Nr. 26/2008 vom 26.06.2008

«Noch ist das Rennen offen»

Wird in der Schweiz noch mal ein AKW gebaut? Nicht, wenn Leo Scherer es verhindern kann - ein Porträt des Atomgegners.

Von Sina Bühler

Man schmücke sich im Nachhinein ja gerne mit fremden Federn und verkläre die eigenen Taten, sagt Leo Scherer, «aber wenn ich mich richtig erinnere, habe ich keine einzige Nacht auf dem Gelände in Kaiseraugst verbracht». Leo Scherer gilt heute als einer der profiliertesten Schweizer Experten in Sachen Atomkraft. Das Thema begann ihn und viele andere zu packen, als das Areal besetzt wurde, auf dem Mitte der siebziger Jahre das Atomkraftwerk Kaiseraugst geplant war.

Bei den Protestaktionen war Leo Scherer damals trotzdem dabei, nur in einer anderen Rolle, die allerdings für den Erfolg der Bewegung nicht weniger Bedeutung hatte. Er klärte die Leute auf, sorgte für die schweizweite Vernetzung des Widerstands, besuchte natürlich auch die Vollversammlungen während der elfwöchigen Besetzung im Fricktal.

Als diese am 1. April 1975 begann, war Scherer 22-jährig. In der Mittelschule hatte er sich bereits politisch betätigt, «in der Friedensbewegung, gegen den Vietnamkrieg zum Beispiel». Dann begann sich in Basel der Widerstand gegen den Bau eines Atomkraftwerks in der Agglomeration zu regen. «Vorerst ging es um ein Mitspracherecht der Bevölkerung beim Bau von AKWs, und das hat mich von meinem Politikverständnis heraus angesprochen. Was Atomkraft anging, war ich noch relativ ahnungslos», sagt Scherer. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert: Es gibt wohl nicht viele in der Schweiz, die sich über Jahrzehnte hinweg so intensiv damit beschäftigt haben wie der 55-jährige Aargauer, der heute bei Greenpeace Kampagnenleiter im Bereich atomare Gefahren ist.

Eines aber ist gleich geblieben: Die Argumente für Atomenergie tönen heute erstaunlich ähnlich wie damals. Der Stromverbrauch steigt immer weiter, und die Regierung will mit den StromproduzentInnen die «drohende Stromlücke» schliessen. Damals wie heute glaubt man, das gehe nur mit Atomstrom. Damals wie heute werden AKWs als einzige klimaschonende Energieform propagiert. «Eine fantastische PR-Strategie der Befürworter», das muss Scherer zugeben.

Protestierende Kinder

Scherer ist in Wettingen aufgewachsen, nicht weit vom AKW Beznau. Später würden in der Nähe - im Umkreis von vierzig Kilometern - auch die neueren Atomkraftwerke in Gösgen und Leibstadt dazukommen. Und Kaiseraugst liegt etwa sechzig Kilometer von Wettingen entfernt.

Scherers Vater arbeitete bei Brown Boveri in Baden, dort also, wo ein Teil der Technik für die Atomkraftwerke gebaut wurde. Das prägte die Stimmung in der Region - wegen der Arbeitsplätze und nicht zuletzt wegen der Faszination für eine hoch entwickelte Technik.

Dann kam eben Kaiseraugst, und auch in Baden polarisierte die Atomkraft plötzlich. «Anfangs richtete sich unser Widerstand zwar mehr gegen die Macht des Staates und der Stromproduzenten, und gegen deren Repression», sagt Scherer. Dass die sich überhaupt nicht um die Meinung der Bevölkerung scherten. Und er findet es heute noch einzigartig, dass damals einfach Menschen hingestanden seien und gesagt hätten: «Nein, hierhin stellt ihr das nicht!» Sein jüngerer Bruder, der in Basel studiert habe, sei einer der ständigen Besetzer gewesen, sein älterer Bruder und seine Schwester beteiligten sich genauso am Protest wie er selbst.

