Nr. 25/2008 vom 19.06.2008

Dann war die Spionin weg …

Was eine Attac-Buchautorin über eine Spionin sagt, wie die Securitas den Fall herunterzuspielen versucht und was der Sicherheitschef von Nestlé unter Prävention versteht.

Von Dinu Gautier

Auf der einen Seite war da eine kleine Gruppe aus dem Waadtland. Sie gehörte zum globalisierungskritischen Netz Attac und setzte sich im Herbst 2003 das Ziel, die weltweiten Machenschaften von Nestlé zu recherchieren. Ein kleines Buch mit dem Titel «Nestlé – Anatomie eines Weltkonzerns» erschien dann ein Jahr später.

Auf der anderen Seite stand der Konzern selbst, der grösste Nahrungsmittelmulti der Welt. Nestlé beauftragte die Securitas, die grösste Schweizer Sicherheitsfirma, die Attac-AutorInnen zu bespitzeln. Eine junge Frau mit dem Decknamen Sara Meylan arbeitete daraufhin ein Jahr lang am Buch mit und belieferte gleichzeitig Nestlé mit Informationen. Im Sommer 2004 verschwand sie spurlos. Dies enthüllte letzte Woche der Journalist Jean-Philippe Ceppi in der Sendung «Temps présent» des Westschweizer Fernsehens.

Eine der von Sara Meylan bespitzelten AutorInnen ist Janick Schaufelbuehl. Die 34-jährige Historikerin forscht heute an der Universität Lausanne und ist nicht mehr bei Attac aktiv.


WOZ: Wie gelang es Sara Meylan, der AutorInnengruppe beizutreten?
Janick Schaufelbuehl: Ganz einfach: Sie hat sich bei uns vorgestellt und gesagt, sie sei kaufmännische Angestellte bei einer Versicherung, das Thema «Nestlé» interessiere sie, und sie würde sehr gerne beim Projekt mitmachen. Attac ist offen gegenüber Personen, die sich engagieren wollen. Daher haben wir nie einen Verdacht geschöpft.

Was hat sie dann beigesteuert?
Sie war zurückhaltend, hat schüchtern gewirkt und wenig gesagt. Sie wollte ein Kapitel zum Thema «Nestlé und Kaffee» schreiben. Der Text, den wir von ihr erhalten haben, war aber derart katastrophal, dass wir das Kapitel vollständig neu schreiben mussten. Heute frage ich mich, wer diesen Text wirklich geschrieben hat. Vielleicht war es ja eine Kollektivarbeit von Nestlé und Securitas.

Von der Bespitzelung habt ihr dann erst vom Journalisten Jean-Philippe Ceppi erfahren?
Ja, es war schockierend. Unsere Treffen fanden im Privatbereich statt, manchmal bei jemandem zu Hause, inklusive Nachtessen und Diskussionen. Sie hatte Zugang zu unserem gesamten E-Mail-Verkehr und damit auch zum Austausch mit Kontakten im Ausland, etwa zu einer französischen Organisation, die damals einen Prozess gegen Nestlé vorbereitete. Dann, im Sommer 2004, verschwand sie, ihre E-Mail-Adresse und ihre Handynummer funktionierten nicht mehr. Bis heute ist sie nicht wieder aufgetaucht.

Die Polizei wusste auch davon?
Die Waadtländer Kantonspolizei hat offenbar auch die über uns angelegten Akten und Protokolle erhalten. Das sagt jedenfalls der Journalist, Herr Ceppi.

Haben Sie diese Protokolle gesehen?
Ceppi hat die Akten, will sie uns aber nicht geben, um seine Quelle zu schützen. Er hat mir aber ein Protokoll gezeigt, das sehr detailliert war. Wir gehen davon aus, dass Sara Meylan unsere Sitzungen aufgezeichnet hat, denn Notizen hat sie nie gemacht.

Und nun, was tun Sie?
Wir klagen gegen Sara Meylan, Securitas und Nestlé wegen Verletzung unserer Privatsphäre und zeigen die Verantwortlichen zudem wegen Verstosses gegen das Datenschutzgesetz an. Uns ist aber klar, dass wir es hier mit einem internationalen Phänomen zu tun haben. In Amerika hat es ja einen Fall gegeben, wo Greenpeace im Auftrag von multinationalen Konzernen infiltriert wurde, auch durch eine private Sicherheitsfirma. Und im Moment ist in Frankreich ein Fall hängig, wo ein Politiker offenbar durch eine private Sicherheitsfirma ausspioniert wurde. Es ist extrem wichtig, die Rolle der riesigen privaten Sicherheitsfirmen genauer unter die Lupe zu nehmen, gerade auch wenn man bedenkt, dass sich dieselben Firmen an kriegerischen Handlungen im Irak und anderswo beteiligen.


Auftraggeberin von Sara Meylan war die Securitas beziehungsweise deren Abteilung Investigation Services (IS). Bis vor kurzem war die IS eine gemeinsame Dienstleistung der Securitas und der Custodio AG, die sich auch um Sicherheitsaufgaben am Flughafen Kloten kümmert. Seit Anfang Mai ist nun statt der Custodio AG die Crime Investigation Services AG (CIS) für die «Investigations» zuständig. Im Handelsregister gibt sich die CIS denn auch recht offen, was ihren Zweck angeht: «Überwachungen und Nachforschungen jeglicher Art», steht da geschrieben.

