Nr. 32/2007 vom 09.08.2007

Ist das eine Perücke?

Marina Belobrovaja steht vor einem mit ihren Habseligkeiten beladenen Kleinbus am Zürcher Helvetiaplatz. Auf einem Plakat steht: «Sehr geehrte Damen und Herren, meine Aufenthalts
bewilligung läuft am 21. August [2007] ab. 
Leider besitze ich keinen Führerschein. Bitte, helfen Sie mir, mich rauszuschaffen. Tun Sie etwas Gutes für Ihr Land!»

Interview: Adrian Riklin, Foto: Ursula Häne

Marina Belobrovaja: «Dann mach ich erst recht einen richtig guten Film daraus!»

Mo, 6.  August, 13.10 Uhr

WOZ: Was soll das?
Marina Belobrovaja: Ich lebe seit Jahren in einer Situation, die vielen 
Menschen, die sich aus verschiedensten Gründen über die Grenzen der sogenannt ersten Welt gewagt haben, 
vertraut ist. Geringe Aussichten auf 
Legalisierung eines längerfristigen Aufenthalts zwingen sie oft dazu, erfinderisch zu sein. Zu ihrem Schutz und dem Schutz derer, die sich für sie einsetzen, ist es kaum möglich, das Thema unter Einbezug von Betroffenen öffentlich zu machen.

Je wirksamer Sie die Aktion platzieren, desto eher schmälern Sie 
Ihre eigenen Chancen auf eine Aufenthaltsbewilligung.
Das Risiko nehme ich in Kauf. Für die Aktion scheint es mir unabdingbar, die eigene Situation zu instrumentalisieren. Brisant wird die Aktion erst durch 
die Authentizität. Mit performativen Mitteln wird eine zugespitzte Situation kreiert, die irritiert und alle Beteiligten zwingt, sich dazu zu verhalten.

Warum heiraten Sie nicht einen Schweizer?
Die Heirat gehört tatsächlich zu den wenigen Möglichkeiten, die Menschen in meiner Situation zum Aufenthaltsrecht verhelfen können. Doch sie schränkt das Recht auf ein selbstbestimmtes Privatleben erheblich ein.

Sie finden als Künstlerin mit Schweizer Hochschulabschluss keinen Job?
Um Drittstaatangehörige regulär einstellen zu können, müssen ArbeitgeberInnen die «Unersetzbarkeit» der Arbeitskraft nachweisen. Die Stelle muss schweiz- und anschliessend europaweit ausgeschrieben werden. Erst an 
dritter Stelle, wenn keine entsprechende Kandidatur vorliegt, kommen Drittländer zum Zug. Zum einen impliziert diese Regelung eine Hierarchisierung der AusländerInnen aufgrund ihrer Herkunft, zum anderen unterliegen die Beteiligten der behördlichen Entscheidungswillkür, die dem Begriff der «Unersetzbarkeit» innewohnt.

Mo, 6.  August, 18 Uhr

WOZ: Und?
Belobrovaja: Bis jetzt waren zwei Männer da, die sich dafür interessieren, mich auszuschaffen. Ein Türke, der sich als Unia-Mitarbeiter ausgibt, hat angekündigt, mich morgen um 10 Uhr über die Grenze zu fahren.

(Zwei junge Männer in einem Auto 
fahren vorbei.)

Der am Steuer: Ist das eine Perücke?

Belobrovaja (ihre Haare fassend): 
Das da?

Der am Steuer: Ja, das da.

Belobrovaja:Nein, das ist keine Perücke.

(Die beiden fahren weiter.)

WOZ: Und wenn Sie der Mann tatsächlich über die Grenze fährt?

Belobrovaja: Dann mache ich erst recht einen richtig guten Film daraus! Im Ernst, ich werde alles tun, um in der Schweiz bleiben zu können. Hier bin ich sozial und beruflich verankert, hier wohnt mein Freund.

(Ein Mann schlendert herbei.)

Mann: Sie haben keinen Führerausweis?

Belobrovaja: Nein.

Mann: Ich habe einen Kollegen. 
Der fährt Sie gern über die Grenze. 
Geben Sie mir doch mal Ihre Handynummer. 


(Belobrovaja diktiert die Nummer. Er geht ab, kehrt nochmals um.)

Sie haben eine Autobahnvignette?

Belobrovaja: Hab ich.

Di, 7.  August, 9.40 Uhr

Der angebliche Unia-Mitarbeiter steht schon da.

Belobrovaja (zur WOZ): Er will nun doch nicht.

Der Mann: Doch, doch. Aber später. Ich muss noch einen Rekurs schreiben für eine Frau, deren Aufenthaltsbewilligung ausläuft.

WOZ: Warum wollen Sie Frau 
Belobrovaja über die Grenze fahren?

Der Mann: Um sie vor der Polizei zu schützen.

Belobrovaja: Die Aktion ist polizeilich bewilligt. Ich halte mich vollständig ans Gesetz.

Der Mann: Ich hasse Leute, die sich ans Gesetz halten.

Belobrovaja: Sind Sie ein Spieler?

Der Mann: Da gibt es nämlich ein türkisches Sprichwort: «Zwei Tänzer können nicht gleichzeitig auf einem Seil tanzen.»

(Geht ab.)

Di, 7.  August, 18 Uhr

Kurz vor Redaktionsschluss. Telefongespräch.

WOZ: Und?

Belobrovaja: Vor einer Stunde ist ein weiterer Mann aufgetaucht. Er hat mir einen Heiratsantrag gemacht und 
mir bis 18.30 Uhr Bedenkzeit gegeben. Er stellt mich vor die Wahl: Entweder Sie heiraten mich – oder ich werde Sie umgehend ausschaffen.

MARINA BELOBROVAJA, 1976 in Kiew geboren, studierte nach ihrer Emigration nach Israel (1990) ab 1995 Kunst an der Universität der Künste in Berlin sowie ab 2002 Kunst und Kunstvermittlung an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich. Sie hat einen israelischen Pass.

Siehe auch die WOZ-Texte «Diese ganz besondere Paprika» vom September 2009 und «O du Justitia!» vom September 2011.

«Abschiebung», Kunstaktion auf dem Helvetiaplatz, täglich 10 bis 22 Uhr, bis maximal Sa, 11. August 2007. Lesen Sie in 
der nächsten WOZ, was in der Zwischenzeit geschehen ist.

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