Nr. 36/2007 vom 06.09.2007

Mit leeren Taschen durch ein erfülltes Leben

Drei Männer mit den schönen Namen Panda Bear, Avey Tare und Geologist nutzen archaische Elemente für ihre urbane und futuristische Musik. Sie wollen zeigen, dass Selbstbestimmung wichtiger ist als Geld.

Von Martin Büsser

Politisch haben kollektive Lebens- und Arbeitsmodelle keine Konjunktur. Der Begriff des Kollektivs ist unmittelbar mit 1968 und dessen Folgen verbunden - mit der Kommune I in Berlin, freier Liebe und dem gemeinsamen Kühlschrank für alle. Mit sozialen Experimenten also, die gemeinhin als gescheitert betrachtet werden. Sie eignen sich höchstens noch als Stoff für Retrofilme wie «Das wilde Leben» (2007) von Achim Bornhak über die Kommunardenjugend von Uschi Obermaier, in denen vor allem eines zum Ausdruck gebracht wird: wie unglaublich naiv, pubertär und unumsetzbar die Utopie von der Gleichheit aller gewesen ist. Umso interessanter, dass der Kollektivgedanke in der Musik seit einigen Jahren eine Renaissance erlebt. Weird-Folk-Gruppen wie The No-Neck Blues Band und Zusammenhänge, wie sie das Constellation-Label aus Montreal schaffen, definieren sich nicht mehr nur über den Do-it-yourself-Gedanken, sondern vor allem über nichthierarchische Kollektivstrukturen.

In vielen Fällen entpuppen sich solche Ansätze jedoch nur als Hippienostalgie und spirituelle Flucht in die Wälder. Gruppen wie Sunburned Hand Of The Man oder Davenport versammeln sich bevorzugt am Lagerfeuer, um dort akustische Geisterbeschwörungen abzuhalten, während The Danielson Familie das Kollektiv vor allem zur Verbreitung ihrer christlichen Botschaft nutzen. Alle Bandkollektive verbindet eine tiefe Skepsis gegenüber der profitorientierten Musikindustrie, diese geht jedoch nicht selten mit einer antimodernistischen Privatmythologie und sektenhaften Strukturen einher. Natur und Tier fungieren dabei als Projektionsflächen einer von der Zivilisation unberührten Reinheit.

Singen mit Tierstimmen

Ein solcher Neoprimitivismus findet sich auch bei Animal Collective, die ihre Gesichter in der Vergangenheit gerne hinter Tiermasken verborgen und ihren Gesang auf die Imitation von Tierstimmen reduziert haben. Doch die derzeit als Trio arbeitende Gruppe der Musiker Panda Bear, Avey Tare und Geologist möchte solche eindeutigen Zuweisungen vermeiden.

«Wir treten kaum mehr mit Masken auf», erzählt Panda Bear, «weil wir gemerkt haben, dass die Rezeption leicht in eine falsche Richtung gehen kann. Uns ist weder an einer Verklärung der sechziger Jahre noch an diesem gerade angesagten Hippie-Waldschrat-Ding gelegen. Es gibt zwar diese tierische Seite bei Animal Collective, dieses archaische Element, zugleich ist unsere Musik aber auch sehr urban und futuristisch. Die Bands, die uns beeinflusst haben, waren zu ihrer Blütezeit ebenfalls alles andere als nostalgisch: Can, Pink Floyd, Beach Boys - die blickten alle in die Zukunft, waren von Elektrifizierung und Fortschritt geradezu besessen.» Geologist, der für die Electronics verantwortlich ist, fügt hinzu: «Unsere Musik klingt wahrscheinlich deswegen so frei und ungewohnt, weil sie nur wenig Anbindungen an Rockmusik hat. Keiner von uns ist ein grosser Rockfan. Wir haben von Anfang an mit Rhythmen und Klängen improvisiert, die für Rock völlig untypisch sind. Field Recordings aus Afrika waren für uns sehr wichtig, denn dort hörst du zum Teil Sounds, die du gar keinem Instrument mehr zuordnen kannst. Dieses Prinzip, Klangquellen zu verwischen, haben wir für unsere Musik übernommen. Gitarren hören sich oft wie Samples, wie Loops an. Die Musik ist dadurch jedoch alles andere als primitivistisch, sie ist mehrdeutig und komplex.»

Die Hinwendung zum Song

Der Vorgänger «Feels» (2005) kündigte bereits eine Hinwendung zu Songstrukturen an, die auf dem aktuellen Album «Strawberry Jam» noch deutlicher hervortreten: Die ausufernden, geräuschhaften Improvisationen sind Stücken von fast konventioneller Poplänge gewichen, der Gesang hat Kontur angenommen, erstmals sind sogar Texte zu verstehen. «Diese Entwicklung ergab sich aus unseren ständigen Liveauftritten», erklärt Avey Tare. «Wir spielten sehr oft in Läden mit katastrophaler Akustik und schlechter Anlage. Dort ist es unmöglich, all diese filigranen Soundschichtungen vorzunehmen, von denen unsere früheren Improvisationsauftritte leben. Um den Leuten in solchen Clubs keinen reinen Klangmatsch zu bieten, sind wir immer mehr dazu übergegangen, komprimierte, auf den Punkt gebrachte Songs zu spielen.» Panda Bear fügt hinzu: «Wir entschuldigen uns hiermit bei allen Hörern, denen wir inzwischen zu konventionell geworden sind. Habt Verständnis, das alles ist nur das Ergebnis von Unfällen und Pannen!»

Bislang manifestierte sich der Kollektivansatz der Band vor allem in der Überlagerung von Instrumenten, in einem Sound, der Klangquellen verwischte und damit alle Instrumentalisten gleichwertig behandelte. Auf «Strawberry Jam» ist dagegen oft die Handschrift von Panda Bear und dessen Vorliebe für die Beach Boys zur «Smiley-Smile»-Phase zu erkennen, die schon sein diesjähriges, von der Presse leider kaum beachtetes Soloalbum «Person Pitch» prägte. «Kollektiv bedeutet für uns absolute Gleichberechtigung aller Bandmitglieder beim musikalischen Entstehungsprozess. Das heisst jedoch nicht, dass wir auf klar festgelegte Rollen verzichten», sagt Avey Tare. «Der eine arbeitet am Songwriting, der andere am Sound. Trotzdem besteht niemand von uns auf Urheberschaft einer bestimmten Textzeile oder Melodie. Im Gegenteil, das Starke am kollektiven Ansatz ist ja, dass sich alles ständig verändert, dass die Stücke nie abgeschlossen sind.»

Politische Ästhetik

Animal Collective sind immer wieder mit den politischen Musikerkollektiven der sechziger Jahre verglichen worden, sei es das englische Freejazzkollektiv AMM oder das Art Ensemble Of Chicago, seien es die aus einer Kommune hervorgegangenen Amon Düül. Doch wor-an lässt sich das Politische an solchen musikalischen Ansätzen festmachen? Als Amon Düül 1968 auf den Essener Songtagen auftraten, kam es zum Eklat: Einige Personen aus dem Publikum erstürmten das Mikro und fragten, was diese rein instrumentalen, unter dem Einfluss von Acid gespielten Freak-Outs auf einem dezidiert politischen Festival zu suchen hätten.

Auf eine solche Frage hat Panda Bear heute eine Antwort parat: «Das Politische ergibt sich aufgrund unserer Ästhetik, die ein eindeutiges Bekenntnis zur Freiheit und ein Aufruf ist, mit Konventionen zu brechen. Wer sich auf unsere Musik einlässt, wird mit Verunsicherung konfrontiert, muss klare Vorstellungen von Harmonie und Struktur über Bord werfen. Ich glaube, dass dies eine viel stärkere Politisierung im Publikum zur Folge haben kann als Agitprop, die eindeutig Stellung bezieht. Uneindeutigkeit erscheint mir der radikalere Weg zu sein.»

Geologist greift den Gedanken auf und liefert gleich noch eine unkonventionelle Definition von Punk mit: «Leute wie John Cage, die komplett mit musikalischen Konventionen gebrochen haben, sind doch die eigentlichen Punks gewesen. Dieser 'Punk'-Tradition fühlen wir uns verpflichtet: keinerlei musikalische Grenzen zu akzeptieren. Gegenüber diesem Ansatz waren die klassischen Punkbands traditionalistisch, ja eigentlich feige: 'Bekämpft alle Autoritäten!' lautete der Slogan von Punk, doch die Autorität des Rock 'n' Roll wurde von den Musikern nie infrage gestellt.»

Sperrig in die Zukunft

Eine solche Einstellung hat natürlich ihren Preis. Animal Collective sehen in naher Zukunft keine Chance, wirklich gut von ihrer Musik leben zu können, «höchstens überleben», sagt Panda Bear. Zwar zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Band mit «Strawberry Jam» ihre bislang grösste Presseresonanz erhalten wird, die Arrangements sind allerdings weiterhin zu sperrig, als dass ihr Erfolg über den sprichwörtlichen Status der Kritikerlieblinge hinauswachsen könnte.

«Mit experimenteller Musik kannst du heute nicht mehr so bekannt werden, wie das in den siebziger Jahren vielleicht noch bei Can möglich war», erklärt Geologist. «Die sozialen Rahmenbedingungen haben sich verändert, Experimente sind gesellschaftlich nicht mehr angesagt. Hinzu kommt, dass die Leute nicht mehr bereit sind, Geld für Tonträger auszugeben. Wir sind permanent auf Tour, weil das für uns die einzige Einnahmequelle ist.» - «Aber wir haben den Weg ja freiwillig gewählt», wendet Avey Tare ein. «Wir wollen unseren Hörern etwas davon vermitteln, dass Selbstbestimmung wichtiger ist als Geld und Erfolg. Zumindest bringt es ein erfülltes Leben.»

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