Verwaltungsrat sowohl von Custodio wie auch von CIS ist Reto Casutt, hauptberuflich Generalsekretär der Securitas. «Wir sind normalerweise im Bereich Versicherungsbetrug und Hooliganismus aktiv», sagt er. «Gemeinden beauftragen die IS beispielsweise, IV-Missbräuche aufzudecken.» Man beobachte dann etwa, dass IV-BezügerInnen einen Vita-Parcours absolvierten. Oder man fange Hooligans im Vorfeld von Fussballmeisterschaftsspielen im Umfeld der Stadien ab.

Casutt betont, dass die Dienstleistung «im Rahmen des G8-Gipfels am Genfersee» aussergewöhnlich gewesen sei, da es sich damals auch um eine aussergewöhnliche Gefahrensituation gehandelt habe. «Vorher und nachher hat es keine Infiltrationen von Gruppen gegeben», sagt Casutt. Die Frau mit dem Decknamen Sara Meylan habe man im Sommer 2003 lediglich ins Camp der GlobalisierungsgegnerInnen bei Lausanne geschickt, um herauszufinden, welche Umzugsrouten die DemonstrantInnen geplant hätten. Nur: Die Arbeiten zum Nestlé-Buch haben erst nach dem G8-Gipfel begonnen. Casutt kann oder will nicht erklären, was dies denn mit Demonstrationsrouten zu tun hat.

Wie erklärt sich Schaufelbuehl, dass die mächtige Nestlé so grosse Angst vor dem Buch hatte? Man dürfe nicht vergessen, dass Nestlé schon einmal eine grosse Affäre zu bewältigen hatte, den Babymilchpulver-Skandal in den Siebzigerjahren, sagt die Historikerin. «Das könnte Nestlé dazu veranlasst haben, besonders sensibel auf möglicherweise bevorstehende Imageschäden zu reagieren.» Und man stelle sich natürlich die Frage, was der Konzern zu verbergen habe, wenn er sich so vor einer wissenschaftlichen Recherchearbeit fürchtet.

Ob die Verantwortlichen bei Nestlé Schaufelbuehls Einschätzung teilen? «Kein Kommentar», heisst es bei der Pressestelle. Das einzige Statement von Nestlé im Zusammenhang mit der ganzen Affäre gibt es schriftlich. Es hält fest, Nestlé halte sich ans Gesetz und gebe «aus offensichtlichen Gründen», keine Informationen zu Sicherheitsvorkehrungen preis. Zumindest Hinweise zur Nestlé-Sicherheitskultur liefert dafür John Hedley, der zur Zeit der Attac-Infiltration Head of Security von Nestlé war. Er schreibt auf einer Website für Führungskräfte im Sicherheitsbereich: «Sicherheitsarbeit wird beurteilt anhand ihres Beitrages zur Rendite der Gruppe», sagt Hedley und greift zur Veranschaulichung zum Thema Prävention: «Die Fähigkeit, die Anzahl unvorhergesehener Ereignisse zu verringern, ist ein wertvoller Faktor.» Wenn er dazu in der Lage sei, dann sei ihm die Aufmerksamkeit der Geschäftsleitung sicher. «Wenn man denen erzählen kann, dass man ein zukünftiges Problem vorbeugend hat lösen können, und dass das Problem, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, so und so viel gekostet hätte, dann ist das eine sehr gute Geschichte.» Und er weist gleich selber daraufhin, welche Art von Problemen ins Geld gehen können: «Es ist ein sehr überzeugendes Argument, dass Marke und Image mehr wert sind als physische Vermögenswerte.»


WOZ: Zu welchem Schluss kommt das Nestlé-Buch?
Janick Schaufelbuehl: Dass Nestlé in vielen Ländern weltweit in sehr problematische Fälle verstrickt ist, sei es als Arbeitgeber oder sei es durch die Beteiligung an der Privatisierung von Wasser. Und dass sich Nestlé immer damit rechtfertigt, dass diese Filialen autonom arbeiteten, dass Nestlé in Vevey also nicht direkt verantwortlich sei für diese Situation. Heute stellt sich mehr denn je die Frage, wie Nestlé in Ländern handelt, wo ihr Handlungsspielraum noch viel grösser ist als hier in der Schweiz: in Ländern wie Kolumbien, wo Gewerkschafter regelmässig von Paramilitärs umgebracht werden und es um die Arbeitsbedingungen und die Meinungsäusserungsfreiheit sehr schlecht steht.


Beim Hauptsitz von Nestlé in Vevey würde man jetzt gerne fragen, was denn nun dem Image von Nestlé mehr geschadet hat: Das Buch, das vor dem Skandal etwa tausendmal über den Ladentisch ging, oder «Nestlégate», wie die Affäre in der Westschweizer Presse bereits genannt wird. Aber – wie erwähnt – in Vevey wird keine Auskunft erteilt. Dafür heisst es bei Attac, dass sich das Buch derzeit bestens verkaufe.

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