Nr. 49/2010 vom 09.12.2010

Haben Sie Ihren Militärdienst verweigert?

Der in Bern geborene Autor Guy Krneta (46) wundert sich, 
dass sein ­Grossvater nicht aus der Schweiz ausgeschafft 
wurde, und hat sich eigentlich auf seinen Gefängnisaufenthalt 
gefreut, der dann aber doch nicht ganz so lustig war.

Von Jan Jirát (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Guy Krneta: «Ich bin im Bewusstsein aufgewachsen, dass man nicht selbstverständlich Schweizer ist.»

WOZ: Herr Krneta, Ihr Name klingt nicht nach Entlebuch oder Freiamt. Woher stammt der Name Krneta?
Mein Grossvater auf der väterlichen Seite war Jugoslawe. Ein bosnischer Serbe aus Kro­atien, wie man in heutiger Terminologie sagen würde. Er ist 1923 in die Schweiz ausgewandert, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg als Staatenloser gelebt hat.
Zu Beginn des Kriegs wollte mein Grossvater noch zurück, um für das damalige Königreich Jugoslawien zu kämpfen. Da er Schulden in der Schweiz hatte, durfte er aber nicht ausreisen.

Wie bitte? Seine Schulden waren der Grund, weshalb Ihr Grossvater die Schweiz nicht verlassen durfte?
Ja, heute würde er deswegen ausgeschafft. Mein Grossvater blieb übrigens den Rest seines Lebens staatenlos. Nachdem er meine Grossmutter geheiratet hatte, eine spätere Bundeshausjournalistin, wurde auch sie staatenlos. Das war damals gängige Praxis.

Demnach müsste Ihr Vater also auch staatenlos sein.
Zu Beginn der fünfziger Jahre trat ein entsprechendes Bundesgesetz in Kraft, dass eine Schweizerin, die einen Ausländer geheiratet hatte, ihr Bürgerrecht erleichtert zurückerhalten konnte. Das galt auch für die Kinder, nicht aber für den Ehemann.

Sie selbst sind fast ganz Schweizer?
Ich bin als Schweizer in Bern geboren, in einem gutbürgerlichen Umfeld. Die Staaten­losigkeit war keine Erfahrung für mich, nur das Wissen um die Geschichte meines Grossvaters. Ich bin im Bewusstsein aufgewachsen, dass man nicht selbstverständlich Schweizer ist. Dass es ein historischer Zufall ist, welchen Pass man besitzt.
Für mich ist es unbegreiflich, wie jemand daraus Ansprüche ableiten kann. Ein Anrecht auf Privilegien. Das ist doch absurd!

Ein gewisses politisches Bewusstsein war also schon früh vorhanden. Was waren die weiteren Ereignisse oder Erlebnisse, die Sie politisierten?
Ich wurde Ende der siebziger Jahre mit den Liedermachern kulturell sozialisiert, habe Songs geschrieben, die selbstverständlich sozialkritisch waren. Die Folkbewegung, die Friedensbewegung waren wichtig für mich.
Prägend war für mich auch die Tschernobyl-Demo 1987 auf dem Berner Bundesplatz. Und dann hat mich die Armee beschäftigt oder besser gesagt ihre Abschaffung.

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Sie mit dieser Haltung den Militärdienst verweigert haben …
Ich hatte viel zu viel Angst vor dem Gefängnis und bin mit grosser Selbstver­achtung in die Rekrutenschule eingerückt. Das Schlimmste war die Demütigung, eine Uniform tragen zu müssen. Und damit in den Ausgang zu gehen oder im Zug zu sitzen. Als ich dann beim Theater war, konnte ich meine WKs immer wieder verschieben. Ein Jahr nach der Armeeabschaffungsinitiative, als ich wieder hätte einrücken müssen, rief die GSoA zur kollektiven Dienstverweigerung auf, um damit die Einführung eines Zivildiensts durchzusetzen. Zusammen mit 1500 anderen habe ich diesen Aufruf unterzeichnet und den Dienst verweigert.
Ich wurde zu sechs Monaten Haft verurteilt. Da ich damals in Genf angemeldet war, konnte ich den Vollzug um vier Jahre auf­schieben. Während dieser Zeit arbeitete ich dann als Dramaturg in Deutschland. 1996 bin ich in die Schweiz zurückgekehrt. Direkt ins Gefängnis.

Und wie war es da?
Es hat mich mehr aufgewühlt, als ich erwartet hatte. Ich dachte: Super, die Eidgenossenschaft bezahlt mir ein Schreibstipendium in Genf. Aber die entmündigende Situation, dass ich mich nicht frei bewegen konnte und nur eine bestimmte Anzahl Stunden draussen verbringen durfte, blockierte mich.
Ich kam gar nicht recht zum Schreiben, notierte nur, was ich gerade erlebte oder was mir erzählt wurde. Ich bin aber überhaupt nicht schikaniert worden, wie das Dienstverweigerer zehn Jahre vorher noch erlebt hatten.

Ihr Hauptanliegen ist heute nicht mehr die ­Abschaffung der Armee, sondern die Wahrung der Grund- und Menschenrechte. Als was ­verstehen Sie die Plattform Kunst+Politik eigentlich, die Sie massgebend mitinitiiert ­haben?
Als Zusammenschluss und Netz verschiedenster Künstlerinnen und Künstler, die sich für ein realistisches Schweizbild einsetzen, gegen die oberflächliche Swissnessbegeisterung und gegen ihre grausige Kehrseite, die Fremdenhetze.
Kunst+Politik besteht seit Mai, wir hätten nie gedacht, welch unglaubliche Dynamik wir damit auslösen würden. Wir wissen jetzt, dass es möglich ist, eine grosse Öffentlichkeit zu erreichen. Ich hoffe natürlich, dass das Netz nun wächst und weitere Künstlerinnen und Künstler dazukommen. Dass es uns gelingt, eine Plattform aufzubauen, mit der wir rasch reagieren und gemeinsam an vielen Orten auftreten können. Wir dürfen uns sicher nicht zu schade sein, auch plumpe und wenig künstlerische Mittel einzusetzen wie Aufrufe und Verlautbarungen. Daneben aber sollten wir neue Formen entwickeln, aktivistisch sein und gleichzeitig professionell.

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