Nr. 29/2009 vom 16.07.2009

Amnesty gegen Amnestie?

Interview: Dinu Gautier

WOZ: Amnesty International kämpft dafür, dass Menschenrechte für alle Menschen gleichermassen gelten. Sind Sie naiv?
Danièle Gosteli Hauser: Wer als Menschenrechtsaktivistin arbeitet, ist grundsätzlich etwas naiv. Vieles in dieser Welt läuft schlecht, viele Regierungen sind korrupt, und viele Unternehmen haben nur raschen Profit vor Augen. Wenn ich aber das Gefühl hätte, ich könne daran nichts ändern, dann wäre es absurd, diese Arbeit weiterhin zu machen. Vielleicht könnte man statt von Naivität auch von einer grossen Portion Optimismus sprechen, von Hoffnung, auch wenn es düster ist.
Es gibt immer wieder Fälle, bei denen Amnesty die Freilassung von Leuten erreicht, die zuvor zwanzig Jahre in der Finsternis gefoltert wurden oder in Todeszellen sassen. Das sind vielleicht nur kleine Erfolge – aber immerhin.

Seit drei Wochen fährt Amnesty International eine weltweite Kampagne gegen die Machenschaften des Ölmultis Shell im Nigerdelta. Sind erste Erfolge in Sicht?
Die Kampagne ist zumindest gut gestartet. So naiv sind wir aber auch wieder nicht, dass wir das Gefühl hätten, Shell würde innert weniger Tagen die sofortige Beseitigung von Umweltschäden verkünden, die sie in den letzten fünfzig Jahren angerichtet haben. Die italienische Eni, ein anderer im Nigerdelta aktiver Ölkonzern, hat sich bereit erklärt, unsere Empfehlungen genauer anzuschauen. Ihr CEO wird eine Amnesty-Delegation persönlich empfangen. Das ist ein wichtiger Schritt vorwärts, der den Druck auf Shell und andere Konzerne erhöhen wird, unsere Forderungen ernst zu nehmen.
Wichtig für den Kampagnenstart war zudem auch die gute Medienpräsenz.

Wer hat berichtet?
Das Medienecho war besonders in Grossbritannien und den Niederlanden gross. Dort hat Shell seine Hauptsitze. Und es gab Beiträge in tonangebenden internationalen Medien wie CNN, CNBC, «New York Times» oder BBC. Es ist uns wichtig, dass das Ganze auch in Nigeria selbst ein Thema ist. Wir haben daher unseren Untersuchungsbericht vor Ort vorgestellt. Er wurde im nigerianischen Fernsehen und auf den Titelseiten der Presse thematisiert. In der Schweiz hätte ich mir angesichts des Amtsantritts eines Schweizer CEO bei Shell eine etwas grössere Medienpräsenz erhofft.

Amnesty hat Shell-CEO Peter Voser einen offenen Brief geschrieben. Hat er ihn bereits beantwortet?
Nein. Er kritisierte aber öffentlich unseren Bericht: Wir hätten die Komplexität des Konflikts im Nigerdelta nicht gewürdigt und würden falsche Zahlen kolportieren, was ich vehement bestreite. Voser sagt, 85 Prozent der Öllecks würden nicht durch schlechten Unterhalt, sondern durch Sabotage verursacht.

Das «Wall Street Journal» meldet, allein letzten Monat hätten Rebellen drei Bohrtürme angegriffen und sich auch dazu bekannt. Ganz aus der Luft gegriffen kann das Sabotageargument von Shell also nicht sein.
Wir bestreiten in unserem Bericht nicht, dass es Sabotage gibt. Die Sabotageakte sind aber erst in den letzten Jahren zu einem Problem geworden, die Verschmutzung findet jedoch seit mehr als fünfzig Jahren statt. Shell ist mitverantwortlich dafür, dass sich im Nigerdelta Not und Elend verbreitet haben. Damit wiederum rechtfertigen Rebellengruppen ihren eigenen bewaffneten Kampf.

Haben Sie Beweise für Ihre Anschuldigung, Shell brauche Sabotageakte als Ausrede?
Ja. Nehmen wir einen konkreten Fall: 2002 leckte eine Unterwasserpipeline beim Fischerdorf Batan. Zwei Tage vor der Untersuchung, also noch bevor sich Taucher das Leck angeschaut hatten, sprach Shell von Sabotage. Wir sind im Besitz eines Videos, das zeigt, wie dann während der Untersuchung Vertreter von Shell darauf bestanden, dass keine Details bezüglich der Ursachen des Lecks ermittelt werden sollen.

Momentan herrscht im Nigerdelta einmal mehr ein bürgerkriegsähnlicher Zustand. Nigerias Regierung kritisiert, der Amnesty-Bericht legitimiere indirekt den bewaffneten Kampf der Rebellen.
Falsch. Die Regierung sagt lediglich, dass wir mit diesem Bericht dem Präsidenten nicht helfen würden, eine Lösung in dem Konflikt zu finden. Er bietet den Rebellen eine Amnestie an, wenn sie ihre Waffen abgeben. Wir sind aber vorsichtig mit Amnestien.

Amnesty ist gegen Amnestie?
Wir stehen nicht für die Straflosigkeit von Verbrechern.

Danièle Gosteli Hauser (45) arbeitet 
seit siebzehn Jahren für Amnesty International. Seit 1998 ist sie 
zuständig für den Bereich Wirtschaft 
und Menschenrechte.

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