Gab das daheim keinen Streit mit dem Vater? Scherer überlegt, er kann sich gar nicht mehr so genau erinnern. Und sagt dann: «Nein, ich glaube nicht. Meine Eltern duldeten es zuerst, und später waren sie - soviel ich weiss - sogar stolz auf ihre protestierenden Kinder.» Die Unterstützung für die Kaiseraugst-AktivistInnen wuchs während der Besetzung sowieso rasant: Nach neun, zehn Wochen war laut Umfragen schon die Hälfte der Bevölkerung gegen den Bau, und nicht nur die AnwohnerInnen der umliegenden Dörfer von Kaiseraugst. «Auch auf der Strasse in Baden musste ich die Leute nicht mehr lange überzeugen», sagt Scherer. Am Anfang hätten viele, die bei Brown Boveri arbeiteten, sich selbst als eine Art Experten betrachtet und den Grünschnäbeln kein Wort glauben wollen. Das änderte sich, als klar wurde, dass in Basel viele kluge und informierte Köpfe mitprotestierten.

Die Protestaktion war so erfolgreich, dass das AKW Kaiseraugst niemals gebaut wurde. Und das war erst der Beginn der Anti-Atom-Bewegung. Leo Scherer stand am Anfang seines Jurastudiums an der Universität Zürich, als er sich erstmals gegen AKWs einsetzte. «Die Studienwahl hatte schon etwas mit meiner politischen Einstellung zu tun: Der Bereich der staatlichen Macht, die Möglichkeiten der legalen Einflussnahme, das alles faszinierte mich.» Das Studieren stand trotzdem lange an zweiter Stelle, denn nach Kaiseraugst kam der - wenn auch erfolglose - nächste Besetzungsversuch, um das bereits fertiggebaute Werk Gösgen zu stoppen. Die Reaktion darauf war ziemlich heftig. «Der Staat ist noch schneller bereit, zur Repression zu greifen, wenn das viele Geld schon ausgegeben ist», sagt Scherer.

Die Bewegung erlahmte deswegen noch lange nicht, es folgte eine fast lückenlose Kette von Basisaktivitäten. Die Volksinitiativen zur Wahrung der Volksrechte beim Bau von Atomanlagen (1979) für eine Zukunft ohne weitere Atomkraftwerke für eine sichere und sparsame Energieversorgung (beide 1984), für den Ausstieg aus der Atomenergie und ein AKW-Moratorium (beide 1990), die Solarinitiative (2000) und zuletzt die Initiative für die Verlängerung des Moratoriums und für «Strom ohne Atom» (2003) bedeuten dann bereits eine andere, konventionellere Art des Widerstandes. Ein teils sehr erfolgreicher Widerstand - in beiden Basel beispielsweise wurde das Verbot einer Kernenergienutzung in der Verfassung verankert.

Widersprüchlicher Staat

Irgendwann zwischendurch schloss Leo Scherer sein Studium dann doch ab. Als Jurist arbeitete er ein paar Jahre beim Baudepartement des Kantons Aargau. Danach absolvierte er ein Nachdiplomstudium in allgemeiner Ökologie. Als seine Tochter zur Welt kam, kümmerte er sich hauptsächlich um die Familie und vertrat nebenher als Jurist umweltpolitische Organisationen wie den VCS, die Schweizerische Energiestiftung oder Greenpeace. Und bei Greenpeace blieb er. Vor der Initiative zur Verlängerung des AKW-Moratoriums, über welche die StimmbürgerInnen 2003 entschieden, habe ihm Greenpeace den Posten als Kampagnenleiter angeboten. Seine damals zwölfjährige Tochter fand es in Ordnung, dass er wieder mehr berufstätig war, und «ab da habe ich wieder professionell mit Atompolitik zu tun gehabt», sagt Scherer. Dass er einer der wenigen AktivistInnnen von damals sei, die sich heute noch derart stark mit dem Thema befassten, sei normal. Viele hätten neue Prioritäten im Leben gefunden, aber vor allem gebe es gar nicht so viele Jobs in dem Bereich.

