Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Fünf Jahre stand die Hoffnung leer

In der andalusischen Hauptstadt lassen sich viele die Zwangsräumungen nicht mehr gefallen. Und so beziehen ganze Familien – meist angeführt von den Frauen – leer stehende Häuser.

Von Dorothea Wuhrer, Sevilla

«Ältere Frauen, die Häuser besetzen – das ist das neue Markenzeichen Spaniens», sagt Manoli Cortés und lacht. Die 66-jährige Rentnerin sitzt am Wohnzimmertisch ihrer Dreizimmerwohnung, in der sie seit Mai vergangenen Jahres lebt. Durch die offene Balkontür dringt Autolärm: Der Wohnblock, den sich Cortés mit achtzig Erwachsenen und vierzig Kindern teilt, liegt an der Ronda Norte, dem sechsspurigen nördlichen Stadtring von Sevilla, knapp drei Kilometer von der Altstadt entfernt. Vom Charme der andalusischen Hauptstadt ist hier nicht viel zu spüren, ein Hochhaus reiht sich an das andere, bewohnt vor allem von ArbeiterInnen und MigrantInnen. Im Viertel Polígono Norte sind gut vierzig Prozent der Erwerbstätigen arbeitslos, es ist eines der Quartiere von Sevilla, wo am meisten Familien aus ihren Wohnungen vertrieben werden.

Auch Manoli Cortés drohte eine Zwangsräumung. Deswegen lebt sie jetzt in der Corrala La Utopía, dem grössten der derzeit acht besetzten Häuser in Sevilla. Sie empfängt ihren Besuch im Wohnzimmer mit seinem grossen Tisch, dem Sofa, der Schrankwand und den Bildern an den Wänden. Früher waren Corralas (Höfe) Häuser mit mehreren Wohneinheiten, deren BewohnerInnen sich den Innenhof, Küchen und Badezimmer teilten, also eine Gemeinschaft bildeten. Diese Struktur ist nun wieder vorhanden: Plötzlich steht Cortés’ Nachbarin Carmen Ferrer im Wohnzimmer und fragt nach einer Kopfschmerztablette. «Die Wohnungstüren stehen offen, jeder hilft jedem», sagt Manoli Cortés.

Rund 150 Familien, die alle auf die Strasse gesetzt wurden, weil sie ihre Miete oder die Hypothek nicht mehr bezahlen konnten, haben sich in den letzten neun Monaten in Sevilla selbstständig in neun Corralas umquartiert. Sie tragen Namen wie «Utopie», «Freiheit», «Hoffnung» oder «Freude».

Einstieg übers Dach

Das sind schöne Bezeichnungen, allerdings für ein unschönes Wohnen: Es gibt hier weder Strom noch Wasser. Den Strom hat die Stadtverwaltung den 36 Familien kurz nach der Besetzung abgestellt. Anfang Oktober boten diese dann dem Rathaus an, eine ihren Einkünften angemessene Miete sowie für Strom und Wasser zu zahlen. Das hätten sie allerdings besser bleiben lassen: Nur drei Tage später schickte der Bürgermeister Juan Ignacio Zoido, er ist auch Vorsitzender der rechtskonservativen Volkspartei PP in Andalusien, die Polizei und Arbeiter der städtischen Versorgungsgesellschaft Emasesa vorbei. Sie rissen die Strasse auf, kappten die Wasserleitung und schütteten Zement in die Rohre. Dafür bauten sie hinter dem Haus einen Brunnen.

Von dort kommt Cortés’ Sohn Raúl mit vier Fünfliterkanistern Wasser, die er gerade in den zweiten Stock geschleppt hat. Strom erzeugen die Cortés mithilfe eines kleinen Generators. Als Raúl ihn anstellt, stinkt sofort die ganze Wohnung, ein Gespräch ist wegen des Lärms fast unmöglich. Trotzdem ist Manoli Cortés, die mit ihren beiden arbeitslosen Söhnen von 431 Euro Rente lebt, optimistisch. «Seit ich hier wohne, schlafe ich wieder ruhig», sagt sie. «Ich weiss, dass ich das Richtige tue. In letzter Zeit steht oft die Polizei nachts vor dem Gebäude, aber die machen mir keine Angst. Ich bin schon ganz unten angekommen.»

