Nr. 48/2007 vom 29.11.2007

Sind Sie Alibiausländer?

«Hätte es damals die heutigen Asylgesetze gegeben, wäre ich jetzt nicht Nationalrat.»

Interview: Dinu GautierMail an AutorIn

WOZ: Als erster Nationalrat schwarzafrikanischer Herkunft geniessen Sie derzeit ein grosses 
Medieninteresse. Freuen Sie sich darüber, oder stört Sie die Fokussierung auf Ihre Hautfarbe?
Ricardo Lumengo: Einerseits freue ich mich darüber, dass endlich ein Dunkelhäutiger im Parlament sitzt. Wichtig ist, was meine Wahl symbolisiert. Es zeigt, dass hierzulande viele Menschen Ausgrenzung ablehnen und für eine offene und tolerante Schweiz eintreten. Andererseits besteht die Gefahr, dass gewisse PolitikerInnen bei weiteren Verschärfungen in der Ausländerpolitik sagen könnten: «Wir sind nicht gegen Ausländer, im Bundeshaus pflegen wir sogar Kontakt mit einem Schwarzen.» Ich will nicht als Alibi dienen. Das wäre mir unangenehm.

Die schweizerische Asyl- und Ausländerpolitik hat in Ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt.
Das ist richtig. In Angola herrschte Krieg, und als aktives Mitglied einer kommunistischen Jungpartei war ich auch persönlich bedroht. 1982 kam ich in die Schweiz, wo ich ein Asylgesuch stellte. Einen positiven Asylentscheid bekam ich aber nie. Die Verwaltung war angesichts einer grossen Zahl von Asylgesuchen überfordert. Die Dossiers blieben lange Zeit liegen.

Wie sind Sie über die Runden gekommen?
Glücklicherweise durfte man als Asylbewerber in der Schweiz damals noch arbeiten. So war meine Integration 
zu dieser Zeit einfacher, als sie es heute wäre. Hätte es damals bereits die heutigen Gesetze gegeben, wäre ich jetzt nicht Nationalrat. Aber auch damals war die Situation nicht einfach. Ich arbeitete unter schwierigen Bedingungen auf Baustellen, in Fabriken, in der Hotellerie und im Gastgewerbe. In Angola war ich Student gewesen, in der Schweiz plötzlich Arbeiter. Dennoch war diese Zeit eine gute Erfahrung. Später bekam ich im Rahmen einer Globallösung eine Aufenthaltsbewilligung. Heute arbeite ich unter anderem 
als Jurist für einen Integrationsverein in Biel. Ich biete Rechtsberatung für MigrantInnen an, was ich sehr gerne mache. Dabei habe ich mit dem Ausländergesetz und mit allen erdenklichen juristischen Themengebieten zu tun.

Dieses praktische Wissen könnte ein Vorteil im Parlament sein.
Ja, ich spreche schliesslich aus Erfahrung, wenn es um das Leben als Ausländer in der Schweiz und um das Ausländerrecht geht. Da bin ich nicht «nur» Politiker, Beobachter oder Theoretiker, sondern jemand, der selber einen Integrationsprozess erlebt hat. Ich werde versuchen, diesen Vorteil im Parlament zu nutzen.

Dort sind Sie aber in der Minderheit, gerade in diesem Punkt.
Es ist mir wichtig, klare Ziele und Überzeugungen zu haben und mich konsequent dafür einzusetzen. Alles, was 
ich politisch mache, hat die soziale Gerechtigkeit zum Wohle der Bevölkerung in der Schweiz zum Ziel. Manchmal findet man damit auch bei politischen Gegnern Unterstützung. Und Niederlagen werden mich nicht entmutigen.

Die Bieler Freiheitspartei hat Sie in den letzten Monaten mehrmals 
mit rassistischen Äusserungen angegriffen. Dadurch waren Sie in den Medien sehr präsent. Haben Sie sich bei der Freiheitspartei bereits für 
die Unterstützung im Wahlkampf bedankt?
Ich bedanke mich bei der Berner Bevölkerung. Sie hat mich gewählt. Die Freiheitspartei betreibt keine sachliche Politik. Sie beschränkt sich auf persönliche Attacken gegenüber Einzelpersonen. Das Stimmvolk hat dieses Verhalten sanktioniert, deshalb spielt die Freiheitspartei heute auf nationaler Ebene keine Rolle mehr.

Rechnen Sie mit ähnlichen Attacken auf Ihre Person im Nationalrat?
Nein. Am Besuchstag für angehende Nationalräte und Nationalrätinnen letzte Woche im Bundeshaus hatte ich ein gutes Gefühl. Die von der SVP und ich begegneten uns mit gegenseitigem Interesse und in respektvoller Art und Weise.

Nächsten Montag beginnt Ihre erste Session.
Bis dann wird auch endlich klar sein, in welcher Kommission ich sitzen werde. Ich interessiere mich für die Rechtskommission, die aussenpolitische Kommission und die Wissenschaft, Bildung und Kultur. Im Moment wälze ich mich durch die verschiedenen Dossiers und bin gespannt, was da auf mich zukommt.

Ricardo Lumengo (45) ist SP-Nationalrat und Jurist aus Biel. Er hat zwei Kinder und spricht acht Sprachen.

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