Dabei steht das Thema Atomkraftwerk immer wieder auf der politischen Agenda. So wie vor ein paar Wochen, als die Atel als erste Stromproduzentin ihre Pläne für ein neues AKW in Däniken bekanntgab (siehe «Vielen Dank, Atel!» WOZ Nr. 24/08). Das Vorpreschen sei nicht nur schlecht für die GegnerInnen: «Die Anti-AKW-Politik bekommt damit wieder ein konkretes Ziel», sagt Leo Scherer.

Der Staat beteilige sich heute wie früher immer noch aktiv am Vorwärtstreiben dieser Energieform. Da die meisten Stromkonzerne fest in kantonaler Hand seien, sei das nicht erstaunlich - mit dem Bau von neuen Kraftwerken vergrössere sich nämlich auch deren Einkommen. Darum ist ihm die aktuelle Viersäulenpolitik in der Energiewirtschaft ohnehin suspekt: «Wenn das 'Fördern von Energieeffizienz' und das 'Fördern erneuerbarer Energien' zwei der Säulen sind, wie kann dann die dritte Säule 'Bau von Grosskraftwerken' und die vierte 'Energiepolitik im Ausland' lauten?» Die einen schliessen doch die anderen aus? Allein der in Iran von Bundesrätin Calmy-Rey ausgehandelte Gasdeal würde mehr Energie liefern als alle AKWs zusammen. Und wenn ausserdem die geplanten Kraftwerke noch gebaut würden, sei das Stromvolumen zuletzt so gross, dass alle Effizienz-Versprechen sich erübrigten. Kurz: Kantone und Eidgenossenschaft können gar nicht tun, was sie gerne versprechen - ganz einfach, weil sie sich selbst ein Bein stellen würden.

Das Rennen ist offen

Was ist denn Scherers Lösung? Und glaubt er, dass in der Schweiz ein neues AKW gebaut werden wird? «Es ist im Moment ein offenes Rennen», sagt er. Wenn die Bevölkerung Vertrauen fasse, dass es gar keine akute «Stromlücke» gebe, dass der Bedarf problemlos durch eine Verbesserung der Effizienz und mit erneuerbaren Energien gedeckt werden könne, dann kippe es eher in Richtung Nein. Und man dürfe nicht vergessen, dass Atomkraft immer und überall umstritten bleiben werde. Es brauche nur einen Unfall irgendwo in einem Reaktor, und die Stimmung drehe sogar komplett.

Im Rest der westlichen Welt würden erneuerbare Energien boomen, nicht nur aus umweltpolitischen Gründen. Der Bau von AKWs werde als Verlustgeschäft angesehen. So habe der US-amerikanische Milliardär Warren Buffet eigentlich in ein AKW investieren wollen. Dann habe er das Ganze noch einmal durchgerechnet und gemerkt, dass sich das absolut nicht lohnt. «Die Stromproduzenten in der Schweiz behaupten das Gegenteil - die Frage ist, wer sich da wohl irrt», sagt Scherer maliziös.

Bei Greenpeace sind Atomanlagen und Atomwaffen thematisch unter demselben Dach. Für Scherer sind sie untrennbar, denn «die Grundtechnik ist praktisch dieselbe. Und an diesem Gefahrenherd sollten wir uns einfach nicht beteiligen.» Wenn einer wie der französische Präsident Nicolas Sarkozy in der Welt herumreist und in Ländern wie Algerien, Syrien und China Atomkraftwerke des französischen, staatlichen Stromkonzerns EDF verkaufen will - als Mittel für den Klimaschutz - sollte auch die Schweiz aufhorchen: Die EDF besitzt ein Viertel der Aktien der schweizerischen Atel.

Scherer ist dennoch immer wieder erstaunt, wie klein der Wissensschatz zum Thema Atom sei, vor allem in den Medien. Letzthin habe er in einer Gratiszeitung wieder einmal haarsträubenden Blödsinn zur Urananreicherung lesen müssen. Aber vielleicht sei das ja zu jedem komplexen politischen Thema so, sagt er, dass die einfachen Antworten doch einfach die beliebteren seien. Er zuckt nur mit den Schultern.

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