Jahrelang war Manoli Cortés von ihrem Mann misshandelt worden. Als sie sich endlich scheiden liess, kaufte sie eine kleine Wohnung. Anfangs konnte sie die Hypothek noch bedienen, doch dann stiegen die Zinsen; ausserdem verlor sie ihre Stelle als Putzfrau. Ein Jahr lang bat sie die Sozialämter um Hilfe, vergebens. Als dann der Räumungsbescheid eintraf, wandte sie sich an die Wohnrauminformationsstelle der Bewegung 15M, benannt nach den ersten landesweiten Protesten vom 15. Mai 2011. Zunächst habe sie nicht glauben wollen, dass «diese Hippies» ihr helfen können, sagt sie. «Doch die waren die Einzigen, die uns unterstützt haben.»

Einer dieser «Hippies» von 15M ist Juanjo García. In seiner Gruppe, so schätzt er, arbeiten rund 200 Leute mit. Die Wohnrauminitiative ist derzeit die grösste Gruppe der Empörten von 15M – einfach deswegen, weil das Wohnungsproblem gross und praktische Hilfe nötig ist. Allein 2012 waren in der Provinz Sevilla fast 1700 Familien von Zwangsräumungen betroffen.

García erzählt auch, wie die Besetzungen ablaufen. Zuerst suche man ein passendes Objekt – wenn möglich ein Gebäude mit mehreren Wohneinheiten, das seit Jahren leer steht und einer Bank gehört. Sodann würden die künftigen BewohnerInnen vorbereitet: «Das sind ganz normale Familien, die nie auf die Idee gekommen wären, gegen den Staat zu rebellieren und ein Haus zu besetzen», sagt er. «Da braucht es auch psychologische Unterstützung.» Jeweils drei bis vier Monate lang treffen sich die Familien (zumeist auf öffentlichen Plätzen, ein Büro hat die Bewegung nicht), um sich kennenzulernen und mit PsychologInnen die Besetzung zu planen. Und dann wird gehandelt.

Im Falle der Corrala La Utopía kletterten SympathisantInnen der Empörten über die Balkons auf das fünf Etagen hohe Gebäude und stiegen durchs Dach ins Innere. Die nächsten zwei Tage verbrachten die BesetzerInnen dann hinter geschlossenen Rollläden; denn nur während der ersten 48 Stunden darf die Polizei ohne richterlichen Befehl räumen. Dann machten sie die Besetzung publik – mit Transparenten an den Fenstern und der Aufschaltung ihres Blogs.

Technikkurse und Konzerte

Es sind vor allem Frauen, die sich wehren. Vanesa Arias zum Beispiel lässt sich schon lange nichts mehr gefallen. Bis Anfang 2012 lebte die 33-Jährige mit ihren drei kleinen Kindern und ihrem Mann in einer Sozialwohnung. Doch dann änderte sich alles: Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Emvisesa erhöhte auf Geheiss des PP-Bürgermeisters die Miete von 260 auf 380 und schliesslich auf 480 Euro (um die leere Stadtkasse zu füllen), das Pflegegeld für den siebenjährigen Yeray (der unter dem Downsyndrom leidet und Glasknochen hat) blieb aus, und schliesslich ging auch noch die Reinigungsfirma, für die die Eheleute arbeiteten, pleite. Die Familie konnte die Miete nicht mehr bezahlen und wurde auf die Strasse gesetzt.

Geholfen hat ihr damals der Tipp eines Kunden des Obstladens, in dem Vanesa Arias stundenweise arbeitete. Der gab ihr den Rat, zu 15M zu gehen. «Dafür bin ich ihm heute noch dankbar, jetzt haben wir zumindest ein Dach über dem Kopf», sagt sie. Wie viel die Familie zu essen hat, hängt davon ab, wie erfolgreich ihr Mann ist, der täglich Schrott sammelt und verkauft. «Manchmal bringt er abends fünf, manchmal auch zehn Euro heim», sagt die energische Frau, die nach der Wassersperre mit NachbarInnen und ihren Kindern vor das Rathaus zog und dort – bestaunt von TouristInnen – im Freien ihre Wäsche wusch.

