Nr. 36/2006 vom 07.09.2006

Eine offenere Schweiz?

Interview: Bettina Spoerri, Foto: Ursula Häne

Andrea Staka: «Hoffentlich kommen diese Gesetze nicht durch.»

WOZ: Dschoint Ventschr macht sich für Filme mit interkultureller Thematik stark – arbeiten Sie deshalb mit dieser Filmproduktionsfirma zusammen?
Andrea Staka: Nach meinem Kurzfilm «Hotel Belgrad» hat Samir Interesse gezeigt, mit mir zusammenzuarbeiten, und diese Firma, die cross-cultural arbeitet, passte gut zu meinen Ideen, gerade auch zum Dokfilm «Yugodivas». Es half mir sehr, dass es bei Dschoint Ventschr selbstverständlich ist, mit verschiedenen Kulturen zu arbeiten.

Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien sind ein wichtiges Thema für Sie, auch als Filmerin?
Meine bisherigen Filme hatten immer mit meiner eigenen Erfahrung zu tun. Als 1991 der Krieg in Ex-Jugoslawien ausbrach, löste das bei mir viele Gefühle und Fragen aus: Warum bringen sich die Menschen um, woher kommen dieser Hass, diese Gewalt? Mich verletzte, wie undifferenziert der Krieg in den Medien gezeigt wurde: Männer, Kriegsfelder, Primitivismus, Gewalt. Ich dachte: Es gibt doch noch etwas anderes, das man sehen müsste. Es gibt dort Menschen wie du und ich, Frauen, Studierende, Kultur, Kriegsgegner ... So entstand das Bedürfnis, meiner Ohnmacht in meiner filmischen Arbeit Ausdruck zu geben und jenen Bildern andere entgegenzusetzen.

Die Frauen in «Das Fräulein» kommen in die Schweiz oder leben schon lange hier. Wie empfinden Sie die Stellung der Schweiz in der Migrationsfrage?
Seit den Neunzigerjahren gibt es die 
Secondo-Bewegung; Probleme und Selbstbewusstsein der hier Geborenen werden verbalisiert. Es ist heute selbstverständlicher, dass jemand mit einem anderen kulturellen Hintergrund sagt: Ich bin Schweizer. Für Immigranten, die heute aus einem Nicht-EU-Land kommen, ist die Situation komplexer. Das Ausländergesetz soll strenger werden, und doch mischen sich die Kulturen heute in der Schweiz natürlicherweise. Ich finde, es gibt eine Diskrepanz zwischen dem, was gelebt wird, und dem, was das Gesetz fordert.

Die Schweiz ist trotzdem offener geworden?
Früher hörte man oft den Satz: «Ja, ja, die Ausländer ... aber die, die wir kennen, sind ja gut.» In der Schweiz gibt es eine grosse Angst vor dem anderen; trotzdem findet eine Entwicklung statt. Die Menschen sind nicht grundsätzlich gegen Immigranten, die Freundeskreise sind heute kulturell gemischter, auch die von älteren Menschen.

Was haben Sie empfunden, als Sie von den zur Abstimmung stehenden Asyl- und Ausländergesetzen erfuhren?
Ich war erstaunt, dass wir, nachdem wir schon über Schengen abgestimmt hatten und es üblicher ist, dass die Leute ein Teil Europas sein wollen, da über so etwas abstimmen müssen. Wenn ich allerdings an die Abstimmung über die erleichterte Einbürgerung – für Kinder, die hier geboren wurden – denke, erstaunt es mich wieder nicht. Ich würde es schade finden, wenn wir uns wieder ins Eigene, Kleine, Perfekte verschliessen würden.

Was denken Sie über die neuen Gesetze?
Diese Gesetze haben einen unschönen Unterton: «Die Fremden, die hierherkommen, wollen uns ausnützen, 90 Prozent sind böse Wirtschaftsflüchtlinge.» Ich fände es katastrophal, wenn wir in Bezug auf Asyl das strengste Land in Europa würden. Im Zusammenhang mit meinem neuen Film redete ich mit vielen Ex-Jugoslawen; auf den ersten Blick geht es ihnen in der Schweiz gut, doch dann merkt man, wie viel Vorsicht und Angst existieren, wie tief die Angst sitzt, ja nichts falsch zu machen in der Waschküche. Für mich ist es nicht mehr so schlimm, wenn mir jemand sagt: Du hast dein Waschmittel nicht an den richtigen Ort gestellt. Aber für meine Mutter und ihre Freunde ist es ganz wichtig, dass sie das richtig machen. Da scheint irgendetwas nicht ganz rundgelaufen zu sein.

Würde eine Annahme der neuen Gesetze Ihr Gefühl gegenüber der Schweiz verändern?
Ich persönlich würde politisch noch stärker erwachen; mich würden die Hintergründe interessieren – vielleicht auch für eine Filmgeschichte. Mein Gefühl der Schweiz gegenüber würde sich nicht grundsätzlich verändern. Ich bin schon zu fest mit diesem Land verbunden, habe mir meinen Platz geschaffen, mit meinen Filmen, im Leben. Aber im 
Moment hoffe ich noch, dass die Gesetze nicht durchkommen.

Andrea Staka, geboren 1973 in Luzern, lebt heute in Zürich und New York. Ihr Studium an der HGKZ (Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich) schloss sie 1998 mit dem erfolgreichen Kurzfilm «Hotel Belgrad» ab. Neben mehreren weiteren Kurzfilmen entstand 2000 der Dokfilm «Yugodivas». Ihr Langspielfilm-Debüt «Das Fräulein» war der erste Schweizer Film seit 21 Jahren, der den Goldenen Leoparden gewann.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch