Nr. 14/2015 vom 02.04.2015

«Entschleunigung ist der falsche Weg»

Kann man den Kapitalismus ausbremsen? Nein, sagt der Philosoph Armen Avanessian. Gegen die nostalgische Folklore linker Bewegungen setzt er auf die Verheissungen der Moderne: Fortschritt und Geschwindigkeit.

Von David Eugster (Interview) und Andreas Bodmer (Foto)

Armen Avanessian: «Ich begrüsse es, dass es immer mehr Leute gibt, die keine Lust aufs Flugblätterverteilen haben, es aber als politisch empfinden, programmieren zu lernen.»

WOZ: Armen Avanessian, ganz naiv gefragt: Was ist Akzelerationismus? Und wozu brauchts das?
Armen Avanessian: Die Grundannahme des Akzelerationismus ist, dass es im allgemeinen Diskurs eine unheilvolle Gleichung gibt, die leider auch die linke politische Theorie allzu oft teilt. Sie lautet: Kapitalismus = Moderne = Fortschritt = Beschleunigung. Wenn man diese Gleichung akzeptiert, gibt es keine andere Möglichkeit, Widerstand zu denken, als über irgendeine Form von Entschleunigung.

Doch das ist der falsche Weg. Der Klimakatastrophe etwa können wir nicht entgehen, indem ein paar westliche Wohlsituierte aufs Land ziehen und Karotten pflanzen. Wir können auch nicht in die fordistische Gesellschaft der Nachkriegszeit zurückgehen. Dieses Gesellschaftsmodell lässt sich nicht mehr wiedereinführen, und es steht auch zu bezweifeln, ob wir das ernsthaft wollen. Wir wissen ja, wie das erkauft war: mit Kolonialismus und patriarchalen Strukturen. Es gibt nur den Weg voran.

Ist uns die Zukunft abhandengekommen?
Zukunft wird eigentlich permanent hergestellt. Heute leben wir sozusagen unter einem finanzökonomischen Diktat, das ständig die Gegenwart mit einem Zukunftsdruck steuert. Das ist das derivative Paradigma: Derivate am Finanzmarkt berechnen den zukünftigen Preis in der Gegenwart – aufgrund von Erfahrungen aus der Vergangenheit bestimmt man im Voraus die Zukunft. Man kann das noch Zukunft nennen, weil es ja weiterhin ein Morgen gibt – aber man kann mit einem politischen Kalkül sagen: Das ist eigentlich gar keine Zukunft. Wir können in der Gegenwart nur anders handeln, wenn wir eine tatsächlich andere Zukunft entwerfen.

Das tut Ihrer Meinung nach aber niemand?
Auch bei der Linken ist ganz grundsätzlich ein Versprechen moderner Art weggebrochen. Die Zeit vergeht weiterhin, aber das, was die Moderne ausgemacht hat, ist mehr oder minder verschwunden: ein mit einem bestimmten Aufklärungsfuror vorgetragener Optimismus und ein Gestaltungswille mit einer Idee, wie die Zukunft auszusehen hat. Da trifft sich die Linke mit dem übelsten Neoliberalismus, der sagt, es gebe keine Alternative. Es gibt keine positive Bestimmung dessen, was Zukunft ist, kein Visionsmoment mehr. «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen», hat Helmut Schmidt gesagt, und der war ja noch nicht mal der schlimmste Sozialdemokrat. Man begegnet heute einer Entradikalisierung bis zum totalen Mangel an Vorstellungskraft.

Das akzelerationistische Manifest von Alex Williams und Nick Srnicek ist von einer etwas pauschalen Polemik gegen andere linken Gruppierungen getragen. Braucht es wirklich noch eine Alternative zu den etablierten kritischen Positionen?
Ich könnte sagen: Die klassische Linke hat Jahrzehnte Zeit gehabt. Man sieht, wie viel das gebracht hat – wieso sollten wir unter Erklärungsdruck stehen? Aber das wäre zu einfach. Man muss diese Kritik ja schon ernst nehmen. Es bedarf eines Anschlusses an das Versprechen der Moderne – ohne die Fehler der Moderne zu vergessen und ohne die dekonstruktive oder postmoderne Kritik vom Tisch zu fegen. Im besten Fall wird die zwischenzeitliche Kritik mitgedacht, das ist die Aufgabe.

Trotzdem: Warum bleiben Sie gegenüber dem «nostalgischen Folklorismus» linker Bewegungen so unversöhnlich?
Die Nostalgie prägt auch die Vorstellung davon, wie man politisch aktiv ist: Man geht auf die Strasse, man verbindet sich, der Volkskörper stellt sich her, übt Widerstand und hat revolutionäre Kraft. Nur: Das hat immer weniger Wirkung. Die Verfasser des akzelerationistischen Manifests gehören einer Generation an, die erlebt hat, wie Millionen gegen den Irakkrieg demonstriert haben. Effekt: null. Ähnliche Erfahrungen hat unsere Generation mit Studentenstreiks gemacht und mit Occupy. Mit bescheidenen Resultaten. Der Akzelerationismus erscheint mir nicht nur interessant, weil das junge Doktoranden sind, die wir im Merve-Verlag rausbringen, und nicht die üblichen achtzigjährigen Franzosen. Es ist gewissermassen die erste Theoriebewegung, die Aufmerksamkeit erlangt, die nicht vom Phantasma von 1968 gespeist ist.