Wie alle BewohnerInnen gehört auch Arias einer der Kommissionen an, die das Wohnprojekt verwalten: Sie kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit. «Anfangs war ich sehr nervös», sagt Arias, inzwischen aber hat sie sich erkennbar an Interviews gewöhnt. Andere NachbarInnen arbeiten in Kommissionen, die interne Konflikte lösen, Lebensmittel- und Sachspenden verwalten oder Reparaturen vornehmen. Einmal in der Woche treffen sich alle zur Vollversammlung, und ab und zu veranstalten sie Kinovorführungen, Konzerte, Volksküchen und Informationsabende. Auch ein Technikkurs sollte in der Corrala stattfinden, doch die Stadtverwaltung drohte dem Kursleiter von der Universität Pablo de Olavide. Jetzt findet der Kurs auf dem dreizehn Kilometer entfernten Universitätsgelände statt. Immerhin: Die Hochschule zahlt den TeilnehmerInnen aus der Corrala das Busticket.

Absturz ins Bodenlose

Auch in der Corrala La Ilusión im Altstadtkern von Sevilla teilen sich die achtzehn Familien alle Aufgaben. Für die Presse sind hier der 61-jährige Juan Gómez und seine Frau Mari-Carmen Espino zuständig. Gómez hat gute Laune. Gestern hat er, der sich und seine Familie mit dem Tür-zu-Tür-Verkauf von Keksen und alten Büchern über Wasser hält, 25 Euro eingenommen. «Das war ein guter Tag», sagt er.

Fünf Jahre stand das Gebäude leer, das seit der Besetzung den Namen «La Ilusión» (Hoffnung) trägt. Vom gemeinsamen Innenhof geht es in die Dreizimmerwohnung, in der das Ehepaar Gómez-Espino mit seinen zwei Töchtern lebt: Marmorfussboden, grosse Fenster, Dachterrasse, schönes Badezimmer. «480 000 Euro wollte der Bauherr ursprünglich dafür haben», sagt Juan Gómez. Zur Zeit des Immobilienbooms hätte er die achtzig Quadratmeter vermutlich für diesen Preis verkaufen können, doch dann platzte die Blase.

Vierzig Jahre lang hatte Juan Gómez in die Sozialversicherung eingezahlt, neun Jahre lang war Mari-Carmen Espino für eine Immobilienfirma tätig. Sie war, sagt sie selber, also «eine derer, die diesen ganzen Mist mit aufgebaut haben und jetzt in der Scheisse sitzen». Von Immobilien will sie heute nichts mehr hören. Als die Firma vor rund einem Jahr in Konkurs ging, kam heraus, dass sie weder Lohnsteuer noch Sozialversicherungsbeiträge entrichtet hatte; damit hatte Mari-Carmen Espino keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.

Und so stürzte die Familie, die sich vor fünf Jahren noch zur spanischen Mittelschicht zählte, innerhalb kürzester Zeit ins Bodenlose. «Nie im Leben hätte ich geglaubt, dass es so weit kommen kann», sagt Gómez heute, gegen den derzeit ein Verfahren wegen Landfriedensbruch läuft.

Auch Vanesa Márquez ist tief gefallen. «Gestern habe ich erfahren, dass mich das Sozialamt von der Liste der Wohnungssuchenden gestrichen hat», sagt die 29-Jährige, die als Haushaltshilfe fünfzehn Euro am Tag verdient. «Begründung des Amts: Ich hätte ja jetzt eine Wohnung.» Eine Frau vom Roten Kreuz habe sie als Besetzerin erkannt und die Information an das Sozialamt weitergegeben. Márquez lebt mit ihrem Mann, einem arbeitslosen Koch, und ihren beiden kleinen Kindern in La Ilusión. Ihre Unterkunft ist spärlich möbliert. Der Esstisch, das Sofa, die drei Klappstühle im Wohnzimmer haben Bekannte und vor allem ihre neuen NachbarInnen spendiert.

