Nr. 05/2014 vom 30.01.2014

Im Laufgitter wiederauferstanden

Die Zürcher Kultband Baby Jail veröffentlicht zwanzig Jahre nach ihrer Auflösung das Album «Grüsse aus dem Grab». VertreterInnen dreier Generationen erinnern sich an freche Songs und tolle Eltern.

Von Anina Ritscher, Silvia SüessMail an AutorIn und Fredi Bosshard

Noch immer ziemlich quirlig und erneut auf Tour: Baby Jail im Jahr 2014 mit Boni Koller, Bice Aeberli, Aad Hollander und Nico Fehr (von links).

Boni Koller und Bice Aeberli gründeten die Punkband Baby Jail 1984. Das erste Konzert gaben sie 1985 im Kino Walche in Zürich. Schnell waren sie im Umfeld der Roten Fabrik berüchtigt für ihre wilden Konzerte, bei denen auf und vor der Bühne ausgelassene Stimmung herrschte. Baby Jail hatten einige kommerzielle Erfolge, einen richtigen Hit landeten sie 1992 mit «Tubel Trophy». 1994 löste sich die Band auf. Achtzehn Jahre später stehen sie erneut auf der Bühne, jetzt sind sie wieder auf Tour. Neben Koller und Aeberli spielen Nico Feer und Aad Hollander mit. Wer vom Revival eine Nostalgieshow erwartet, liegt falsch. Auf «Grüsse aus dem Grab» sind vor allem neue Songs zu hören.

Hinter der Ladentheke

An Boni Koller und dem Aeberli-Clan kam man in den achtziger Jahren in Zürich nicht vorbei – und auch später nicht. Zum Glück. Sie haben bis heute immer wieder für Frische gesorgt und so manchen Geburtstag verzuckert.

Nach meinem Umzug von Thalwil in den Zürcher Kreis 4 standen Schtärneföifi-Sibylle und Baby-Jail-Bice immer wieder mal hinter der Ladentheke im Intercomestibles-Laden an der Brauerstrasse. Er wurde Mitte der achtziger Jahre von Stephan Pörtner, der seit einigen Jahren «100 Wörter» für «WOZ Online» schreibt, gegründet. Die Aeberlis und andere füllten Gestelle auf, bedienten die Kasse und schmierten Sandwiches. Der Laden wurde 2001 geschlossen, und Einkaufen hat seither nie mehr so viel Spass gemacht.

Aber wenigstens singen sie weiter, auch auf Chinesisch, dazu eine Hymne auf «Schwamedinge». Sie lassen den «Sensemann» noch vor der Tür warten und wählen mit «Grüsse aus dem Grab» erneut die Perspektive von unten.

Fredi Bosshard (64)

Wir dachten, wir seien viele

«Sie kamen am frühen Morgen, sie kamen mit Geschrei, der Morgen war verdorben, denn es war die Polizei.» Was haben wir dieses Lied von Baby Jail gehört. Tage- und nächtelang. Der Text gab genau wieder, wie wir hätten sein wollen: wild, verwegen und respektlos gegenüber der Obrigkeit.

Wir Agglokids aus der Region Basel hatten endlich die Stadt entdeckt. Wir hingen in besetzten Häusern rum, marschierten am Rand von Demonstrationen mit und hatten zum ersten Mal im Leben das Gefühl, bei etwas Grossem dabei zu sein. An der Abstimmung zur F/A-18-Initiative 1993 durften wir zwar noch nicht mitstimmen, aber wir waren überzeugt, dass das Resultat anders gekommen wäre, wenn wir das hätten tun dürfen. Wir dachten, wir seien viele. Baby Jail lieferte den perfekten Soundtrack zu diesem Leben und machte uns Hoffnung: Auch als Erwachsene konnte man cool und frech und laut und wild sein, wie Boni Koller und Bice Aeberli. Dass die beiden privat sogar ein Paar und Eltern waren, machte sie in meinen Augen noch viel toller. Was war ich traurig, als sich Baby Jail 1994 auflösten.

Wild, verwegen und respektlos gegenüber der Obrigkeit wurden wir nie wirklich. So beliessen wir es dabei, Baby Jail zu hören und uns vorzustellen, wie es wäre, wenn die Polizei tatsächlich mal bei uns anklopfen würde.

Silvia Süess (37)

Wir gründen eine Band

Eine gute Freundin von mir hatte damals eine alte Kassette von Baby Jail bei ihren Eltern gefunden und kam mit ihrer Entdeckung zu mir. Wir haben dann stundenlang auf dem Pausenhof des Gymnasiums herumgehangen und laut «Zum Glück bisch du nöd au so blöd wie dini Verwandte» mitgesungen. Mit je einem Kopfhörerstöpsel im Ohr, eine furchtbar unfeierliche Art, Musik zu hören, aber eben auch sehr verbindend. Diese wunderbar unpolierte, selbst gebastelte Musik, die oft knapp verfehlten Töne in der Singstimme, die Blockflötenbegleitung, das gefiel mir gut. Ich ging nämlich jeden Tag brav in einem kühlen Betonbau mit weissen Böden und weissen Wänden zur Schule. Da kam mir dieses bisschen Punkattitüde gerade recht.

Wir waren mit unserer Euphorie für die Band natürlich mindestens zwei Jahrzehnte zu spät. Überhaupt war es ziemlich ungewöhnlich für zwei fünfzehnjährige Mädchen, die erst in den neunziger Jahren geboren wurden, diese Musik zu hören. So völlig aus dem Zusammenhang ihrer Entstehungsgeschichte, der Roten Fabrik und den Jugendunruhen in Zürich, gerissen. Von diesem Hintergrund wusste ich damals nicht viel. Auch nicht, dass die Band vor allem für ihre Liveauftritte bekannt war. Ich wusste von Baby Jail eigentlich nur, dass Boni Koller, der Sänger, auch Sänger bei Schtärneföifi ist. Mit ihnen hatte er schon meine Kindheit mitgeprägt, und die Schtärneföifi-Texte kann ich noch immer auswendig.

Meine Freundin und ich haben auf unseren Zufallsfund hin den Beschluss gefasst, selber eine Band zu gründen. Es klang bei Baby Jail so einfach, dass wir es auch versuchen wollten. Und zwar unter dem Namen «Dry Rusk and the Pellerines» (Trockener Zwieback und die Pellerinen). Leider blieb es beim Namen, und das Projekt scheiterte vor allem daran, dass wir beide nicht sehr gerne Musik machten. Die Musik von Baby Jail wirkt aber bis heute nach und verbindet uns weiterhin.

Anina Ritscher (19)

Konzertdaten: 
www.babyjail.com

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