Was meinen Sie damit?
Nichts gegen 1968 – aber die Widerstandsformen von Mitte des 20. Jahrhunderts nützen nichts gegen Gegner, die mit avancierten technologischen Mitteln kämpfen. Es bringt nichts, gegen die NSA oder einen hochkomplexen Finanzmarkt auf die Strasse zu gehen. Wir müssen lernen, wie Widerstand heute zu leisten ist und wie ein idealer Revolutionär aussieht: Das ist heute kaum mehr Che Guevara mit der Kalaschnikow im Dschungel, sondern ein technologisch informierter Edward Snowden. Die Frage ist doch: Nehmen wir neue Technologien an, und wie können wir sie steuern? Aber sich von Facebook abzumelden, wird nicht helfen. Ich begrüsse es, dass es immer mehr Leute gibt, die keine Lust aufs Flugblätterverteilen haben, es aber durchaus als politisch empfinden, programmieren zu lernen.

Fordert das nicht eine unmässige Professionalisierung von uns? Nicht jeder und jede hat Zeit, um sich solches Wissen anzueignen.
Man muss das umgekehrt denken: Wie politisieren wir die Programmierer? Es braucht einen politischen Drive, um die schon vorhandenen Technologien sinnvoll einzusetzen. Denken wir daran, was logistisch schon alles möglich ist, an die Automatisierung, das allgemeine Grundeinkommen. Da sind mit kleinen Schritten grosse Effekte möglich. Leider existiert in der Linken aber immer noch so etwas wie ein «technologischer Analphabetismus». Das hat dazu geführt, dass die Kluft zwischen jenen, die mit der Welt nicht zufrieden sind, und jenen, die sie tatsächlich gestalten, fast systematisch immer grösser wurde. Auch die sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften hinken immer hinter den Entwicklungen her, sie versuchen nur, das Schlimmste zu verhindern, etwas zu bremsen. Eine Politisierung der jeweiligen Praktiken wäre dringend notwendig.

Ist das nicht nur eine weitere elegante Weise, nichts an den Verhältnissen zu verändern und sich doch irgendwie politisch zu fühlen?
Nein. Der grundsätzliche Vorzeichenwechsel im Akzelerationismus besteht darin zu bezweifeln, dass der Kapitalismus tatsächlich ein fortschrittliches Prinzip ist, und dass es zugleich nötig ist, Fortschritt und Beschleunigung positiv zu konnotieren. Viele meinen, wir wollten alles noch mehr beschleunigen, um es gegen die Wand zu fahren. Doch der Akzelerationismus sagt genau das nicht – er sagt, wenn wir etwas verändern wollen in unserer beschleunigten Gesellschaft, geht es nicht anders, als dass wir die Beschleunigung annehmen und versuchen, sie zu navigieren, ihr eine progressive, sinnvolle Richtung zu geben. Mit einer andauernden Fetischisierung horizontaler Strukturen, etwa nur mit kleinen Versammlungen, ist das nicht zu lösen.

Demokratie spielt in den akzelerationistischen Texten, die ich gelesen habe, tatsächlich keine so grosse Rolle …
Dazu gibt es viele Diskussionen. Sicher aber ist, dass keiner von uns antidemokratisch ist. Trotzdem kann man konstatieren, dass die eingespielten demokratischen Verfahren die Gegner – also diejenigen, die wir dafür verantwortlich machen, dass wir in einer Welt leben, mit der wir unzufrieden sind – nicht sonderlich tangieren. Doch wir fordern nicht, wie zum Beispiel Antonio Gramsci, einen organischen Intellektuellen, der der Masse sagt, in welche Richtung sie gehen muss.

In Ihrem neuen Buch «Überschrift» schreiben Sie auch, wer Kritik übe, sei zur Wirkungslosigkeit verdammt.
Ja, ich bestehe vehement darauf, dass es mit Reflexion und reinem Denken, Nachdenken und Kritik nicht zu einer Transformation kommt. Nehmen wir mein langjähriges Arbeitsumfeld, die Universität: Dort ist man umgeben von kleinen, selbst erklärten Widerstandsheroen, jeder schiebt dem anderen zu, dass er ein karrieristischer, neoliberaler Dreckskerl sei. Gleichzeitig führen die vielen abstrakten politischen Theorien an den Universitäten nicht dazu, dass die Protagonisten wirklich anders handeln. Viele Theorien, die en vogue sind und sich radikal geben, sind im akademischen Alltag wenig widerständig. Das betrifft aber nicht nur die Uni. In den letzten Jahrzehnten hat sich auch die zeitgenössische Kunst die sogenannte Criticality ganz gross auf die Fahnen geschrieben – und trotzdem landet sie immer mit den übelsten Oligarchen im Bett.

Was wäre denn die Alternative zur Kritik?
Zentraler erscheint mir, andere Formen der Zusammenarbeit und des gemeinsamen Nachdenkens zu finden. Ein wichtiges Arbeitskonzept im akzelerationistischen Denken sind Plattformen. Da wird nicht gesagt, wie etwas gemacht werden sollte, sondern damit wird konkret etwas anderes gemacht. Man versucht, zu einer experimentellen Praxis des gemeinsamen Arbeitens zu finden. Ich will mit Jean-Luc Godard sagen, es braucht weniger akademische politische Theorie, sondern eine Politisierung der akademischen Theorie. Politik bedeutet, das Feld, in dem man arbeitet, zu politisieren und Konflikte hervorzurufen. Ich brauche keine Utopien zu entwerfen, es reicht doch, wenn ich sage, hier tuts weh und dagegen wehre ich mich mit dieser kurzfristigen Taktik, und vielleicht habe ich sogar noch eine weiterführende Strategie, wo ich hinwill. Einen utopischen Raum zu imaginieren, der völlig ausserhalb ist, und mich ständig zu wundern, dass dieser nie Realität wird – ergibt das wirklich Sinn?

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