Hilfe vom Hotelier

La Ilusión liegt in dem früheren ArbeiterInnenviertel um den Platz Alameda de Hércules. Das Quartier ist in den vergangenen Jahren zwar schicker und teurer geworden, dennoch leben hier auch Leute, die wissen, was es heisst, nichts zu haben. «Wir suchen die Häuser auch nach der sozialen Zusammensetzung des Viertels aus», erläutert Juanjo García von 15M. «Besetzungen in einem reichen Umfeld haben keinen Sinn. Die BesetzerInnen brauchen jede Unterstützung, und die kriegen sie nur, wenn die Nachbarn verstehen, was sie durchmachen.»

Die BewohnerInnen von La Ilusión haben vor allem mit ihrem direkten Nachbarn Glück. Einmal pro Woche können sie im gegenüberliegenden Aparthotel Patio de la Cartuja duschen und ihre Handys aufladen. Als kurz nach der Besetzung Polizisten behaupteten, sie seien mit Steinen und Flaschen beworfen worden, belegte der Hoteldirektor mit Videoaufnahmen, dass die Polizei log.

Trotz dieser Unterstützung ist die Zukunft ungewiss. Im vergangenen Sommer wurden die fünf Wohnungen der Corrala Alegría nach nur drei Wochen Besetzung geräumt. In der vorletzten Woche liess der Herzog von Solis, dem in Sevilla mehrere Gebäude gehören, die fünf Familien der Corrala Conde-Quintana bei strömendem Regen auf die Strasse setzen. Die Corrala Libertad hingegen, in der sieben Familien leben, konnte sich mit der Besitzerin des Hauses auf einen um fünf Jahre verlängerbaren Mietvertrag (Monatsmiete: 600 Euro) einigen und firmiert jetzt als Genossenschaft. Und im Falle der beiden Corralas La Utopía und La Ilusión verhandeln derzeit AnwältInnen von 15M und BesetzerInnen mit den Behörden und den EigentümerInnen.

Mehr als eine Notlösung

Sollte es zu keiner Einigung – und im schlimmsten Fall zur Räumung – kommen, wollen die Familien andere Gebäude besetzen. Darin sind sich alle einig. Für sie ist nach Monaten des Zusammenlebens eine Besetzung mehr als eine Notlösung. «In meiner alten Wohnung kannte ich fast keinen der Nachbarn», sagt Juan Gómez von La Ilusión. «Hier hingegen sind wir eine Gemeinschaft: Alle Türen stehen offen. Und wenn ich was zu essen habe, teile ich es mit den anderen, so wie das alle tun.» Und Juanjo García von 15M freut sich darüber, dass «die Besetzer, denen es vorher vor allem um das Wohl ihrer eigenen Familien ging, jetzt auch politische Lösungen fordern».

Die Not in Zahlen

400 000 obdachlose Familien

In der südspanischen Region Andalusien (die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 36 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 62 Prozent) ist die Wohnungsnot besonders gross. Zwischen den Jahren 2007 und 2012 verloren 77 500 andalusische Familien ihr Obdach, in ganz Spanien waren es schätzungsweise 400 000. Dabei stehen allein in der Provinz Sevilla rund 125 000 Wohnungen leer.

Die vielen Zwangsräumungen treffen die Menschen hart: Der grösste Teil der (noch) Erwerbstätigen verdient durchschnittlich 1100 Euro netto im Monat, Arbeitslosengeld wird für maximal zwei Jahre gewährt, Wohngeld oder Sozialhilfe gibt es nicht, die Kinderzulage liegt bei maximal 400 Euro monatlich.

Die Plattform für Hypothekengeschädigte PAH schätzt, dass derzeit über ein Drittel aller Selbstmorde mit Wohnungsverlust und Zwangsräumungen in Zusammenhang stehen.

Die PAH hat deshalb in den letzten Monaten rund 1,4 Millionen Unterschriften gesammelt und fordert, dass erstens mit der Rückgabe einer Wohnung auch alle damit zusammenhängenden Schulden getilgt sind und zweitens die insgesamt rund sechs Millionen leer stehenden Wohneinheiten zu bezahlbaren Mietwohnungen umgewidmet werden.

Das Parlament hat das Begehren zur Beratung angenommen; eine Verabschiedung ist jedoch äusserst unwahrscheinlich: Von insgesamt 66 vergleichbaren Initiativen wurde in den letzten dreissig Jahren nur eine einzige gutgeheissen.

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