm und chaotisch gewesen, inmitten all der Geflüchteten. Also wagten Dschihan und Chalil kurze Zeit später, nach Rakka zurückzukommen. In ihrem Viertel, da fühlten sie sich für den Moment wieder sicher. Als sie weg waren, hätten ihre arabischen Nachbar:innen nach ihrem Haus geschaut. «Im Notfall würden sie sich für uns wohl nicht aufopfern», sagt Chalil.

Die Sorge um ihre in Kobane zurückgelassenen Angehörigen, belagert von den Regierungstruppen und mit dem Rücken zur Türkei, sei aber gross. Hilfsorganisationen warnen vor Lebensmittelengpässen in der SDF-Enklave. Im Prinzip, sagt das Paar, mache es für sie keinen Unterschied, wer im Nordosten Syriens regiere. «Wir wollen einfach ein ganz normales Leben führen», sagt Dschihan, «und dass die beiden Kinder in Sicherheit sind.» Die Angst, dass die neuen Machthaber sie unterdrücken würden wie einst Baschar al-Assad oder sich gegenüber Minderheiten verhalten würden wie einst der IS, sei aber trotzdem da. «Werden wir hier Rechte haben? Wir wissen es nicht», sagt Dschihan.

Mitarbeit: Yaser Shahrour.