Nr. 08/2007 vom 22.02.2007

Warum die Einheitskasse?

Interview: Helen Brügger

WOZ: Waren Sie in den Skiferien?
Pierre-Alain Schneider: Nein, ich habe fast die ganze Ferienwoche gearbeitet, zum Teil für die Genfer Ärztevereinigung. Man kann leider nicht immer tun und lassen, was man will.

Was halten Sie von Pierre-Marcel Revaz, dem Generaldirektor der Krankenkasse Groupe Mutuel, von dem es heisst, er verdiene eine Million Franken pro Jahr?
Ich bin nicht dagegen, dass ein Direktor eines grossen Unternehmens anständig verdient. Aber er sollte auch anständige Leistungen erbringen. Wir Ärzte finden die Krankenkassen nicht immer sehr anständig. Wir finden es beispielsweise gerade derzeit seltsam, dass sie ihr Personal unter Druck setzen, gegen die Initiative für eine Einheitskasse zu stimmen.

Was erwarten Sie denn anderes?
Dass sie sich wie das verhalten, was sie sind: Sozialversicherungen. Stattdessen verdienen sie ihr Geld, indem sie die Leute möglichst davon abhalten, sich pflegen zu lassen. Nehmen wir ein Beispiel: Die Universitätsspitäler in Lausanne und Genf haben ein Problem mit ihren Notfallstationen. Die Wartezeiten können dort mehrere Stunden betragen. Was ist der Grund? Die Kassen setzen Patienten unter Druck, indem sie sich weigern, gewisse Leistungen zu bezahlen. Viele Patienten glauben daher, nur die Leistungen des Kantonsspitals würden rückerstattet. Das führt zu einer Überlastung der Notfallstationen, zu langen Wartezeiten und manchmal sogar zu Aggressionen gegen das Personal.

Pascal Couchepin hat im Sommer 2005 die Leistungen für fünf alternative Behandlungsmethoden aus der Liste der Basisversicherung gestrichen. Was ist Ihre Meinung dazu?
Zum einen scheint es logisch, etwas zu streichen, was nicht unerlässlich ist. Zum andern weiss man aber auch, dass vielen Patienten mit solchen Behandlungsmethoden geholfen wird. Wenn die Kassen sie nicht mehr finanzieren, greifen die Patienten zu anderen Methoden. Ich bin mehr als skeptisch, dass so wirklich Einsparungen erzielt werden.

Kann die Einheitskasse eine bessere medizinische Versorgung bringen?
So direkt ist der Zusammenhang nicht. Die Schweiz ist allerdings im Vergleich zu andern europäischen Ländern in Sachen Präventivmedizin und Früherkennungskampagnen im Hintertreffen. In der Einheitskasse hätten die Versicherten ein Wort mitzureden, und man kann sich gut vorstellen, dass sie sich für eine Verbesserung in diesem Bereich einsetzen. Der französische Schriftsteller Sacha Guitry erzählt, im alten China hätten die Leute einen guten Arzt gewählt und ihn mit jährlichen Zahlungen entschädigt, solange sie gesund waren. Wenn sie erkrankten, seien die Zahlungen suspendiert worden. Klar, dass die Ärzte alles Interesse an einer schnellen Genesung der Patienten hatten ... Ich würde sagen, sie hatten vor allem ein Interesse daran, dass unheilbar Kranke schnell starben! Das erinnert mich daran, dass es auch bei uns Zyniker gibt, die davor warnen, allzu viel in unheilbare Krankheiten zu «investieren». Dies ist eine Folge des Drucks auf die Leistungen und könnte zu gravierenden ethischen Problemen führen.

Was machen Sie nach dem 11. März?
Ich hoffe, dass die Romandie mit einem Ja zur Initiative signalisiert, dass das heutige System am Ende ist. Für mich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kopfprämie fällt – aus dem einfachen Grund, dass immer mehr Versicherte sie nicht bezahlen können. Parallel dazu läuft die Konzentration der Krankenkassen, von denen in ein paar Jahren nur noch wenige übrig bleiben werden. Die Frage ist: Sind wir dann mit Kassen konfrontiert, die wie heute rein kommerziell denken, oder wird es möglich sein, einen echten Dialog zu führen?

Wie sieht die Finanzierung aus, wenn die Kopfprämie fällt?
Ich bin davon überzeugt, dass es eine Finanzierung auf der Basis des Einkommens braucht. Wenn sich das nicht durchsetzt, wird die Krankenversicherung einfach mehr und mehr über die Steuern bezahlt werden müssen. In Genf erhalten bereits vierzig Prozent der Leute staatliche Zuschüsse. Eins ist sicher: Die Behauptung von Pascal Couchepin, dass das Kostenwachstum im Gesundheitswesen zu Ende sei, ist falsch. Es sei denn, man wolle die Menschen, die nur eine Basisversicherung haben, nicht am Fortschritt der Medizin teilhaben lassen.

Pierre-Alain Schneider ist Radiologe und Präsident der Genfer Ärztevereinigung AMG, einer Sektion der Vereinigung der Schweizer Ärzte und Ärztinnen (FMH).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch