Nr. 36/2007 vom 06.09.2007

Im walisischen Ökoparadies

In den Hügeln von Mittelwales versteckt sich eines der weltweit wichtigsten Ökozentren, das Centre for Alternative Technology. Seine Botschaft: Es ginge auch ganz anders. Und erst noch viel schöner.

Von Bettina Dyttrich

Der Weg ins Paradies ist steil. Aber das macht nichts: Es gibt zum Glück eine Bahn. Sie sieht aus wie eine Kurzversion der Bahnen nach Magglingen oder auf den Stoos. Aber anders als jene braucht diese Standseilbahn kein Kilowatt Strom. Das System ist so einfach wie genial: Die Kabine in der Bergstation wird mit Wasser aus dem nahen Teich gefüllt. Das Gewicht des Wassers zieht die Kabine nach unten und gleichzeitig die zweite Kabine hinauf. Unten wird der Tank geleert, und das Ganze wiederholt sich. Die «Cliff Railway» erzeugt sogar mehr Energie, als sie braucht. Der Überschuss wird ins Stromnetz eingespeist.

Im Paradies müsste es Bäume haben, Wasser, Gärten, Tiere. Und so sieht es da oben wirklich aus. Die Sonne glitzert auf der Oberfläche eines Teichs, in dem Karpfen und Enten schwimmen, das Licht flimmert im Laub unzähliger verschiedener Bäume. Hühner rennen umher. In den Beeten wächst gelber und roter Krautstiel und violetter Kohl, begleitet von orange und rosarotem Mohn und Kornblumen, blauer als der Himmel. Dazwischen stehen viele Windräder und seltsame Gebäude mit Erddächern. Nur die Kampfjets der Royal Air Force, die regelmässig im Tiefflug über das Gelände dröhnen, stören die Idylle. Willkommen im Centre for Alternative Technology (CAT).

Wasserfeste PionierInnen

Das CAT liegt ziemlich genau in der Mitte von Wales. Hier ist im Vergleich zu andern Regionen nicht viel los. Die TouristInnen ziehts entweder nach Südwales, wo die Städte Cardiff, Swansea und Newport sind, oder in den gebirgigen Norden. Dabei gibt es in Mittelwales eine wunderbare Landschaft: grüne Hügel, so weit das Auge reicht, spektakuläre Felsküsten, ein paar Marktorte, die kleine Universitätsstadt Aberystwyth. Und das CAT. Jahrhundertelang kam der Reichtum von Wales aus dem Boden. Nicht nur Kohle wurde gefördert, sondern auch Eisen, Blei, Zink und Silber, sogar Gold. In Nord- und Mittelwales lebten viele Dörfer vom Schiefer. Noch heute hat fast jedes Haus im ländlichen Wales ein Dach aus dem glänzenden Stein. Auch nördlich von Machynlleth lag ein Schiefersteinbruch. In den fünfziger Jahren wurde er stillgelegt; der Besitzer war von einem Stein erschlagen worden. Zwanzig Jahre später suchte eine Gruppe junger Alternativer aus England einen Ort, um ihre Ideen von einem ökologischen Leben zu verwirklichen. Die Wildnis aus Schieferschutt und jungen Bäumen war das einzige Landstück, das sie fanden. Nur ein einziger alter Schopf mit undichtem Dach war halbwegs bewohnbar. Es gab viele ähnliche Projekte in den siebziger Jahren. Die meisten scheiterten nach kurzer Zeit. Die PionierInnen des CAT hatten jedoch zwei grosse Vorteile: erstens einen Mitstreiter aus dem Establishment, Gerard Morgan-Grenville, Firmendirektor mit Sympathien für die ökologische Bewegung, und zweitens ihre Bildung. Sie waren Biologin, Architekt, Geologe, Soziologin, Biochemiker, fast alle mit Abschlüssen, zum Teil sogar Doktoraten. Sie waren nicht grundsätzlich gegen Technik wie die Hippies, sie wollten eine andere, bessere Technik. Und sie entwickelten sie selber.

Die Maulwurfuniversität

«Von Anfang an kamen Neugierige ins CAT und wollten etwas lernen. Heute ist Bildung das Wichtigste für uns», sagt Tanya Hawkes von der Fundraisingabteilung auf einem Rundgang durch das Gelände. Das Angebot des CAT reicht vom dreitägigen Bio-gartenkurs bis zum Masterstudium in ökologischer Architektur. Verschiedene Universitäten arbeiten mit dem Zentrum zusammen. «Das Tolle am CAT ist, dass die KursteilnehmerInnen das Gelernte auf dem Areal gleich anwenden können», sagt Arthur Girling von der Medienabteilung und zeigt auf ein Gartenhaus aus Holz, das während eines Kurses gebaut wurde. Doch ein wichtiger Teil der Bildung findet ausserhalb der Kurse statt: Das Zentrum ist heute auch eine Attraktion für Familien. «Kinder anzusprechen, ist uns besonders wichtig», sagt Tanya Hawkes und führt zum unterirdischen «MoleHole», in dem sich die Welt aus der Perspektive eines Maulwurfs erleben lässt. Es ist dunkel, Wurzelfäden streifen das Gesicht, seltsames Scharren und Schaben dringt aus einem Lautsprecher. Hinter dem Tunnel liegt ein Raum mit Modellen von Bodenlebewesen - vergrössert sehen sie zum Fürchten aus - und mit Informationen über den Boden. «Wir wollen zeigen, dass Boden viel mehr ist als Dreck. Dass wir alle von ihm abhängen. Für Stadtkinder ist das meistens etwas völlig Neues.»

Das «Mole-Hole» ist das Low-Budget-Disneyland des CAT. Die Energieabteilung hingegen ist ein Alternativtechnorama. Überall gibt es etwas zu experimentieren: Wie viel Strom kann ich mit Muskelkraft erzeugen? Wie funktioniert ein Gezeitenkraftwerk? Wie stark verändern künstliche Wolken die Leistung einer Solaranlage? Wie warm wird ein weisses, ein schwarzes oder ein mit Glas isoliertes Dach? Auch die Audiotour durch das Gelände funktioniert alternativ: Zuerst muss kräftig an der Handkurbel gedreht werden, sonst gibt es nichts zu hören.

Baut Klos!

Vieles steht im CAT auch einfach herum, mit einer Informationstafel daran: das Kühlhaus, halb in den Boden gebaut und mit Erddach, das einen Kühlschrank überflüssig macht. Das Kompostklo: Scheissen für eine sauberere Welt. Der Topfgarten, der sich auch in einem zubetonierten städtischen Hinterhof realisieren lässt. Wer Konsumtipps sucht, ist gut bedient. Vieles wirkt für einigermassen umweltbewusste SchweizerInnen selbstverständlich: das Wasser abstellen beim Zähneputzen, WC-Spülwasser reduzieren, Papier sammeln, Küchenabfall kompostieren. Doch ins CAT verirren sich nicht nur überzeugte Ökos, und so etwas wie Abfalltrennung ist in Britannien, einem Land ohne Sackgebühren, noch fast exotisch.

Das Konsumverhalten der Einzelnen zu verändern, ist zweifellos wichtig. Doch konzentriert sich das CAT nicht etwas zu stark darauf? Wo bleibt die Politik? «Wir diskutieren viel über diese Frage», antwortet Tanya Hawkes. «Natürlich ist auch die politische Ebene wichtig. Die Leute fragen zu Recht: Warum soll ich Stromsparlampen kaufen, wenn gleichzeitig die Regierung den Flughafen Heathrow ausbaut?» Aber das CAT verstehe sich nicht als Lobbyorganisation. «Wir wollen vor allem zeigen, dass Alternativen technisch möglich und machbar sind.» Der letzte - und ehrgeizigste - Versuch, das zu zeigen, ist «ZeroCarbonBritain»: ein hundertseitiges Programm, wie sich die Energieversorgung Britanniens in zwanzig Jahren vollständig auf erneuerbare Energien umstellen liesse. «Das Parlament diskutiert zurzeit darüber», sagt Arthur Girling und kann seinen Stolz nicht ganz verbergen.

Im CAT arbeiten heute 150 Personen. Wie lässt sich so ein grosser Betrieb organisieren? «Wir sind eine Stiftung, funktionieren aber wie eine Genossenschaft», sagt Tanya Hawkes. «Einmal im Monat gibt es ein Plenum. Dort werden die wichtigen Fragen entschieden, wenn möglich im Konsens. Die Angestellten wählen das Management, und alle Angestellten können Anträge ans Management stellen. Falls das Management einen Antrag nicht zufriedenstellend behandelt, kommt er vor das Plenum.» Die Abteilungen organisierten sich so weit möglich selber, mit flachen Hierarchien. Es gebe zwar keinen Einheitslohn mehr, aber die Unterschiede zwischen den Lohnstufen seien gering. «Es gibt Leute, die den Betrieb stärker 'normalisieren' wollen, und andere, die sehr an den alten Selbstverwaltungsprinzipien festhalten.»

Das CAT prägt heute die ganze Region, vor allem aber den Ort Machynlleth, wo ein grosser Teil der Angestellten lebt. Sichtbar wird das schon am Bahnhof. Dort beschäftigt Dulas Engineering in zwei grossen Gebäuden aus Holz und Glas 46 Angestellte. Das aus dem CAT heraus entstandene Unternehmen konzipiert Solar-, Wasserkraft- und Windkraftanlagen. Nicht nur für reiche Haushalte im Norden: Die von Dulas Engineering entwickelten Solarkühlschränke für Blutkonserven und Medikamente kamen zum Beispiel nach dem Tsunami in Südostasien zum Einsatz. Machynlleth hat 2000 EinwohnerInnen und zwei Bioläden, ein vegetarisches Biocafé, drei Museen, einen Laden für ökologischen Haushaltsbedarf - und mehr AlternativmedizinerInnen als Appenzell Ausserrhoden, nach dem Anschlagbrett im Café zu schliessen.

Machynlleth ist auch ein Zentrum des walisischen Nationalismus. Hier tagte 1404 das erste walisische Parlament, von hier führte Owain Glyndwr, der letzte König von Wales, den letzten Aufstand gegen die Engländer an, bevor die Waliser endgültig geschlagen wurden. Heute feiert ein Museum den Helden, und passend dazu findet gerade ein Grümpelturnier in der walisischen Nationalsportart Rugby statt. Nationalismus und Umweltschutz sind hier kein Gegensatz: Wales hat das Bestreben nach Nachhaltigkeit in seine Verfassung geschrieben, die nationalistische Partei Plaid Cymru vertritt ökologische Anliegen. Der patriotische Folksänger Dafydd Iwan und traditionelle Männerchöre treten am gleichen Festival auf wie der Ökoaktivist George Monbiot und der venezolanische Umweltminister César Aponte.

Und die Kinder der CAT-Angestellten lernen in der Schule selbstverständlich Walisisch.

Wachsen wie verrückt

«Das Interesse am CAT wächst momentan gewaltig», sagt Arthur Girling. «Es gibt immer mehr Anfragen von der Presse, die Kurse sind ausgebucht - es geht so schnell, dass wir selber den Überblick verloren haben, wie stark wir wachsen. Das Masterstudium in ökologischer Architektur begann vor sechs Jahren mit 30 StudentInnen, heute sind es 400.» Das CAT stösst an Grenzen - aber nicht mehr lange. Denn am Rand des Geländes sind die Umrisse des nächsten grossen Projekts schon sichtbar: Das Wales Institute for Sustainable Education (Institut für nachhaltige Bildung), kurz WISE, wächst in die Höhe. Es wird Raum bieten für Konferenzzimmer, Labors, eine Bibliothek und einen Hörsaal, der 200 Personen fassen kann. Die Forschung über Bodenbiologie, Kompost, ökologische Abwassersysteme und vieles mehr wird dort einen festen Platz bekommen. Dazu kommen 48 Hotelzimmer - «zu unseren Gästen gehören heute Politikerinnen und Manager, die erwarten das», sagt Tanya Hawkes. Selbstverständlich wird das WISE aus ökologischen Materialien gebaut, aus Holz, gestampfter Erde, Glas und dem absoluten Minimum an Beton. Für Wärme sorgt eine Holzschnitzelheizung. «Ein Student schreibt seine Abschlussarbeit über den Bau des WISE - es wird also sehr genau beobachtet», erzählt Arthur Girling.

Eigentlich hat sich der Traum der CAT-PionierInnen erfüllt: Plötzlich reden alle von erneuerbaren Energien, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit. Auch in Britannien ist das Thema Klima in allen Medien - wochenlange Regenfälle haben Mitte Juli halb Mittelengland unter Wasser gesetzt. «Wir leben in interessanten Zeiten, nicht?», sagt Tanya Hawkes lachend. «Vor einem Jahr haben wir dürreresistente Gemüsesamen verteilt, und jetzt ...» Wir gehen am CAT-Shop vorbei, wo es eine Unmenge von Büchern, aber auch Solarbastelsets und Biogartenzubehör zu kaufen gibt. Dahinter türmt sich noch überall der Schieferschutt und erinnert an den einstigen Steinbruch. Doch weiter unten liegen weitere Gärten. Zwei lang gezogene Holzhäuser verschwinden fast unter ihren grasbewachsenen Erddächern. In diesen Häusern, die je achtzehn Personen Platz bieten, lassen sich ganz besondere Ferien machen: Das Wasser kommt von der Quelle, das Abwasser in den Klärteich, ein Windrad und Solarzellen liefern Strom. «Es gibt also nicht unbegrenzte Mengen Wasser. Und ohne Sonne und Wind keinen Strom», erklärt Tanya Hawkes. «Wir ermutigen die Feriengäste, damit auszukommen. Das ist etwas völlig Ungewohntes, mit dem sich die meisten noch nie auseinandersetzen mussten. Aber sie werden bald müssen. Wir alle werden bald müssen.»

Auf den ersten Blick ist das CAT einfach wunderschön. Nach einem Einblick in die engagierte Arbeit hinter den Kulissen beeindruckt es noch mehr. Da und dort bleiben auch Fragen: Ist «alternative Technologie» per se gut, egal, zu welchem Zweck sie verwendet wird - ist es wirklich sinnvoll, Ölbohrplattformen mit Solarzellen auszurüsten, wie das CAT es getan hat? Und ist die Rettung des Klimas wirklich möglich - wie es «ZeroCarbonBritain» propagiert - , ohne an den Fundamenten der marktorientierten Ökonomie zu rütteln? Es gäbe noch viel zu diskutieren, aber Arthur Girling und Tanya Hawkes müssen weiter, zum nächsten Termin. Auch im Paradies haben die Menschen nicht ewig Zeit.

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