Nr. 07/2009 vom 12.02.2009

2500 Watt für Kopfarbeit

Auch Bildung belastet die Umwelt: Die ETH propagiert die 2000-Watt-Gesellschaft, doch der Pro-Kopf-Verbrauch von ETH-Studierenden ist bedenklich hoch.

Von Hanspeter Guggenbühl

Wirtschaft und Energie sind miteinander verknüpft: Wächst die Wirtschaft, wächst tendenziell auch der Energieverbrauch. Besonders viel Energie benötigen wir, um Rohstoffe abzubauen, Güter herzustellen, Häuser zu heizen, Fahrzeuge sowie elektrische Geräte zu betreiben. Der Energieverbrauch ist deshalb der wichtigste Indikator, um die ökologische Belastung insgesamt zu erfassen. Allerdings könne die Wirtschaft auch immateriell wachsen, entgegnen Ökonomen. Der viel zitierte Ökonom Thomas Straubhaar etwa illustrierte dies in einem Interview im «Tages-Anzeiger» mit folgenden Worten: «Eine Dienstleistung wie Bildung beispielsweise findet in den Köpfen der Menschen statt. Wir belasten die Umwelt nicht, wenn wir uns mit der Relativitätstheorie befassen.»

Die Energiebilanz der ETH

Mit Relativitäts- und andern Theorien beschäftigen sich Studierende an der ETH. Zudem gehört die ETH zu den Promotoren der 2000-Watt-Gesellschaft. Diese will den Primärenergieverbrauch in der Schweiz auf den Weltdurchschnitt und mithin auf ein Drittel senken. Diesem Ziel  -  einem Verbrauch von 17 600 Kilowattstunden pro Kopf und Jahr oder einer konstanten Leistung von 2000 Watt pro Person - hat sich auch die Stadt Zürich verpflichtet. Deshalb ist es von Interesse, zu erfahren, wie viel Energie Lehrende und Studierende an der ETH Zürich beanspruchen.

Die Antwort liefert der neuste ETH-Umweltbericht: Im (warmen) Jahr 2007 verbrauchten die Gebäude der ETH Zürich 99 Millionen Kilowattstunden Elektrizität plus 48 Millionen Kilowattstunden Wärme, wobei die Wärme primär mit Erdgas erzeugt wurde. Aussagekräftig ist der Verbrauch pro Kopf. Dazu dividiert man die total 147 Millionen Kilowattstunden durch die 15 927 Personen (umgerechnet in Vollzeitstellen), die 2007 an der ETH studierten oder arbeiteten. Ergibt 9230 Kilowattstunden Energie oder (verteilt auf 8760 Jahresstunden) 1050 Watt Leistung pro Kopf. «Das ist bereits mehr als die Hälfte der Energie, die in einer 2000-Watt-Gesellschaft zur Verfügung stünde», folgern die Verfasser des Umweltberichts.

Diese Aussage ist geschönt. Denn das 2000-Watt-Ziel bezieht sich auf die Primärenergie; diese enthält auch die Umwandlungsverluste. Grosse Verluste entstehen bei der Umwandlung der Primärenergieträger Kohle, Erdgas und Uran in Strom. So rechnet die ETH-Annex-Anstalt Eawag die Endenergie Elektrizität mit einem Faktor 3,0 in Primärenergie um (gestützt auf den Schweizer Verbrauchsmix), die Wärmeproduktion mit einem Faktor 1,3. Nach dieser Berechnung beansprucht die ETH pro Kopf und Jahr 2576 Watt Primärenergie. Das heisst: Allein mit Forschung und Bildung haben Dozentinnen und Studenten an der ETH Zürich ihr 2000-Watt-Konto bereits überzogen. Alle andern Lebensbereiche  - von der Ernährung (ausserhalb der Mensa) übers Wohnen bis zum Dienst- und Pendelverkehr - sind in dieser Energiebilanz nicht enthalten. Ebenfalls nicht inbegriffen ist die (graue) Energie, die für den Bau der massigen ETH-Gebäude aufgewendet wurde.

Das Beispiel zeigt: Forschung und Bildung, die ausserhalb der heimischen Studierstube betrieben werden, tragen wesentlich zum Ressourcenverbrauch bei. Bei der ETH fällt neben der Haustechnik die Prozessenergie stark ins Gewicht - von der Wärme- über die Kälteerzeugung zu Forschungszwecken bis hin zum Stromverbrauch der Grossrechner.

Leuchtturm in Dübendorf

Gewiss, in der ETH stecken Altlasten. Deshalb verweist Alexander J. B. Zehnder, bis Ende 2007 Präsident des ETH-Rates, gerne auf Neues. In einem Interview mit dem Verein Energie-Cluster, der «mehr Wertschöpfung mit mehr Energieeffizienz» anstrebt, sagte Zehnder: «Als Leuchtturm für die 2000-Watt-Gesellschaft bezeichne ich jeweils das Forum Chriesbach in Dübendorf.» Dabei handelt es sich um den 2006 vollendeten Neubau des ETH-Wasserforschungsinstituts Eawag. Bevor Daten aus der Praxis vorlagen, wurde die Energieeffizienz dieses Neubaus mehrmals preisgekrönt, unter anderem mit dem nationalen Watt d’Or. Die Eawag selbst lobte: «Die baulichen und technischen Massnahmen tasten sich an die Grenzen des heute Machbaren heran.»

Was das «baulich und technisch Machbare» - beste Wärmedämmung, energieeffiziente Haustechnik, kluge Nutzung von Umgebungswärme und so weiter - konkret bringt, zeigen die kürzlich veröffentlichten Messdaten. Die wichtigsten Resultate zum Primärenergieverbrauch (bei 220 Personen Vollzeitäquivalent): Eine Person, die im Neubau Forum Chriesbach arbeitet, beansprucht pro Jahr 6754 Kilowattstunden Primärenergie. Das entspricht einer Leistung von 750 Watt pro Kopf. Davon entfallen 520 Watt allein auf den Stromverbrauch (inklusive Serveranteil), 70  Watt auf den Bezug von Raumwärme sowie Kühlung und 160 Watt auf die graue Energie, die im Neubau steckt.

Verbrauch im Vergleich

Der Eawag-Neubau benötigt also nur etwa ein Viertel so viel Energie wie die ETH insgesamt (ohne die von der ETH nicht erfasste graue Energie). Das ist die gute Nachricht. Die weniger gute: Eine Person, die in einem der energieeffizientesten Gebäude der Schweiz arbeitet, verbraucht allein am Arbeitsplatz 750 Watt und damit mehr als ein Drittel der Primärenergie, die die 2000-Watt-Gesellschaft für alle Lebensbereiche erlaubt. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass die Eawag primär Wissen produziert. Um ihren Pro-Kopf-Verbrauch weiter zu senken, müsste die Eawag ihre Raumeffizienz steigern, also mehr Leute pro Quadratmeter beschäftigen (heute stehen im Neubau pro Kopf fünfzig Quadratmeter Fläche zur Verfügung).

Der gesamte Sektor Dienstleistungen in der Schweiz beansprucht - umgerechnet nach Eawag-Methode - 2800 Watt Primärenergie pro Arbeitsplatz. In derselben Grössenordnung bewegt sich der Energiebedarf der Grossbanken. Was zeigt: Auch sogenannt immaterielle Tätigkeiten verschlingen hierzulande mehr Energie, als dem Durchschnitt der Menschheit in allen Lebensbereichen zur Verfügung steht.

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