Nr. 08/2009 vom 19.02.2009

Morddrohungen auf der Toilette

Auch letztes Jahr sind wieder mehrere Dutzende GewerkschafterInnen umgebracht worden. Daneben wird gezielt überwacht und eingeschüchtert. Etwa in der Nestlé-Fabrik von Bugalagrande.

Von Daniel Stern

Der 41-jährige Freddy Sepulveda arbeitet in der Nestlé-Fabrik von Bugalagrande in Kolumbien. Der Mechaniker wartet die Maschinen, die der Herstellung von Suppen, Schokolade, Babymilch und Nescafé dienen. Doch Sepulveda ist auch Leitungsmitglied der Gewerkschaft Sinaltrainal. In dieser Funktion kam er Ende Januar in die Schweiz.

Wer sich in Kolumbien für die Rechte der Beschäftigten einsetzt, lebt gefährlich. Gemäss Amnesty International sind dort in den letzten zwanzig Jahren 2000 GewerkschafterInnen ermordet worden. In neunzig Prozent der Fälle seien die Schuldigen nie vor Gericht gestellt worden. Sepulveda ist am Forum «Das andere Davos» der globalisierungskritischen Organisation Attac aufgetreten, hat mit Schweizer GewerkschafterInnen gesprochen, VertreterInnen von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen und JournalistInnen getroffen. Seine wichtigste Botschaft: Die gewerkschaftlich organisierten Nestlé-Beschäftigten in Kolumbien werden bedroht. So sind im August 2008 Morddrohungen an die Toilettenwände in der Fabrik von Bugalagrande gesprayt worden. «Bald sterben Gewerkschafter. Gewerkschaften raus. Aguilas Negras.»

Die Aguilas Negras - die Schwarzen Adler - sind eine paramilitärische Organisation. Sie sind stark im Drogengeschäft aktiv und verüben Auftragsmorde. Von der Gewerkschaft Sinaltrainal sind seit ihrer Gründung vor 25 Jahren bereits 22 Mitglieder ermordet worden. Einer von ihnen war Luciano Enrique Romero. Seine Leiche wurde im September 2005 gefunden - gefesselt, mit Folterspuren und vierzig Messerstichen übersät.

Romero hätte im Oktober 2005 in die Schweiz reisen sollen. Geplant war, dass er an einer öffentlichen Anhörung von Attac und der Organisation Multiwatch teilnähme, um über Nestlés Praktiken in Kolumbien zu berichten. Romero hatte der Firma vorgeworfen, sie hätte längst abgelaufenes Milchpulver verwendet und umetikettiert. Er war zusammen mit neun Kollegen von Nestlé 2002 wegen der Teilnahme an einer Protestversammlung gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen entlassen worden. Nestlé behauptet dagegen, die ArbeiterInnen hätten an einem «illegalen Streik» teilgenommen. «Wir können nicht sagen, dass es eine direkte Verantwortung Nestlés an der Ermordung von Romero gibt. Aber sie haben sicher davon profitiert», sagt Sepulveda. Nestlé hatte Attac ab 2003 während mehrerer Jahre durch verdeckt operierende MitarbeiterInnen der Sicherheitsfirma Securitas ausspionieren lassen. Die Spitzel waren unter anderem an Informationen über die Zusammenarbeit von Attac mit Sinaltrainal interessiert (siehe WOZ Nr. 35/08).

Bandenchef ausgeliefert

Für den Mord an Romero sind in Kolumbien inzwischen zwei Paramilitärs verurteilt worden. Sie sollen mit Rodrigo Tovar Pupo alias Jorge 40 in Verbindung gestanden haben, einem Führer der paramilitärischen Dachorganisation AUC. Pupo hatte sich 2006 den Behörden gestellt. Auf seinem Notebook, das den Behörden vorliegt, sind Informationen über 550 Morde dokumentiert. Die Gewerkschaft Sinaltrainal vermutet, dass Pupo Aussagen hätte machen können, in welchem Auftrag die AUC GewerkschafterInnen ermordet hatte. Doch inzwischen ist Pupo zusammen mit zwölf seiner Gesinnungsgenossen von den kolumbianischen Behörden in die USA ausgeliefert worden. Dort wird ihm der Prozess wegen Drogenhandels gemacht. Ermittlungen über die Hintergründe der Morde an den GewerkschafterInnen werden so stark behindert, kritisieren Menschenrechtsorganisationen.

Sepulveda sagt, er mache seine gewerkschaftliche Arbeit aus einem Pflichtgefühl heraus. «Ich und meine Familie sind uns der Gefahren bewusst. Aber Angst habe ich keine.» 2006 hat ein privater bewaffneter Sicherheitsmann, der im Auftrag von Nestlé arbeitete, seine Mutter über ihn und über seine gewerkschaftlichen Aktivitäten ausgefragt. «Ausserdem hat er auf seinem Motorrad viele Gewerkschafter bis nach Hause verfolgt.» Nestlé spitzelt offenbar auch in Kolumbien. Sinaltrainal konfrontierte das kolumbianische Nestlé-Management mit Berichten über die Schnüffeleien des Sicherheitsmannes. Daraufhin wurde er ersetzt. Später fanden die GewerkschafterInnen jedoch heraus, dass Nestlé auch versteckte Kameras auf dem Fabrikareal installiert hatte. Just zu dem Zeitpunkt, als sie bei der Firmenleitung dagegen protestierten, tauchten laut Sepulveda die Drohungen auf den Toiletten auf.

Allgemeinplätze aus Vevey

Beim Nestlé-Hauptsitz verneint man, dass die Beschäftigten mit Videokameras überwacht würden. «Die Kameras sind nur zur Sicherheit der Beschäftigten und der Einrichtungen da», hält man in einem Brief an Multiwatch fest. Die Beschäftigten wüssten alle über die Standorte der Kameras Bescheid, weiss man in Vevey. Sepulveda verneint und sagt, dass es sich um winzige Kameras handle, die zufällig von einem Arbeiter entdeckt worden waren. Er zeigt Aufnahmen, die im firmeneigenen Intranet aufgetaucht sind. So wurde eine Protestaktion der Gewerkschaft vor dem Firmengebäude gefilmt. Zu sehen sind Grossaufnahmen von GewerkschafterInnen, deren Gesichter ganz offensichtlich gezielt gezoomt wurden.

Sepulveda ist am 13. Februar zurück nach Kolumbien geflogen. Während seines Aufenthaltes in der Schweiz wurde er auch am Nestlé-Hauptsitz in Vevey «für einen Höflichkeitsbesuch», wie Nestlé-Sprecherin Melanie Kohli in einer E-Mail schreibt, empfangen. Zur bedrohlichen Sicherheitslage der Nestlé-Beschäftigten schreibt sie, dass die «Sicherheit aller Angestellten absolute Priorität hat». Über konkrete Massnahmen, welche die Sicherheit der kolumbianischen Beschäftigten verbessern würden, ist allerdings auf Nachfrage nichts zu erfahren. Sepulveda ist am Nestlé-Hauptsitz von einem Angestellten herumgeführt worden, und man hat ihm die verschiedenen Produkte gezeigt, die Nestlé weltweit herstellt. Über die Einschüchterungen wollte man aber nicht reden, so Sepulveda: «Man sagte mir, dass alles, was mit Kolumbien zu tun hat, dort verhandelt werden müsse.»

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