Nr. 17/2009 vom 23.04.2009

Lazarus

Von Eva Pfister

Aleksandar Hemon hielt sich gerade in den USA auf, als er vom Krieg in seiner Heimatstadt Sarajevo erfuhr. Seither lebt er in Chicago. «Wenn ich nicht schreiben könnte, würde ich sterben», sagt er. Exil und gespaltene Identität sind Hemons Themen seit «Die Sache mit Bruno» (2000) und «Nowhere Man» (2003).

Im Schreiben fügt sich die zerrissene Identität zusammen, so geht es auch Vladimir Brik, dem Protagonisten von Hemons neuem Buch «Lazarus». Auch er ist ein Bosnier im Exil, und erst auf einer Reise durch Osteuropa wird ihm bewusst, wie fremd er sich in den USA fühlt. Brik recherchiert das Schicksal eines früheren Einwanderers: Der Jude Lazarus Averbuch sprach eines Tages beim Polizeichef von Chicago in dessen Privathaus vor - und wurde von ihm erschossen. Das geschah 1908, zur Zeit der - antisemitisch grundierten - Anarchistenhysterie: In jedem dieser AusländerInnen, die ihre ärmliche Existenz in den Judenvierteln der amerikanischen Städte fristeten, sah man einen Terroristen oder eine Terroristin.

Brik reist mit seinem Freund Rora, einem Fotografen, den Lebensstationen von Lazarus Averbuch nach: In Chisinau hatte er ein Pogrom überlebt und war nach Czernowitz geflohen, bevor er in die USA emigrierte. Ungeschönt und mit sarkastischem Witz stellt Hemon die heutige osteuropäische Realität dar, von den übel riechenden Taxis bis zu den dumpf protzenden Neureichen. Dennoch fühlt es sich für Brik wie Heimat an, umso schmerzlicher, als Rora ihm die schrecklichen Ereignisse in Sarajewo während des Krieges erzählt.

Auf der zweiten Ebene wird das Schicksal von Lazarus Averbuch in Chigaco erzählt, hauptsächlich aus der Perspektive von Olga, die nach der Ermordung ihres Bruders ins Visier der Anarchistenjäger gerät. So hart und düster auch diese Passagen sind, Hemon behält stets eine gewisse spielerische Ironie bei. Denn sein Buch handelt auch vom Geschichtenerfinden: Dem Autor Brik rutscht stets seine Gegenwart in die Schilderung der Vergangenheit hinein, während gleichzeitig die bosnische Vergangenheit den Neuamerikaner einholt.

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